Das Ende naht. Punkt.

Das Ende naht. Punkt.

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Als vor 65 Millionen Jahren ein gigantischer Asteroid die Erde traf, löste die Wucht des Einschlags, so der wissenschaftliche Kanon, gravierende Veränderungen auf dem Planeten aus. Das Klima erfuhr eine derart einschneidende Transformation, an die sich ein Großteil der damals auf dem Planeten befindlichen Lebewesen, wie die Dinosaurier, nicht ausreichend rasch anpassen konnten und in der Konsequenz ausstarben. Zwar ist es diesmal kein Kleinplanet aus den Tiefen des Alls, der das Fortleben unserer Welt massiv bedroht, doch scheint die Bedrohung nicht wesentlich geringer. Nur ist ihre Wahrnehmung eine andere, denn das, was uns am meisten bedroht, ist irdischen Ursprungs: wir selbst. Und von denen wird es in Zukunft immer mehr geben.

SLEAZE+Ten Billions3
Stephen Emmott

Basierend auf dem 2012 in London aufgeführten Stück Ten Billions von und mit Stephen Emmott, Hochschullehrer für Wissenschaftliches Rechnen, sowie dem daraus resultierenden gleichnamigen Bestseller, inszenierte Regisseur Peter Webber eine Filmumsetzung, die sich stark an der theatralischen Vorlage orientiert. Häufig sehen wir als Zuschauer den vortragenden Stephen, im Lichtschein umgeben vor Dunkelheit stehend, als handelte es sich hier um das tatsächliche Lauschen eines wissenschaftlichen Vortrags. Dass es sich hier um einen Film und nicht um eine Vorlesung in einem verstaubten Hörsaal handelt, wusste offenbar auch Peter Webber. So schneidet er immer wieder zu Bildern des Vergangenen, Jetzigen und dem, was zukünftig kommen wird oder kommen könnte. Illustrationen des Status quo menschlichen Verhaltens sehen sich mit den zum Teil fatalen Folgen derselben konfrontiert: Exploitation der Natur trifft auf Klimawandel, Akzeptanz und Teilnahme an der Normalität des täglichen Massenkonsums arrangieren ein folgenreiches Rendevouz mit den ihr zugrunde liegenden Voraussetzungen.

Stephen Emmott zeichnet dabei in seiner klar strukturierten Präsentation ein nahezu hoffnungsloses Bild um den Fortbestand der Menschheit: sämtliche Klimagipfel waren nicht mehr als die Kumulation möglichst hübsch klingender Phrasen, Technologie, einst eine als Hauptursache des planetaren Zustandes installierte Komponente, wird die vor uns liegenden Probleme nicht zu bewältigen wissen und das Konsumverhalten wird sich wider besseren Wissens nicht verändern und somit weiter rücksichtslos und verdrängend die Veränderung geschehen lassen, wie sie kommen mögen. Ein apokalyptisches Bild von der Zukunft, wenn etwa Wasser nicht mehr als unendlich zur Verfügung stehenden Ressource wahrgenommen wird, sondern sich mit Blick auf zunehmende Dürren regelrecht vor den Augen der Betroffenen auflöst und weiter Kriege im Angesicht sich solch zuschnürender Ressourcenknappheit entfacht werden. Nicht selten könnten die dabei aneinandergereihten und teils rasch geschnittenen Bilder auch dem Intro eines Horrorfilms entsprungen sein, unterlegt mit zunehmend dramatisch werdender Musik, bei dem immer wieder auch der Mensch selbst als Auslöser einer weitflächigen Katastrophe ausgemacht wird. Man denke da etwa an die Bilder von Chaos und Kampf zum 2004er Remake von Dawn of the Dead, dort allerdings ironisiert bitter zu Klängen Johnny Cashs.SLEAZE+Ten Billions1Nur stellt sich bei allem, auch wissenschaftlich fundiertem, Pessimismus die Frage, inwieweit dieser Film dazu in der Lage sei, die verkrusteten Gewohnheiten aufzubrechen. Vermutlich und somit traurigerweise wird er kaum die nötige Einschlagskraft mit sich bringen, um ein entscheidendes Umdenken einzuleiten. Dazu wirkt die Präsentation der Umstände zu konventionell, zuweilen schon dröge. Die Macht der Bilder ist eine immense und nicht zu unterschätzende, doch sind sie schwach immer dann, wenn sich das Gefühl einstellt, es so dutzende Male schon einmal gesehen zu haben. Peter Webber schafft es nicht, die immanent in den Bildern liegende Dramatik auch entsprechend filmisch aufzulösen. Das ist bedauerlich, stehen Dokumentarfilme wie der 2009 erschienene The Cove um die grausame Delfinjagd in einer japanischen Bucht doch exemplarisch für die Wirksamkeit guten Filmemachens. Regisseur Louie Psihoyos schaffte es damals eindrucksvoll, die Bedeutung und Tragweite des Geschehens nicht nur zu artikulieren, sondern für jeden zu universalisieren, sodass sich ein Gefühl der tiefen Betroffenheit und Verantwortung einstellen konnte.

Letztlich wechseln sich Stephens Vortrag auf der Bühne fortwährend mit Darstellungen des Gesagten ab, seien es nun Illustrationen der landwirtschaftlichen Produktion, städtischer Expansion oder die Veranschaulichungen wissenschaftlicher Zusammenhänge. Ein wirklich wichtiger, eindringlicherer Blick auf das wohl globalste aller globalsten Probleme zeigt Peter nicht. Seine Bilder haben eher etwas Archivisches denn Wuchtiges. Am effektivsten ist es da noch, den im Spotlight stehenden Stephen zu sehen, dessen mürrisches und ernstes Gesicht scheinbar Ausdruck der ständigen Sorge um die Zukunft zu sein scheint. Selbst in den wenigen humoristisch gefärbten Momenten mag man nicht genau entscheiden, ob diese als solche gedacht waren. Dass der verheerende Einschlag des Asteroiden vor 65 Millionen Jahren immer wieder als Motiv auftaucht und letztlich den Menschen in seiner Zerstörungskraft widerspiegelt, ist immerhin eine nette Idee, eine wirksame Assoziation hervorzurufen. Am Ende mag von all dem nichts weiter bleiben als eine kurze Betroffenheit, ein zustimmendes Nicken, bis die Lichter des Saals erstrahlen, der Vorhang fällt und man sich zum Ausklang des Abends noch auf einen Burger trifft, für dessen Produktion zuvor noch 3.000 Liter Wasser benötigt wurden.

Alex Warren

Titel: Zehn Milliarden (OT: Ten Billions)
Regie: Peter Webber
Dauer: ca. 80 Min.
VÖ: 22.04.2016 (DVD & VOD)
Verleih: Universum Film

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