David Lynch – Der empathische Cinemagier

David Lynch – Der empathische Cinemagier

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Meine Kindheit bestand aus eleganten Häusern, von Bäumen gezeichnete Straßen, dem Milchmann, dem Bauen von Hinterhof-Festungen, dröhnenden Flugzeugen, blauen Himmeln, Palisadenzäunen, grünem Gras, Kirschbäumen. Der Mittlere Westen, wie er sein sollte. Doch auf dem Kirschbaum gibt es dieses Harz, das herausquellt – etwas schwarz, etwas gelb, und Millionen roter Ameisen, die darüber krabbeln. Ich entdeckte, dass, wenn man ein wenig näher auf diese wunderschöne Welt schaut, es immer rote Ameisen darunter gibt.“

SLEAZE + David Lynch Bio
Ernst und schräg: fast wie SLEAZE

Das Kino des David Lynch ist ein magischer Ort, in dem Welten aufeinanderprallen. Das zeigte uns ja zuletzt sehr gekonnt die Doku David Lynch: The Art Life. Der inzwischen 71-jährige Künstler ist ein Türöffner im einladendsten Sinne. Er eröffnet uns die Pforte in eine Welt des Abstrakten, in ein cinemagisches Labyrinth, das als purer Erlebnisraum zum träumenden Verweilen einlädt.

Geschichten des Mitgefühls

Es geht nicht darum, diesem Labyrinth durch Analyse und Rationalität zu entfliehen. Dinge seien schlicht kompliziert: „Das Leben ist sehr, sehr kompliziert und so sollte es Filmen ebenso erlaubt sein, so zu sein.“ Außerdem: „Ich glaube nicht, dass Leute den Fakt akzeptieren, dass das Leben keinen Sinn macht. Ich denke, es macht Leute furchtbar unwohl.“

Anstatt einer irgendwie anmaßend gearteten Zeigefinger-Attitüde, die uns die Wahrheit des Lebens verkaufen will, besitzt David Lynch etwas unendlich Wertvolleres: Empathie. Dies ist seinen Filmen in jedem Frame anzumerken. In dem Buch Lynch on Lynch, einer Sammlung von Interviews, heißt es, dass sich im Rahmen der Fernsehserie Twin Peaks sowie dem Film Twin Peaks: Fire Walk with Me Anfang der 90er betroffene junge Frauen meldeten und sich dankbar zeigten, wie der Regisseur das Thema sexueller Missbrauch auf der Leinwand respektive dem Bildschirm umsetzte.

Auf Grund Davids Feinsinn für die Welt und ihren Menschen, die für ihn immer wieder betonte Wichtigkeit der Freude an seiner Arbeit, entsteht ein Kino der Menschlichkeit. Keiner kalkulierten, sondern einer aus intuitivem Bewusstsein geborenen Menschlichkeit.

Entgegen einem Trend hin zu erzählerischer Eile nimmt sich David Lynch Zeit für Herzlichkeit und Wärme, die unmittelbar nichts mit dem Plot, wohl aber der Lebendigkeit seiner fiktiven und damit unserer Welt zu tun haben. Man denke etwa an Kyle MacLachlans FBI-Agent Dale Cooper, der im Rahmen seiner Ermittlungen um die tot aufgefundene Laura Palmer (Sheryl Lee) im titelgebenden Twin Peaks nicht müde wird, die Freude und das Leben mit absurdem Humor zu zelebrieren. Jede Tasse schwarzen Kaffees notiert er mit einem wohligen, geradezu kindlichem Grinsen, dem ein inzwischen Kult gewordener Ausspruch folgt: „Verdammt guter Kaffee.“ („Damn good coffee.“)
Oder: Naomi Watts zeigt sich in der jüngst geendeten dritten Staffel der Mystery-Serie während einer Geldübergabe mit zwei Kleinkriminellen empört über deren unmenschliches Verhalten: „In welcher Art von Welt leben wir, in der Leute sich so verhalten können? Andere so zu behandeln, ohne irgendein Mitgefühl oder Gespür für ihr Leiden? Wir leben in einem dunklen, dunklen Zeitalter und ihr seid Teil des Problems.“

Als Detektiv ins Dunkel

Dunkelheit. Auch sie ist eine wesentliche Essenz des Lynch’schen Schaffens. Die Welt hinter, neben, in der Welt. Und oft treffen Traum und Albtraum bei David aufeinander. Manchmal muss man nur ins grün leuchtende Gras schauen, um ein abgetrenntes, von unzähligen Ameisen bewuseltes Ohr zu finden (Blue Velvet). Manchmal entpuppt sich der erhoffte Traumort als düstere, fatale Endstation (Mulholland Drive). Manchmal beherbergt aber auch ein kleines Örtchen im äußersten Nordwesten der Vereinigten Staaten, trotz aufrichtiger, guter Leute eine nicht wirklich greifbare, tief verwurzelte Bosheit (Twin Peaks).

Und da ist er wieder, der Türöffner David Lynch, der eine Welt zu einer höheren Wahrheit öffnet: „Sich in Dunkelheit und Verwirrung zu befinden ist interessant für mich. Aber dahinter kann man sich daraus erheben und die Dinge sehen, wie sie wirklich sind.“ Bis dahin sei es ein „langer, langer Weg“, wobei es in der Zwischenzeit, Dunkelheit, Leid, Verwirrung und Absurditäten gebe und die Leute gingen auf eine Weise im Kreis. „Es ist fantastisch. Es ist wie ein seltsamer Rummel: Es macht viel Spaß, aber es ist viel Schmerz.“

Mit ihm nehmen wir die detektivsche Arbeit auf, denn, so David: „Alles ist ein Mysterium und wir sind alle Detektive.“ Dass wir dabei gar nicht zu einem (rationalen) Ende der Ermittlungen kommen, macht einen großen Reiz seines Kinos aus. Das Labyrinth wird auf gewisse Weise eines bleiben, das jeder nur für sich lösen bzw. vielmehr empfinden kann. Was wir aus diesem Rätsel machen, liegt in Gänze an uns. Lasst uns den Ritt einfach genießen. David: „Es ist mir unwohl, über Bedeutungen und Dinge zu reden. Es ist besser, nicht so viel darüber zu wissen, was Dinge bedeuten. Denn die Bedeutung ist für mich eine sehr persönliche Sache und die Bedeutung für mich ist anders als die Bedeutung für jemand anderen.“

Abstraktionen sind für Davids Filme daher von enormer Strahlkraft, denn sie verschließen sich ihrem Wesen nach einer einzigen Antwort. Seine Realität ist eine gleichsam losgelöste wie geerdete. Bei aller bizarren, seltsamen, absurden Erhöhung funktionierten seine Welten nicht, wenn sie nicht in unserer Existenz verankert wären.
Im Grunde finden Davids Geschichten in seiner, unserer Nachbarschaft statt. Er muss nicht in eine weit, weit entfernte Galaxie reisen, um Dinge kosmischen, universalen Ausmaßes zu erzählen. David schenkt den Dingen einfach Beachtung, was simpel wie schwierig zugleich erscheint in einer Welt, die von „Massenablenkung und Manipulation“ verzerrt und in der Menschen ein Paket bekommen, dass „farbenreich und laut“ ist (Charlie Kaufman).

SLEAZE + David Lynch Bio
Stilikonen: David und Laura Dern bei Twin Peaks.

Unserem eigenen Licht folgen

Bei diesem Fokus auf sein Schaffen hilft ihm die Ausübung der transzendentalen Meditation, die bei korrekter Anwendung zu einem tiefen Hinabtauchen in sich und die Dinge führt, denn über uns sagt er: „Es gibt einen wunderschönen Ozean an Glückseligkeit und Bewusstsein, dass von jedem menschlichen Wesen durch Eintauchen erreicht werden kann[…]“

Daraus entsteht eine ebenso inszenatorische wie erzählerische Konsequenz. Denn David Lynch ist ein funkelnder Beweis dafür, dass Schönheit eigensinnig ist. Er torpediert die so genannten „Sehgewohnheiten“, in dem er seinen Ideen folgt, die alles andere diktieren. Dieses Durchbrechen bekannter Muster ist allerdings keines aus Kalkulation – es ist eine folgerichtige Konsequenz und damit fernab von billiger Provokation. Wer macht, was er will, irritiert automatisch. Ein Kino ohne Verwirrung und Balanceverlust ist spannungsfrei, was sich im Getöse modernen Blockbuster-Mainstreams nur allzu deutlich offenbart. Überdies ist es frei jeglicher Wahrheit.

Bedeutvoll sei, und hier ist nicht nur der Schaffensprozess gemeint, der Kampf gegen die Dunkelheit sowie das damit verbundene Betreten des düsteren Pfades, der sowohl von einigen seiner Charaktere wie eben auch uns selbst beschritten wird bzw. werden sollte. Wie einst Stanley Kubrick sagte: „Ganz gleich, wie gewaltig die Dunkelheit ist, wir müssen uns mit unserem eigenen Licht versorgen.“ David Lynch trägt mit seinem Kino, in dem Licht und Dunkelheit, Traum wie Albtraum, Gewalt und Absurdität aufeinandertreffen zu einem großen Teil dazu bei, dieses Licht in der Welt und uns selbst zu finden. Wenn wir nur seine Einladung annehmen.

Und niemals vergessen: „Repariert eure Herzen oder sterbt.“ Danke, David Lynch.

Alex

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