Das System vs. Nasir Khan: The Night Of

Das System vs. Nasir Khan: The Night Of

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Schön & geheimnisvoll: Mordopfer Andrea

Mit The Night Of: Die Wahrheit einer Nacht steht ein weiterer Serienknaller des Supersenders HBO an. Der amerikanische Premium-Kabelkanal beschenkte uns unwürdige Zuschauer bereits mit Serien wie True Detective oder Westworld, die beide sehr zu empfehlen sind. Bei The Night Of liegen die Produktionsstandards ähnlich hoch. Aber es ist auch einiges anders. Zunächst einmal ist The Night Of eine Krimiserie. Die Hauptrollen spielen John Turturro (Barton Fink) und Riz Ahmed (Star Wars: Rogue One). John ist Anwalt, Riz landet als Verdächtiger im Gefängnis. Aber Moment mal, eine Krimiserie soll eine dieser neuen Superserien sein? Die neuen Serien sind ja das „gute“ Fernsehen, ja, man kann das eigentlich gar nicht mehr Fernsehen nennen, verglichen mit „früher“. Und dieses alte, überholte Fernsehen, mit dem die Welt jahrzehntelang gequält wurde, war vor allem: Anwalts-, Arzt- und eben Polizei- und Krimiserien en masse. Ist die Krimiserie The Night Of nun etwa die Rückkehr zu genau diesem alten Format? Keineswegs, vielmehr wird hier ein sehr hoher neuer Standard für das Genre gesetzt.

Aber steigen wir mal in die Story ein. Bei The Night Of geht es um den Mord an Andrea, einer jungen Frau, die keine Geldsorgen hatte, aber Drogen nahm und gern feierte. Eines Nachts steigt sie in das Taxi von Nasir „Naz“ Kahn ein. Er ist Sohn pakistanischer Einwanderer und ein guter Junge, geht aufs College und hat bisher noch keinen negativen Kontakt mit dem Gesetz gehabt. Das Taxi seines Vaters hatte er sich für eine Partynacht „geborgt“. Andrea steigt nun ein, sie und Naz verstehen sich ganz gut, fahren an den Strand, danach zu ihr und verbringen die Nacht zusammen. Drogen nehmen sie auch, und der gute Naz ist ganz schön raus.
Als er wieder zu sich kommt, ist Andrea ermordet und liegt blutüberströmt in ihrem Bett. War er es? Man denkt es eher nicht, doch ganz sicher sind sich sowohl die Zuschauer wie auch Naz selbst nicht, denn der Substanzencocktail hat ihm einen guten, alten Filmriss beschert.

Auf der Anklagebank: Naz und Anwalt John

Ob er es oder doch jemand anderes war, wird auch erst später vor Gericht wichtig, denn Naz landet vorher als Mordverdächtiger in Untersuchungshaft. John Turturro tritt als sein Anwalt in Aktion und die beiden prinzipiellen Erzählstränge der Serie sind danach Naz, der in Rikers Island, einem berüchtigten New Yorker Gefängnis, klarkommen muss, sowie sein Anwalt, der draußen versucht, ihn vor der Verurteilung zu retten.
All das eben Beschriebene geschieht im Piloten und gut an The Night Of ist jetzt zunächst mal, dass sich die Serie nicht klar einordnen lässt. Ein Anwalt, der versucht, seinen Mandanten zu retten? Das habe ich schon öfter gesehen. Aber dass eine Serie gleichzeitig genau so viel Erzählzeit auf das Gefängnis verwendet? Eher ungewöhnlich, neu und daher spannend. Und der Knast ist ein harter Ort in The Night Of. Schon wenn der schwer gepanzerte Bus über die Brücke zum Inselgefängnis fährt und sich die schweren Stahltüren öffnen, wird klar: Hier kommt Naz von selbst nicht mehr raus. Doch Metall und Stein sind nur die eine Hälfte der Hölle, die andere sind die Mitinsassen. Die riechen nämlich sofort, dass Naz eigentlich kein schwerer Junge ist. Und Frischfleisch wird schnell zur Schlachtbank geführt.
Naz‘ Anpassung ans Gefängnis stellt die Serie eindrücklich dar. Und er hat auch Glück, denn er findet einen Unterstützer im Knast, der ihn unterweist in Sitten und Gepflogenheiten. Diesen Mentor spielt auf geniale Weise Michael Kenneth Williams, der Zuschauern eventuell als Omar Little aus der HBO-Serie The Wire bekannt sein dürfte. Als wegen Mordes verurteilter Ex-Boxer ist Omar hier so etwas wie der King of Knast.

Für den Rest des Lebens im Käfig?

Die Figurenzeichnung in The Night Of ist super und besticht durch eine ganz wunderbare Tiefe, doch ebenso gut an der Serie sind die Schauplätze. Da wäre zum einen Rikers Island, die Gefängnisinsel, doch auch die Stadt selbst ist ein ganz großer Star in The Night Of. New York ist zugegebenermaßen wohl eh die meistfotografierte Stadt der Welt, doch in The Night Of kommt sie überragend gut rüber: Gerade das Dschungel-mäßige, Massive, den Einzelnen so klein Machende der Megastadt spürt man als Zuschauer so richtig.
In diesem anderen Haifischbecken bewegt sich John Turturros Anwalt. Er ist beruflich eigentlich eine gescheiterte Existenz, wächst aber während Naz‘ Verteidigung über sich hinaus. Außerdem wird er auch von Problemen wie einem schlimmen Ausschlag geplagt, was sein Sozialleben ruiniert und ihn der Lächerlichkeit preisgibt. Gleichzeitig ist er aber auch ein guter Mensch und erkennt genau das auch in Naz. So hängt er sich wirklich rein in die Verteidigung und lässt sich auch davon nicht stoppen, dass die Familie andere Anwälte engagiert.

Im Knast gibt‘s wirklich nichts zu lachen, daher haben sich die Serienmacher den schlauen Trick einfallen lassen, Johns Anwalt draußen immer mal wieder für Auflockerung und ein paar Lacher sorgen zu lassen. Zum Beispiel nimmt er die Katze der ermordeten Andrea bei sich zuhause auf, obwohl er eine Katzenallergie hat, oder besorgt sich Viagra. Da John Turturro mindestens eben so als schräger und lustiger Typ bekannt ist wie als feiner Charakterdarsteller, gehen dem genialen Schauspieler auch diese humoristischen Szenen locker-leicht von der Hand. Zur Geschichte sei auch erwähnt, dass es am Ende eine klare Auflösung gibt. Du wirst also erfahren, wer der Mörder ist. Das ist lange nicht selbstverständlich und nichts ist schlimmer, als ein Cliffhanger in dieser Frage. Aber The Night Of war von Anfang an als Miniserie konzipiert, also wird am Schluss alles klar.

Exzellent wie eh und je: John Turturro

Womöglich am besten an The Night Of ist, wie gekonnt die Serie Gefängnis und Gerichtssystem seziert und kritisch beleuchtet. Denn lange nicht alles ist gut in diesen Kolossen, nicht immer wird die Wahrheit verfolgt von Polizei und Staatsanwaltschaft. U.a. wird Naz sehr rasch von der Polizei als einziger Verdächtiger angesehen, auch da er pakistanischer Herkunft ist. Rassismus ist allerorten in The Night Of. Naz wird von einem Zeugen direkt beschimpft, dann fragt wieder ein Reporter in einer Pressekonferenz, ob der Verdächtige Connections zu „Organisationen“ hätte, also ob er Terrorist wäre. So eine Frage würde ein Reporter wohl kaum zu einem weißen Verdächtigen stellen. Auf diese Art ist Naz also von Anfang an schuldig – obwohl auch die Geschehnisse der Mordnacht haarsträubend sind und der verpeilte, geschockte Naz sich selbst ganz schön reinreitet.

Aber es ist nicht nur der Rassismus, es ist auch die Maschinerie, das gesamte System, das so gut rüberkommt. Denn wenn das erst mal angelaufen ist und dich wie in Naz‘ Fall als Schuldigen betrachtet, sieht es echt schlecht aus. Die Polizisten sind abgezockte Profis, die schon tausend Mal verhört haben und ganz froh sind, wenn sie genug Beweise für eine Anklage haben (also dann nicht in andere Richtungen weiterermitteln). Im Knast ist es lebensgefährlich. Oder aber das alte Lied, dass Kriminelle erst im Gefängnis zu richtigen Kriminellen werden – nämlich durch den Umgang und Austausch mit den anderen Insassen. Auch das bringt die Serie gut rüber, so fängt Naz z.B. im Knast an, Drogen zu nehmen.

Neben aller realweltlichen Problematik ist The Night Of auch stets hochspannend. Nach einer Weile zieht einen die Serie so rein und durch den hohen Realismus ist man nach ein paar Folgen absolut versunken in der gezeigten, geschlossenen Erzählwelt – toll! Einfach alle Details sind stimmig, die Schauspieler begeistern, und Thrill und Nervenkitzel sind als Zuschauender oft kaum noch zu auszuhalten. So soll es sein und hierin haben die neuen Serien gefühlt den heutigen Kinofilmen einiges voraus. Von daher ist The Night Of ein ganz klarer Tipp, nicht nur für Serien- oder Krimifans!

Robert

Titel: The Night Of: Die Wahrheit einer Nacht
Serienschöpfer: Richard Price, Steven Zaillian
Episodenlänge: 60 Min.
: 16.3.2017
Verleih: Warner Home Video

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