Das Comeback der Schallplatte geht ungebremst weiter

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SLEAZE + SchallplatteDas schwarze Gold hat sich wieder einmal die Aufmerksamkeit der Musik-Öffentlichkeit gesichert. Im Sommer letzten Jahres erregte eine Meldung aus den USA großes Aufsehen. Dort hatten die Umsätze aus dem Verkauf von Schallplatten im ersten Halbjahr jene aus dem Verkauf von CDs erstmals wieder überholt, wie der Spiegel berichtete.

Das war Vinyl zuletzt vor 34 Jahren gelungen, bevor die Schallplatte von der CD verdrängt wurde. Dieser neue Höhenflug ließ uns alle aufhorchen und richtete den Fokus der Musikfans neuerlich auf ein Medium, das schon oft totgesagt wurde.

Schließlich schien das Ende der Schallplatte in den 80er Jahren gekommen zu sein. Die kleine silberne Disk, genannt CD, war plötzlich in aller Munde – bzw. Abspielgeräten. Sie sollte ewig halten und deutlich mehr Musik speichern können als ihr Vorgänger. Gepusht von der Musikindustrie überrollte das neue Medium unsere Welt und drängte alle anderen Tonträger an die Wand.

Doch der Siegeszug der CD war zeitlich begrenzt. Zunächst stellten wir fest, dass es mit der Haltbarkeit lange nicht so gut bestellt war wie angekündigt. Noch viel schlimmer empfanden viele von uns jedoch den Klang der silbernen Scheiben. Dieser entpuppte sich als kalt und konnte mit den analogen Klängen einer Schallplatte nicht mithalten. Das „Problem“ löste wie so oft eine technische Innovation.

Die Revolution nahm in Deutschland ihren Anfang

Als das deutsche Fraunhofer-Institut (ganz genau das für Integrierte Schaltungen) das MP3-Format erfand, konnten wir noch nicht ahnen, dass dieses eine neuerliche Revolution auslösen würde. Doch die „Befreiung“ der Musik von einem physischen Tonträger stürzte die Musikindustrie ins Chaos. Die Zahl der Downloads schnellte in die Höhe, die CD-Verkäufe sanken gleichzeitig rapide ab. Alle Mühe, dagegen anzukämpfen, war erfolglos.

Spätestens mit dem Markteintritt von Spotify wurde ein neues Geschäftsmodell etabliert, das die CD ins Abseits drängte. Heute können die großen Streaming-Anbieter bereits auf mehr als 350 Millionen Abos weltweit verweisen. Spotify, Apple Music und Amazon Music dominieren den Markt.

Das Streamen von Musik hat den Kauf von Tonträgern oder den Download von Musikdateien abgelöst. Eine Umkehr dieses Trends scheint ausgeschlossen zu sein. Doch mitten in dieser neuerlichen Revolution hat es sich ein Nischenmarkt gemütlich gemacht.

Analog ist wieder gefragt

Die Schallplatte ist zurück. Sie feiert bereits seit einigen Jahren ein stilles Comeback, das im Vorjahr neuerlich befeuert wurde. Die Liebhaber von Haptik und analoger Entschleunigung setzen in dieser hektischen Zeit auf Qualität und Tradition. Ein Leben auf der Überholspur erfordert auch Zeiten, in denen wir Vertrautes in Ruhe genießen können. Hier kommt Vinyl ins Spiel.

Nach vielen Jahrzehnten am Markt fasziniert das schwarze Gold seine Liebhaber immer noch in höchsten Maßen. Dass der Trend nicht aufzuhalten ist, bewies bereits die viel beachtete TV-Serie Vinyl von HBO. Sie setzte diesem Teil der Popkultur ein Denkmal. Mick Jagger höchstpersönlich war Teil des Produzententeams.

Dieses neben dem Buch letzte Stück analoge Kunst begeistert mit seiner Aufmachung gleichermaßen wie mit seinem Inhalt und dem unverwechselbaren Klang. Denn der Klang einer Vinyl-Schallplatte ist im Gegensatz zu einer CD oder einem Download warm, satt und detailreich. In einer Zeit, in der Autotune das Kommando über zahlreiche Songs übernommen hat, sehnen wir uns verstärkt nach echten Stimmen. Als Cher 1998 ihren Song „Believe“ auf den Markt brachte, war Autotune noch eine Innovation, heute ist es eine musikalische Seuche.

Schallplatten hingegen wecken in uns die Sehnsucht an eine Zeit, in der das Können der Künstler noch im Vordergrund stand. Die Cover selbst sind oft kleine Kunstwerke für sich, die es schon immer auch an die Wände zahlreiche Wohnzimmer geschafft haben. Mit dem Comeback der schwarzen Scheiben vollzieht sich die Rückkehr vom Wegwerfartikel Musik zurück zum Kunstwerk.

Vinyl begeistert längst alle Gesellschaftsschichten. Nicht nur der Retro-DJ oder der Musikfan von nebenan geben alles für eine lang gesuchte Platte, sondern auch so mancher Promi. Ein Paradebeispiel dafür lieferte vor Jahrzehnten bereits der geniale portugiesische Fußballer Eusébio. Er ging 1969 vor dem Finale zum Fußball-Europacup einfach Schallplatten kaufen. Bilder davon kursieren heute noch in den diversen Fan-Foren.

Ob seine Leidenschaft für die folgende 1:4 Niederlage gegen Manchester United verantwortlich war, ist nicht überliefert. Seine Nachfolger können sich solche Ausflüge nicht mehr leisten. Geht es nach den Experten, dann stehen sich diesen Sommer der FC Bayern München und Manchester City im Finale gegenüber, wobei Thomas Müller & Co. laut Betway mit einer Quote von 3,75 (Stand 18.1.21) die besten Chancen haben. Schwer vorstellbar, dass die Stars von heute auf ihren MP3-Player vor dem Spiel verzichten würden. Die Kopfhörer von Beats By Dre gehören längst zu ihrem optischen Erscheinungsbild dazu.

Jede Menge Neuauflagen in bester Qualität

Für die meisten ist Musik ein transportables Erlebnis geworden, das zu jeder Zeit konsumiert werden kann. Vinyl-Fans setzten jedoch weiterhin auf die Anziehungskraft des „Schwarzen Goldes“.SLEAZE + Schallplatte

Das hat auch die Industrie erkannt. Sie füttert den Markt mit aufwändigen Neuauflagen bekannter Klassiker und kann darauf vertrauen, dass wir dafür deutlich mehr Geld ausgeben als für das Streamen oder den Kauf von CDs. Das liegt auch an der Altersstruktur der Käufer. Wie eine Statistik von Statista zeigt, ist über die Hälfte davon zwischen 40 und 60 Jahren alt.

Daneben hat sich ein florierender Secondhand-Markt etabliert, auf dem die Musikliebhaber ihre umfangreichen Sammlungen weiter aufstocken. Es scheint, als wären gute Zeiten für die Schallplatte angebrochen. Das Jahr 2020 hat gezeigt, dass Qualität ihren Platz im Markt gefunden hat.

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