Das SLEAZE-Interview zu Yung mit Filmemacher Henning Gronkowski

Das SLEAZE-Interview zu Yung mit Filmemacher Henning Gronkowski

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Gute Techno-Filme gibt es wenige, was eigentlich merkwürdig ist, sitzen doch zumindest Berliner Filmemacher direkt an der Quelle. Mit dem Berlin-Techno-Film Yung hat der deutsche Regisseur Henning Gronkowski jetzt allerdings einen abgeliefert. Und was für einen! Dabei wird er unterstützt von einer talentierten Riege junger Darstellerinnen.

Darum geht’s in Yung

In dem Indie-Film lassen sich die vier Freundinnen Janaina (Janaina Liesenfeld), Emmy (Emily Lau), Joy (Joy Grant) und Abbie (Abbie Dutton), allesamt Schülerinnen kurz vor dem Abi, durch’s Berliner Nachtleben treiben: vom Techno-Club zur Afterhour und wieder zurück auf den Dancefloor.

Die Girls gehen zusammen durch dick und dünn und sind immer füreinander da in drogengeschwängerten Nächten voller Hedonismus, Exzess und freiwilliger Selbstzerstörung – also alles wie im echten Leben!

Ein authentischer, beinahe dokumentarisch anmutender Berlin-Film ist Yung geworden, in dem Einheimische wie Zugezogene „ihre Stadt“ wiedererkennen. Es geht auf rauschhafte Partys, gechillt wird am Kanal, und die Kids sehen aus und sprechen wie in der Wirklichkeit. Super!

SLEAZE + Yung + Henning Gronkowski
Regisseur Henning Gronkowski neben Janaina Liesenfeld | © Edgar Herbst

SLEAZE hat Autor, Regisseur und Produzent Henning Gronkowski – in sicherer Corona-Distanz – zum Interview getroffen, um mehr über Hintergründe und die Entstehungsgeschichte von Yung zu erfahren.

SLEAZE: Ich hab gelesen, du meintest, mit Yung schließt du mit deiner Jugend ab. Wie meinst du das? Gehst du etwa nicht mehr feiern?

Henning: Tatsächlich war ich schon länger nicht mehr feiern, auch schon vor dem Shutdown. Einmal noch bei MCNZI [dem Composer des Soundtracks von Yung], weil ich ihn feier, aber auch nur für ein paar Stunden, und dann bin ich schon wieder nach Hause gegangen. Aber die Sache ist eigentlich nicht, dass ich nicht mehr feiern gehe, sondern, dass ich einfach viel gefeiert habe, und das natürlich in Yung verarbeitet habe.

Und Klaus Lemke [der deutsche Indie-Film-Regisseur, der Henning seinen Start im Business als Schauspieler ermöglichte] meinte zu mir: „Ja, das ist eigentlich ein schöner Abgesang auf deine Jugend, dieser Film.“ Daher kam das.

SLEAZE: Die Feier-Szenen in Yung sind großartig und richtig abwechslungsreich: Mal sind die Mädels auf einem Festival, mal auf einer Afterhour, mal im dunklen Club. Wie habt ihr das hinbekommen? Habt ihr auf echten Partys gedreht oder an echten Locations Partys inszeniert?

Henning: Sowohl als auch. Ich hab Yung ja selbst produziert, also war jetzt nicht so unfassbar unendlich viel Kleingeld da, um Tausende Leute auf ein Festival zu lotsen oder in den Tresor. Deswegen: Shout-out to DJ Hell!

Er hat uns den Tresor klargemacht, das ist die erste große Clubszene in Yung. Das Festival war das Artlake-Festival, die haben uns eingeladen. Alles andere ist natürlich inszeniert, also die Home- und Afterpartys und so. Da haben wir dann bei Leuten angefragt, bei denen sowieso öfter gefeiert wird, ob wir da mal ein bisschen abhängen können…

SLEAZE + Yung + Henning Gronkowski
Emily Lau aus Yung – yeah! | © Henning Gronkowski

SLEAZE: Warum sieht man die „echte Jugend“ so selten im Film?

Henning: Warum wird so was Junges nicht gemacht? Keine Ahnung! Ich hab’s halt gemacht, weil’s nicht gemacht wurde. Also ich wollte es unbedingt machen…

Ich sag mal so: Kaum jemand hat dran geglaubt, dass sich das „Rotweinpublikum“ [Henning meint das klassische Arthouse-/ Indie-Publikum] Yung anschauen würde. Obwohl ich immer sag: Gerade Eltern um die 50 mit drei Kindern sollten ihren Kids mal öfter in die Augen gucken und ein bisschen die Pupillen begutachten, um mitzukriegen, was bei ihren Kids eigentlich abgeht. Und da würde Yung super helfen oder einfach eine Konversation anregen zwischen Eltern und ihren supersüßen, abgefuckten Kids…

SLEAZE: Wie hast du deine Hauptdarstellerinnen gefunden?

Henning: In meiner Produktionsfirma hatte ich einen 18-jährigen Praktikanten, der letztlich beim Casting geholfen hat. Er hat mir nach und nach seine alten Feier-Freunde vorgestellt. Ich bin dann ab und zu noch mit feiern gefahren oder hab meinen Praktikanten in den Club gefahren. Dort hab ich mir die Leute angeguckt und den einen oder andern Kontakt geholt.

Die Leute habe ich dann zum nächsten Tag zum Frühstück eingeladen, wenn sie aus dem Club kamen, und einfach mal abgecheckt! Wie sind die drauf? Sind die drauf? Worauf sind die drauf? Was ist deren Ziel? Wie ist die Familiensituation, was geht in der Schule ab? Solche Sachen. Und das ist dann alles ins Drehbuch eingeflossen.

Also ich sag mal, in nem Club, wenn Berliner Kids anfangen zu raven und wirklich durchstarten, dann kannst du nicht mit denen quatschen. Da kannst du kein Wort führen, das ist schon akustisch nicht möglich. [lacht]

Nach der Party – wer kennt’s nicht? | © G.G. Production/ Wild Bunch

Und deswegen ist es immer ein ganz guter Weg gewesen, zu sagen: Yo, wenn ihr aus dem Club rausfallt und noch nicht müde seid, dann kommt nach Schöneberg (ich hab damals ein Atelier in Schöneberg gehabt), kommt mal zum Frühstück vorbei! Dann kann man Kaffee trinken und ein bisschen quatschen. So lernt man sich halt kennen.

SLEAZE: Kannst du uns bitte erzählen, wie die Story zum Film entstanden ist: Was kommt von dir und was haben vielleicht andere beigetragen?

Henning: Wie ich‘s gerade erzählt habe: Ich hab mir beim Frühstück Geschichten angehört, hauptsächlich von Mädchen, denn die Jungs… Ich sag mal, wenn die was erlebt haben, dann geben die immer so an, das kenn ich auch von mir selber. Und da glaube ich dann immer nur noch die Hälfte. Deswegen sind dann auch die vier jungen Fräuleinchen, die jungen Damen, die Hauptdarstellerinnen geworden.

Die Storys sind einfach Geschichten von jungen Frauen, die sie mir über ihre eigenen Erfahrungen erzählt haben… Was sie gesehen haben, was ihre Freundinnen gemacht haben, was sie selber vielleicht gemacht haben. Und das hat dann wiederum dazu geführt, dass ich mir Sachen ausgedacht habe.

Janaina Liesenfeld und Emily Lau in Yung | © G.G. Production/ Wild Bunch

Beim Drehen selber wurde oft klar: Ne, wenn die das so schauspielern, dann gefallen mir meine geschriebenen Texte nicht mehr. Dementsprechend meinte ich dann: Vergiss den Text, erzähl doch einfach ne Geschichte von nem Typen, mit dem du Sex hattest, und das ging schief. Hast du da eine? Und dann haben die Darstellerinnen gesagt: Ja. Und dann hab ich gesagt: Action und los! Und dann ging’s los.

Es gab z.B. auch keinen Kostümdesigner. Also die haben sich so angezogen, wie sie wollten. Sie haben einfach das angezogen, was sie im Real Life auch tragen, haben sich selbst geschminkt und so weiter…

SLEAZE: Für deinen Kameramann Adam Ginsberg war es das erste Projekt in Deutschland. Wie seid ihr aneinandergeraten?

Henning: Adam lebt in New York, arbeitet auch als Cutter und hat ‘nen Film geschnitten für meinen anderen Produzenten Mike Ott. Mike Ott ist ein ziemlich gefeierter Indie-Filmemacher aus Amerika. Ich habe halt nicht mit einem deutschen Team gearbeitet, weil ich kein deutsches Team kenne, was mir auch gefallen würde. Ich wollte Leute, die nicht rummeckern… wenn der Kameramann seine Kisten mal selber schleppen oder seine Objektive selbst wechseln muss.

Wir wollten Leute finden, die easygoing sind, und die ich bezahlen kann – denn bei mir wird jeder bezahlt, es gibt Cash, bei mir wird nicht auf Rückstellung gearbeitet.

Und dieser Kameramann aus New York ist natürlich unfassbar, er ist immer mit voller Freude und guter Laune an den Girls dran gewesen und bei denen mitgerannt – oft auch völlig außerhalb meiner Reichweite. Er hat Sachen gesehen und Sachen gemacht, die die einfach gemacht haben.

Und Adam hat irgendwie so gut zu denen gepasst. Die haben den auch alle geliebt, der hat die geliebt, er hat sie auch vergöttert, das sieht man glaube ich den Bildern auch an – der fand die alle so wahnsinnig.

SLEAZE + Yung + Henning Gronkowski
Hauptdarstellerin Janaina und Henning | © Edgar Herbst

SLEAZE: Wie seid ihr mit der Nacktheit am Set umgegangen, hattet ihr einen Intimacy Coordinator, wie haben die Darstellerinnen das empfunden?

Henning: Also die Darstellerinnen, die nackt sind, waren natürlich über 18 und wussten ja, dass mit Sex gedreht wird. Und da wir eh ein kleines Team waren, und weil ich die Sexszenen auch nicht direkt ansagen wollte – z.B. bei der Masturbations-Szene, wie sie sich’s machen soll und so weiter – habe ich einfach gesagt: So, wir gehen alle raus, und die Kamera war dann mit ihr im Zimmer – Adam und Janaina [Liesenfeld] – und dann sollte sie das einfach machen, wie sie das machen wollte. Und dann hat sie das 3-4 Mal gemacht, bis IHR das gefallen hat.

Yung ist ja nicht mal explizit. Man stellt sich Sachen vor, aber ich wollte gerade nicht alles zeigen. Ich wollte jetzt keine Sperma-spritzenden Schwänze wie bei Gaspar Noé [dem Regisseur von Werken wie Climax und Love], sondern es geht ja um Gefühl bei der ganzen Sache, darum, Erfahrungen zu sammeln.

Und ich bin ja auch kein Mädchen! Wie soll ich wissen, wie Mädchen miteinander schlafen? Ich wollte, dass diese Mädels das so machen, wie sie ihre Erfahrungen mit Mädchen gesammelt haben. Und ich hab ehrlich gesagt noch was gelernt dabei. [lacht]

SLEAZE: Die Perspektive der Erwachsenen fehlt total in Yung, wie etwa in Kids auch. War es deine Absicht, diese „Urteils-Instanz“ aus dem Film zu verbannen?

Henning: Im Drehbuch gab es diese Szenen noch: Die Darstellerinnen verabschieden sich von ihren Eltern, und man hat gesehen: Die eine kommt aus einem etwas ärmeren Milieu, der Vater von der anderen ist Geschäftsmann und gibt ihr einen 100er fürs Wochenende und so weiter. Aber das hat mich einfach nicht gekickt.

Da hab ich gesagt: Die Eltern kriegen ja eh nichts mit von ihren Kindern, und so zeige ich sie auch am Ende. Heile Welt, Familie, das könnten eure Töchter sein. Ihr habt keine Ahnung, weil ihr euren Kids nicht in die Augen guckt. Die Kids können machen, was sie wollen: Sie tätowieren sich die Hände und piercen sich Geschlechtsteile selbst auf dem Spielplatz und sonst was…

Aber die Eltern… Mir hat das gereicht, wenn die Mutter einmal vor der Kinderzimmertür steht, während sich ihre Tochter gerade im Internet prostituiert. Die Eltern reden dann einfach über’s Abendessen und klopfen, aber kommen nicht rein. So sehe ich Eltern heutzutage: Sie klopfen, aber haben zu viel „Achtung“ vor der Privatsphäre ihrer Kids und bleiben draußen.

Meine Mutter hat damals meinen Rucksack durchsucht, Alter, und wenn die ‘nen Joint gefunden hat, dann gab’s richtig Ärger. [lacht]

© G.G. Production/ Wild Bunch

SLEAZE: Der Soundtrack zu Yung hat mir super gefallen, DJ Hell ist beteiligt und zwei von den Darstellern performen auch selbst im Film. Wie kam es dazu? War das deine Idee oder waren sie schon Musiker?

Henning: Meine Idee war das nicht… MCNZI, den Composer vom Film, hab ich kennengelernt, als der mir auf einer Homeparty mit dem Skateboard übern Fuß gefahren ist. [lacht]

Und dann hab ich gemerkt: Ok, alles klar, der Junge ist witzig. Er hat mir dann ein Lied gezeigt: „This Is Our Generation“, und das Lied ist jetzt auch auf dem Soundtrack drauf als Bonustrack. Ja, und das war halt so der Sound… Als ich das gehört hab, dachte ich: Das hat der junge Typ gemacht? Cool!

Wir haben dann auch Lieder von DJ Hell bekommen. Einer der Darsteller, Tyrell [Otoo], hat auch ein Feature mit DJ Hell in einem Song, und das wurde auch zu einer Szene in Yung.

Und Abbie Dutton (Abblou) rappt halt, hat dann einen Rap über ihr Leben geschrieben. Darum hatte ich sie gebeten: Rap mal darüber, was dir in deiner Jugend passiert, so Instagram-mäßig. Das ist auch ein echter Hit geworden, finde ich, schön emotional. Das Video hat sie auch selber gedreht.

Ich glaube, die Kids aus Yung sind alle auf einem Bomben-Weg – für die wird noch was nachkommen.

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