Der Terror gegen die Eigenen: Do Not Resist

Der Terror gegen die Eigenen: Do Not Resist

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In der treffend betitelten Doku Do Not Resist – Police 3.0, die heute in die Kinos kommt, geht es um Gegenwart und Zukunft der Polizeiarbeit in den USA mit einem besonderen Fokus auf das Leid der schwarzen Bevölkerung. In den USA wird seit einigen Jahren die zunehmende Militarisierung der Polizei beklagt: Die US-Kriege in Afghanistan und dem Irak waren auch große Materialschlachten. Doku-Macher Craig Atkinson besucht beispielsweise einen Friedhof für alte Militärfahrzeuge in Texas. Man sieht dort Hunderte leicht gepanzerter Fahrzeuge, allesamt ausrangiert. Hierbei handelt es sich nicht um Panzer, sondern um Kleinlaster-ähnliche Gefährte wie etwa den Bearcat. Werden diese Fahrzeuge von der Army ausrangiert, sind sie nicht etwa schrottreif, sondern lediglich nicht mehr für den Militärdienst tauglich.

Was aber haben diese militärischen Belange mit der (inländischen) Polizei zu tun? Der Vater von Craig war selber Polizist, und Sohnemann gibt sich in Do Not Resist große Mühe, auch die Seite der Polizei zu verstehen. Oder anders ausgedrückt: Wie ticken Polizisten?
Hierzu besucht Craig beispielsweise ein Ausbildungsseminar und der Ausbilder lässt wirklich tief blicken: Polizisten wären eigentlich wie Sheriffs im Wilden Westen: Sie patrouillieren den Raum der Gewalt, in dem sie auf Monster treffen. Böse Menschen, Verbrecher, die, so erzählt es beispielsweise der FBI-Chef James Comey, bei einer Hausdurchsuchung bereits mit einem Maschinengewehr hinter der Tür lauern, um den armen Polizisten, der nur von einer Schussweste geschützt wird, zu durchlöchern.

Ein Bearcat, noch in Wüstenfarbe, patrouilliert in einem ruhigen Vorort.

Um auf diese (reale oder fantasierte) Bedrohungslage zu reagieren, rüstet die Polizei auf: Fahrzeuge wie eben der Bearcat werden aus alten Militärbeständen angeschafft, „Demo-Bullen“ oder SWAT (US-Spezialeinheiten, die es neuerdings auch in Orten von der Größe Koblenz‘ oder Fulda gibt) sind standardmäßig mit M4-Maschinengewehren ausgerüstet, die Einsatzkräfte trainieren auch militärisch, also mit Soldaten zusammen, zum Beispiel, wie man in kleinen taktischen Gruppen vorrückt.

Die andere Seite: Die Stadt Concord in New Hampshire möchte sich einen Bearcat anschaffen. Kriminalität gibt es kaum in Concord, die (weißen, gebildeten) Einwohner empören sich in einer Stadtratssitzung über die geplante Anschaffung des 250 000 Dollar Gefährts. Die Leute fragen: Wofür braucht die Polizei dieses Militärfahrzeug? Ein Stadtrat versucht zu beruhigen, dass nicht die Stadt für den Bearcat zahlen muss, sondern die Viertelmillion vom Department of Homeland Security erhält. Die Summe fließt als Bezahlung an das Militär, das sonst kein Geld mehr für den Bearcat erhalten würde. Dazu bemerkt ein Bürger richtigerweise, dass dies ja immer noch das Geld der Steuerzahler wäre, und damit ihr Geld. Es ist ein perfekter Deal: Das US-Militär profitiert vom Etat des Heimatschutzministeriums, das in den USA nach dem 11. September gegründet wurde. Genau genommen könnte man auch von einem doppelten Militärhaushalt sprechen. Sehen wir hier dem „militärisch-industriellen Komplex“ bei der Arbeit zu?

SWAT-Teams trainieren mit regulären Soldaten

Doch die Einwohner von Concord werden wohl nur die finanziellen Auswirkungen dieser Anschaffung zu spüren bekommen. Ganz anders in schwarzen Vierteln wie etwa Ferguson, Missouri. Es ist bekannt, dass die schwarze Bevölkerung in den USA systematisch von der Polizei diskriminiert wird. Das beweist u.a. der weit überdurchschnittliche Prozentsatz von Schwarzen in Gefängnissen, von denen die meisten für kleinere Drogenvergehen einsitzen. (Sehr zu empfehlen zu diesem Thema das Buch The New Jim Crow!)
Regisseur Craig ist in Ferguson und beobachtet auf der Straße, in der Menge der Demonstranten, die Proteste im Anschluss an die Tötung von Michael Brown durch einen Polizisten. Hier zeigt die Doku sehr schön, wie es sich anfühlt, einer solchen Polizei-Streitmacht gegenüber zu stehen: Schon wenn die Polizisten anrücken, sitzt oben auf den Bearcats und ähnlichen Gefährten ein Officer mit Maschinengewehr. Ein eindrückliches Bild, das eben eher an Konflikte im Nahen Osten erinnert. Die Polizei setzt dann Tränengas ein, um die Menge auseinander zu treiben. Einzelne kleinere Trupps wenden ihr militärisches Training an und durchkämmen Gebäude neben der Demonstrationsstrecke Zimmer für Zimmer. Auch eine etwa aus dem Irak-Krieg bekannte Taktik. Dies sind die mit Abstand am nachdenklichsten stimmendsten Szenen von Do Not Resist, denn wirklich alles wirkt wie in einem „echten“ Kriegsgebiet. Einzelne Ausrüstungsgegenstände und Fahrzeuge der Polizisten haben sogar noch die braune Wüsten-Tarnfarbe. Willkommen an der Heimatfront!

Eine große Stärke von Do Not Resist ist, dass wirklich die unterschiedlichsten Stimmen zu Wort kommen. Craig hat sich nicht etwa eine Handvoll Experten ins Studio eingeladen und lässt diese erzählen, so informativ auch das sein kann. Nein, er sammelt seine Quellen überall, in Ausschusssitzungen und öffentlichen Anhörungen, dem schon erwähnten Ausbildungsseminar der Polizei oder eben direkt auf der Straße. Der Polizistensohn  scheint dabei besonders im Gespräch mit Beamten immer den richtigen Ton zu treffen. Er findet einen ganz wunderbaren Zugang zu diesen Leuten, die wirklich mit ihm reden, und überwindet so die fast schon hermetische Abriegelung der Polizei. Polizisten reden sonst eigentlich nie mit der Presse oder überhaupt Außenstehenden.

Während die erste Stunde der eher kurz, aber kompakt geratenen Doku sich auch viel auf der Straße, unter Demonstranten aufhält, geht es in einem letzten Segment um Überwachungstechnologien. Hier wird in die Zukunft geblickt. Schon heute ist ein „Nummernschild-Scanner“ Standardausrüstung in den USA: Jedes Polizeifahrzeug hat eine Kamera, und die angeschlossene Software jagt automatisch alle Nummernschilder durch ein System, um beispielsweise gestohlene Fahrzeuge zu erkennen. Eher wenige Reviere haben bisher Gesichtserkennungssoftware, doch auch dies ist im Kommen. Diese Software scannt alle erkennbaren Gesichter von Passanten und vergleicht sie mit Steckbriefen.

Robocop, dein Freund und Helfer

Ein anderes Überwachungs-System: Ein Kleinflugzeug kreist den ganzen Tag über einer Stadt. Es hat etliche Kameras an Bord, die, ähnlich dem Facettenauge eines Insekts, die gesamte Stadtfläche gleichzeitig im Blick behalten. Wird nun irgendwo ein Verbrechen gemeldet, markiert das System den Umkreis und die Wege aller Personen in diesem Umkreis werden für den Rest des Tages in der Stadt nachverfolgt. Denn alle Personen in der Nähe könnten an diesem Verbrechen beteiligt gewesen sein und so lassen sich eventuell mehr und belastende Informationen gewinnen. Diese Technik stammt eigentlich aus der Geheimdienstarbeit, wird aber auch immer mehr in der Polizei und zivilen Behörden angewandt. Auch auf Drohnen lassen sich solche Systeme installieren.

Wogegen richtet sich jedoch diese kombinierte Staatsmacht aus Überwachungstechnik und einzelnen schlagkräftigen Eingreiftrupps? Die Behörden-Vertreter nennen hier oft Terroristen sowie andere Schwerkriminelle. Doch gerade in den von Craig gedrehten Bildern von der Straße, aus den Demonstrationen heraus, wird auch die psychologische Komponente dieser Taktiken spürbar. Die zur Schau gestellte Macht und Feuerkraft der militarisierten Polizei schüchtert die Demonstranten ein. Haben die Politiker und Sicherheitsapparate etwa Angst vor der eigenen Bevölkerung?

Ganz zum Schluss geht Craig noch in die Datenverarbeitungszentrale der Polizei von Los Angeles. Hier sieht man einem Beamten dabei zu, wie er live die sozialen Netzwerke überwacht. Gesucht wird nach Begriffen wie „Fuck the Police“, doch auch: Demonstrationen. Also nicht über Facebook zur Demo verabreden! Ein beunruhigendes Zukunftsszenario, doch eine hochinformative Dokumentation. Tipp!

Robert

Titel: Do Not Resist – Police 3.0
Regie: Craig Atkinson
Laufzeit: 72 Min.
VÖ: 23.2.2017 (dt. Kinostart sowie Digital erhältlich)
Verleih: DCM Filmdistribution

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