Crash Bandicoot 4: It’s About Time: Guter Nachfolger, aber nicht perfekt

Crash Bandicoot 4: It’s About Time: Guter Nachfolger, aber nicht perfekt

Spoilerfrei!

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Es wurde auch allmählich Zeit. Seit Ende der PS1-Ära wünschen sich Bandicoot-Freunde einen würdigen Nachfolger. Sicher, es erschienen einige Crash-Titel in den letzten 20 Jahren, auch einige Neuinterpretationen, und doch konnte keins die gleichen Freuden wie die ursprünglichen Klassiker von Naughty Dog erwecken. Nun möchte Toys for Bob mit Crash Bandicoot 4 zeigen, dass sie den ultimativen Nachfolger zusammenbasteln können.

SLEAZE + Crash 4
In Crash 4 bekommen wir Unterstützung.

Das Studio war schon am Remake Crash Bandicoot: N. Sane Trilogy beteiligt und für die Spyro Reignited Trilogy verantwortlich. Die Hingabe zur Spielereihe haben sie bewiesen und mit Crash 4 merkt man ihnen eindeutig die Erfahrung an. Außerdem beteiligt ist Beenox (Crash Team Racing) und – wer kennt sie nicht – die Köpfe vom Activision Shanghai Studio. Und trotzdem konnte ich mich als Fan der Klassiker nicht vollends begeistern lassen. Denn Crash Bandicoot 4: It’s About Time ist bei weitem kein perfektes Crash-Spiel.

Hüpfen, drehen, WOAH!

Wer mit den Crash-Spielen nicht vertraut ist, kriegt hier schnell einen Crash-Kurs in Sachen Gameplay. In den recht linearen Leveln müssen wir Hindernissen in Form von Gegnern, TNT-Kisten oder tiefen Abgründen meistern. Manche Levels verlangen oft schnelles Handeln, wenn wir auf einem Tier reiten und Fallen ausweichen müssen. Optional – aber für Crash-Veteranen Pflichtprogramm – ist es, alle Kisten zu zerbrechen und saftige Wumpa-Früchte zu sammeln.

In Crash 4 wird aber an allen Fronten hochgeschraubt. Wir haben Slide-Level wie in Ratchet and Clank und auch das motorisierte Surfboard ist wieder zurück. PS: Es fährt sich immer noch recht hakelig, aber das gehört wohl zum alten Charme. Jedes Level, dass wir mit Crash spielen, können wir auch mit Coco absolvieren. Uns begegnen vielerlei gefährliche Kisten, wie TNT- oder Nitro-Kisten. Es gibt aber auch neue Kisten, wie die Feuerkisten, die kurrzeitig brennen.

SLEAZE + Crash 4
Vor der Ziellinie noch ein paar Mal sterben.

Die Bosskämpfe haben einen massiven Schritt nach vorne gemacht und sind nun herausfordernder und kreativer. Für erreichte Ziele erhalten wir Edelsteine und bei genügend Edelsteinen schalten wir Kostüme frei. Die Formel wurde also erweitert, aber funktioniert so gut wie damals. Und die größte Überraschung ist: Activision hat keine Mikrotransaktionen ins Spiel eingebaut. WOAH!

Gameplay verschlimmbessert

Crash bzw. Coco steuern sich noch schneller und man kann sowohl mit den Richtungstasten als auch mit dem Analogstick spielen. Für präzise Sprünge führt aber kein Weg an den Richtungstasten vorbei. Wie Oldschool.  Crash und Coco verfügen außerdem über einen neuartigen Doppelsprung, wodurch Todesstürze in letzter Sekunde verhindert werden können. Man rutscht auch nicht mehr so leicht an Kanten ab, wie noch in der N. Sane Trilogy.

Andere Entscheidungen sind wiederum etwas fragwürdig: Wenn wir rutschen und danach einen Sprung ausführen, werden wir komplett abgebremst. Das fühlt sich unnatürlich an und ist gerade in Fluchtsequenzen unpassend. Wir können nach dem Rutschen aber auch eine Wirbelattacke ausführen, bei der wir anders als beim üblichen Wirbel geduckt bleiben. Trotzdem können wir von Hindernissen, die uns geduckt nicht verletzen sollten, getroffen werden.

SLEAZE + Crash 4
Dieses Level ist komplett an den Rhythmus der Musik angepasst.

Und dann gibt es noch den gelb umrandeten Schatten unter Crash und Coco, eine Art verbesserter Schatten, um präzisere Landungen zu schaffen. Es gab bereits im Vorfeld Kritik. Wenn wir diese Funktion ausschalten, schalten wir gleich den ganzen Schatten ab und dadurch wird das Spiel fast unspielbar. Nur den gelben Kreis können wir nicht ausblenden. Glücklicherweise sind das alles Kleinigkeiten, über die man hinwegsehen kann. Crash 4 spielt sich nämlich überwiegend wie ein richtig guter Crash-Ableger. Aber was ist mit dem Rest?

Wer hat an der Uhr gedreht?

Crash Bandicoot 4 schließt mehr oder weniger an den dritten Ableger Warped an. Dr. Neo Cortex und N. Tropy flüchten aus der Vergangenheit und bringen dabei selbstverständlich Raum und Zeit durcheinander. Deshalb müssen Crash und Coco (wieder einmal) die Fieslinge stoppen, indem sie die vier sogenannten Quantum-Masken finden.

Diesmal befinden wir uns nicht in einem freibegehbaren Mini-Hub, wie noch in Crash 3, sondern erledigen ein Level nach dem anderen auf einer Karte, ähnlich wie im Erstling. Nach ein paar Level hüpfen wir auch schon in eine völlig andere Dimension, um vier einzigartige Masken zu erwecken und dadurch die Dimensionsrisse zu schließen.

SLEAZE + Crash 4
Erinnert etwas an die Mega-Mix-Strecke aus Crash Team Racing.

Während die Dimensionskarten sehr schön gestaltet sind, ist aufgrund der strikten Reihenfolge die freie Levelwahl wie noch in Crash 3 nicht möglich. Crash 4 hingegen ist deutlich linearer, doch die Level bieten genügend Abwechslung. Und hier streckt man das Spiel nicht mit „Minispielen“ wie die Flugzeug-Level in Crash 3.

Crash Bandicoot 4 ist … zu lang?

Dafür wird mir persönlich das Spiel an anderen Stellen künstlich gestreckt. CB 4 bietet mehr Level als jeder Teil davor. Tatsächlich hieß es vor Veröffentlichung sogar, der vierte Crash beinhalte mehr Level als die gesamte Trilogie zusammen. Das ist nicht zwingend korrekt.

Wir haben eine große Auswahl an Leveln, die nicht nur allesamt deutlich länger sind als die der Vorgänger. Es gibt welche, die wir zum Teil mit Crash oder Coco bestreiten, und andere, die wir mit anderen Figuren aus dem Crash-Universum spielen. Das ist eine Neuheit in der Spieleserie, zu der ich später mehr sage.

SLEAZE + Crash 4
Bugs gibt es selten und wenn es sie gibt, sehen sie komisch aus.

Einige davon, die wir mit anderen Figuren meistern, sind nur eine Erweiterung der Level, die wir bereits einmal mit Crash und Coco erledigt haben. Dadurch soll enthüllt werden, wie es zu einem bestimmten Ereignis gekommen ist. Bedeutet: Wir spielen eine neue Passage, aber beenden das ursprüngliche Level mit Crash oder Coco. Lediglich ein paar gefährlichere Kisten werden hinzugefügt, wodurch der Schwierigkeitsgrad leicht angehoben wird.

Klingt auf dem Papier nicht schlecht. Da aber die Crash-Reihe davon lebt, alle Level erneut anzugehen, um zum Beispiel jede Kiste zu zerbrechen oder Relikte durch Speedruns zu erhalten, fühlen sich diese halbgaren Level eher mühselig an.

Mehr ist nicht gleich besser

Zudem kann man jedes einzelne Level auch im N. vertierten Modus spielen. Was das ist? Im Grunde wird das Level gespiegelt und ein Snapchat-ähnlicher Filter darübergelegt. Auch das fühlt sich für mich künstlich gestreckt an. Während einige Filter zwar recht cool aussehen, da hätten wir einen, wo alles zunächst farblos ist und erst durch unseren Wirbel Farbe entsteht, sind andere dafür extrem anstrengend. Zudem sind spätere Level sehr verzwickt und mit einem draufgeklatschten Filter ist bei mir leider die Luft raus.

SLEAZE + Crash 4
Viel zum Freischalten … zu viel.

Natürlich ist das alles optional. Du musst weder die halbgaren noch die invertierten Level spielen, um im Spiel voranzukommen. Sie sind lediglich für die 100 Prozent nötig und zum Freischalten neuer Kostüme. Dennoch hätte ich mir besseren Inhalt gewünscht, um Crash Bandicoot 4 wirklich amüsant zu erweitern.

Wie Abwechslung richtig geht

Welche Neuerungen wiederum das verspielte Kind in mir wieder geweckt haben, sind die vielen spielbaren Figuren. Mit Tawna, Dingodile und Dr. Neo Cortex entsteht ein vielfältiges Gameplay-Gerüst, das über die bekannten Mechaniken hinweg zu beeindrucken weiß.

Tawna besitzt einen Greifhaken, mit dem sie Gegner aus der Ferne erledigen oder Hindernisse überwinden kann. Dingodile ist träger, aber besitzt seine ikonische Waffe, mit der er diesmal in der Nähe befindliche Kisten einsaugen kann. Dr. Neo Cortex besitzt keinen Doppelsprung, aber kann nach vorne dashen oder Gegner in – ungelogen – Trampolins verwandeln.  Alle fühlen sich so unterschiedlich an, aber nicht zu fremd, sodass man leicht wechseln kann. Zudem sind die für diese Figuren festgelegten Level sehr gut auf die einzigartigen Fähigkeiten ausgelegt.

SLEAZE + Crash 4
Erfahre, was in den Test-Laboren von Dr. Neo Cortext 1996 geschah.

Des Weiteren kann der Spieler mit Rückblenden-Bändern belohnt werden, wenn er eine gewisse Stelle im Level erreicht, ohne zu sterben. Diese Rückblenden-Bänder sind knackige 2D-Level, wo man von Kiste zu Kiste balancieren muss. Die haben so viel Spaß gemacht, dass ich mir einen Editor gewünscht hätte, um selbst solche Level zu bauen.

Ebenfalls toll ist, dass Couch-Koop wieder mehr gefördert wird. Auch in Crash 4 können wir in zwei verschiedenen Modi uns mit Freunden duellieren und sogar jedes Level im Weitergabe-Modus gemeinsam angehen. Tolle Dreingabe!

Ein Maskenball mit Vergnügen

Die vier im Titel steht nicht nur für den offiziellen vierten Ableger der Reihe, sondern auch für die vier neuen Quantum-Masken. Sie kommen mit ganz neuen Gameplay verändernden Mechaniken daher und sorgen für eine gelungene Abwechslung zum altbekannten Jump ‘n Run.

Da wäre Lani-Loli, der Kisten, Plattformen oder Hindernisse ein- und ausblenden kann. Außerdem der immer mürrische Akano, mit dem wir endlos lange wirbeln können. Und Kapuna-Wa sowie Ika Ika, die jeweils die Zeit bzw. Schwerkraft beeinflussen können. Wie mit Tawna & Co. können wir die Masken nur in vorgegebenen Level nutzen. Auch wenn man die Fähigkeiten bei anderen Vertretern des Genres bereits gesehen hat, sind sie in ihrer Gesamtheit eine sehr gute Ergänzung.

SLEAZE + Crash 4
Wir können uns endlos drehen mit Akano.

Bloß die Level mit Ika Ika konnten mich nicht überzeugen. Spiele wie Rayman Legends haben den Wechsel zwischen oben und unten deutlich besser hinbekommen. Nichtsdestotrotz machen die Quantum-Masken Crash 4 zum abwechslungsreichsten Spiel der Reihe.

Während also die vier Masken mehrfach zum Einsatz kommen und sogar die Zwischensequenzen mit Witz füllen, wird aber unsere allerliebste Maske komplett vergessen: Aku Aku. Er gerät komplett in den Hintergrund und sogar in den Level gibt es viel seltener Aku Aku-Masken als in den Vorgängern. Umso ärgerlicher ist es, dass Aku Aku oft in den Passagen vertreten ist, wo man ihn gar nicht braucht, da die größten Hindernisse Abstürze oder andere Gefahren sind, die direkt zum Tod führen.

Bockschwer oder kinderleicht?

Die alles entscheidende Frage: Wie schwer ist Crash 4? Zu Beginn müssen wir uns für einen Spielmodus entscheiden: Modern oder Retro? Während wir bei Retro wie damals Leben sammeln und bei zu vielen Toden das Level wiederholen müssen, darf man beim modernen Modus unbeschwert beliebig oft stürzen, zerquetscht und vaporisiert werden. Man startet immer vom letzten Checkpoint. Wenn man aber ansatzweise vertraut ist mit Plattformern, ist es egal, welchen Modus man wählt. Ich hatte mit Retro keine Probleme und recht früh im Spiel die maximalen 99 Leben erreicht.

SLEAZE + Crash 4
Wie sieht dein Crash aus?

Aber Crash 4 ist nicht zu unterschätzen. Schon zu Beginn sind die Level recht komplex. In den letzten Dimensionen bin in manchen Level häufig mit zehn Toden rausgegangen. Jedoch erkenne ich in Crash 4 eine andere Form von Schwierigkeit. An einigen Stellen kommt es nämlich nicht mehr auf die Reflexe des Spielers an, denn es sind reine Trial & Error-Passagen. Checkpoint-Kisten liegen oft weit auseinander und meist wartet vor dem nächsten Checkpoint eine gemeine Stelle, sodass die Frustmomente größer sind.

Außerdem werden allgemeine Kisten schwer erreichbar platziert, sodass man in einem Level am ehesten am Versuch, eine Kiste zu zerbrechen, scheitert. Und dann gibt es die optionalen N. Sane Relikte, wo wir ein Level jede Kiste zerbrechen müssen und nicht einmal sterben dürfen. Das ist kein angemessener Schwierigkeitsgrad, nicht einmal für Crash-Veteranen. Hier war Toys for Bob so sehr damit beschäftigt, das härteste Crash aller Zeiten hervorzubringen, dass sie etwas am Ziel vorbeigeschossen haben.

Frisch aus einem Cartoon

Was wiederum äußerst gelungen ist, ist der gesamte Stil von Crash Bandicoot 4. Die Figuren sehen aus, als entstammen sie einem Looney-Tunes-Cartoon. Alles ist weicher, aber noch farbenfroher gezeichnet. Die ganze Szenerie wirkte noch nie lebendiger. Während man mit der N. Sane Trilogy bereits faszinierende Hintergründe hinzauberte, erweckt man mit Crash 4 die ganze Szenerie zum Leben. Kleine Details, wie die vorbeiflitzende Fauna in einem Dschungel-Level oder kleine Roboterarbeiter, die eine Pause am Rand des Bildschirms machen. Und dann ist da noch der Soundtrack. Er trifft den alten Charm, erinnert sogar an manchen Stellen an die Spyro-Spiele.

SLEAZE + Crash 4
Es sieht gut aus, aber noch besser ohne Bewegungsunschärfe. Lieber ausschalten.

Fazit

Crash 4 bleibt seinen Wurzeln treu und macht dennoch vieles neu. Man führt neue spielbare Figuren und Masken ein und bietet eine enorme Spielvielfalt. Es ist nicht innovativ in seinen Gameplay-Mechaniken, aber kombiniert sie richtig. Während das Gameplay leicht verschlimmbessert wurde, überzeugt es dennoch. Gleiches gilt für die optionalen Inhalte. Während die Rückblenden-Bänder-Level großen Spaß machen, sind die N. vertierten Level mit ihren komischen Filtern verschwendete Zeit. Am meisten enttäuscht jedoch der Schwierigkeitsgrad.

Crash 4 ist bockschwer, aber das liegt unter anderem daran, dass die Level länger sind, Checkpoints und zu sammelnde Kisten fies platziert sind und Trial-and-Error-Abschnitte vorkommen. Die Spaß-Frust-Bilanz ist in Crash 4 nicht ganz so stimmig wie in vorherigen Teilen. Trotzdem kann man viel Freude mit Crash 4 haben und ja, es ist ein würdiger Nachfolger.

Titel: Crash Bandicoot 4: It’s about time
Entwickler / Publisher: Toys for Bob / Activision
VÖ: 02. Oktober 2020
Plattform: PlayStation 4 und Xbox One

Ich habe Crash 4 auf der Standard-PlayStation 4 getestet.

San L

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