Coco – Pixar lebt am Tag der Toten

Coco – Pixar lebt am Tag der Toten

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Nachdem Pixar mit Findet Dorie (2016) baden ging und bei Cars 3 (2017) reichlich Sand im Getriebe hatte, feiert die kalifornische Animationsschmiede den Tag der Toten mit einem rührenden Fest. Coco startet in den Kinos und mit ihm nach zwei Fortsetzungen auf kreativer Sparflamme der neuste originäre Streich des traditionsreichen Studios. Ein Streich, der Pixar bei aller Sequel-Kritik vor dem Hintergrund der Disney-Übernahme im Jahre 2006 zwar nicht auferstehen lässt – immerhin würde dies den Tod voraussetzen und das Unternehmen war nie wirklich tot. Der Film zeigt schlicht die enorme, herzliche Schaffenskraft der Firma aus Emeryville, wenngleich einige fast schon traditionellen Formelhaftigkeiten es dann doch in Coco schafften.

SLEAZE  + Coco
Willkommen bei Guitar Hero.
Unbedingt sitzen bleiben!

Dabei ist es fast schon leidlich zu erwähnen, dass ausgerechnet der stiefmütterliche Mäusekonzern daran schuld ist, dass nicht der eigentliche Film, sondern der übliche Vorfilm aktuell gefühlt mehr im Gespräch zu sein scheint. Denn bei diesem handelt es sich diesmal nicht etwa um eine Originalproduktion Pixars wie sonst, sondern um einen Ableger eines Franchises der Walt Disney Animation Studios: Die Eiskönigin – Olaf taut auf, basierend auf dem Schneemann aus Die Eiskönigin – Völlig unverfroren oder Frozen, wie der animierte Streifen im Original heißt. Überlang, qualitativ minderwertig und als reines Marketingprodukt für Frozen 2 fungierend, lauten einige der größten Vorwürfe Richtung Disney. Mexiko nahm den 21-minütigen Kurzfilm nach Kritik aus dem Coco-Vorprogramm und auch in den USA regt sich derweil Widerstand. Hierzulande ist Olafs musikalisches Abenteuer noch fest eingeplant und ganz gleich, wie quälend oder auch nicht dieses daherkommen mag (während der Pressevorführung wurde der Film nicht gezeigt): Das Ausharren lohnt sich, um mit Coco in eine magische, mexikanische Welt um Familie, Individualität, Tradition, Erinnerung und Starkult abzutauchen.

Im familiären Kochtopf

Die Handlung spielt sich am Día de Muertos (Tag der Toten) ab, einen in Mexiko wichtigen Feiertag, an dem Familien ihrer verstorbenen Angehörigen gedenken. Miguel (im Original von Anthony Gonzalez gesprochen und gesungen) ist ein ambitionierter Jungmusiker, der sich mit dem Musikbann innerhalb seiner Familie konfrontiert sieht und schließlich ins Land der Toten reißt, um Licht in die Hintergründe des Verbots zu bringen. Die Macher um Regisseur und Co-Autor Lee Unkrich (Toy Story 3) unternahmen für ihre Geschichte von Coco in einem Zeitraum von mehreren Jahren diverse Reisen nach Mexiko, um in die Kultur des Landes an der südlichen Grenze der USA einzutauchen. Ihre langjährigen Anstrengungen sind dem Film deutlich anzumerken.

SLEAZE  + Coco
Glotz-Wettbewerb

Denn Coco gelingt es formidabel, der mexikanischen Tradition des Tag der Toten Gewicht zu verleihen und erlebbar zu machen, was es nicht nur als Kind heißt, vor diesem Hintergrund gegen die alten Bräuche zu rebellieren im Bestreben, sich selbst zu definieren. Der Aufstand Miguels stellt die Familienbande auf eine strapaziöse Belastungsprobe. Die Animationskünstler nehmen sich der familiären Konflikte feinfühlig an und erzählen von alten Konflikten, Vergebung, Loyalität und dem Kampf der, im wahrsten Sinne des Wortes, eigenen Stimme.

Pixar wagt es hierbei in aller Beschwingtheit, ebenso schwere, existenzielle Fragen aufzuwerfen, sodass die Familie Miguels eine aufrichtige Komplexität erhält, die sich gar nicht erst anmaßt, alle Feindschaften bis zur falschen Rührseligkeit aufzulösen. Zwar zelebriert das Studio letztlich den Zusammenhalt des Kollektivs, zeigt aber ebenso mögliche Konsequenzen auf. So erzählt Coco auch von scheinbar irreversiblen Verletzungen und ihre sich hierdurch öffnenden, bis in den Tod reichenden Gräben, die sich in Familien leider auftun können und ganze Generationen beeinflussen.

Schwungvoller Filmtanz mit einzelnen Fehltritten

Hiervon vor dem Hintergrund des schwergewichtigen Tag der Toten zu erzählen, ist ein erzählerisches Glanzstück, denn der Feiertag avanciert somit zum dramaturgischen Hexenkessel, dessen ständiges Brodeln Pixar überdies wunderbar frisch zu inszenieren weiß. Cocos Welt ist voller verspielter Buntheit, Monumentalität und Fantasie. Sowohl die mit Leben gefüllten Straßen des Diesseits als auch das quicklebendige Land der Toten selbst ist eine der schönsten, da mit viel Herz und Seele beheimateten Schauplätze aus dem Œuvre Pixars. Geradezu beiläufig verschmelzen Impressionen des mexikanischen Feieralltags mit dem regen Treiben unter den Toten, wodurch Orte ihr eigenes Lebensgefühl entfalten.
Währenddessen hält Regisseur Lee das Tempo straff, ohne die Story mit allzu vielen Plotpoints zu überladen. Coco schwingt unter mexikanischer Folkloristik in einem antreibenden, nie aber erdrückenden Rhythmus und findet neben den vor Ort entdeckten Impressionen des Landes wundersame Eindrücke für das farbvolle Totenreich.
Wie schon in Alles steht Kopf (2015), als es in das Innenleben eines Mädchens ging, weiß Pixar auch diesmal um die abstrakte Färbung einer physisch nicht unmittelbar manifestierten Dimension, indem die Schöpfer Bekanntes mit symbolisch wie metaphorisch aufgeladenen Phantasmen in einer ungemein fruchtbaren Symbiose vereinen.SLEAZE  + Coco

Lediglich einige rhythmische Fehltritte erleidet Coco in den Momenten, in denen er sich zu sehr an einem altbekannten Schema orientiert: den Verfolgungssequenzen. Diese wirken wie ein nicht abzuschüttelndes Anhängsel Pixars, das schon im Finalakt die ansonsten meisterhafte Science-Fiction-Liebes-Menschen-Parabel WALL-E (2008) aus dem bis dato liebevollen Takt brachte.
Das Problem sind diese Sequenzen nicht per se, sondern deren allzu bekannte Regie, die mit wenig Suspense, aber viel Spektakel daherkommt und auf Grund ihrer bekannten Inszenierung mit der damit einhergehenden Vorhersehbarkeit vielmehr die Spannung ausbremsen denn fördern. Ihnen fehlt das erzählerische Gewicht bei gleichzeitiger Schwere ihrer Gewöhnlichkeit. Alles steht Kopf, im englischen Original: Inside Out, wusste hiermit gekonnt umzugehen, in dem jede Verfolgung samt ihrer potenziell zerstörerischen Konsequenzen gleichzeitig Folgen für die Gefühlswelt des Mädchens hatte.

Ein unwiderstehlicher Groove

Doch vollends aus dem Schritt gerät Coco nie. Dazu versprüht der Film einen viel zu warmen Groove, einen Family-Vibe, der Humor wie Ernsthaftigkeit liebsam Hand in Hand gehen lässt, zumal er sich ebenfalls viel Zeit für wahrhaft rührende (nicht rührselige) Augenblicke und kindliches Staunen ob der opulenten Bilderwelten nimmt. Diese Reise begleitet mit Michael Giacchino einer von Pixars Stammkomponisten, der zuvor u.a. die Musik zu den hauseigenen Werken Alles steht Kopf und Oben (2009) sowie Ratatouille (2007) schuf. Die Einflüsse des weltbekannten mexikanischen Mariachi-Musik sind unverkennbar, während Michael leichtfüßig zwischen lebensfrohem Verve und kontemplativem Innehalten balanciert. Zudem lässt Pixar wieder die Stimmbänder fliegen: Einige Gesangseinlagen verleihen Coco zusätzliche Feierstimmung und reichen von antreibenden Publikumspeitschen bis hin zu todtraurigen Abschiednehmern – in den vergangenen Jahren hielten sich die Macher mit in ihren Filmen eingefügten Gesangsmomenten deutlich zurück bzw. kamen zum Teil gar nicht vor.SLEAZE  + Coco

Und so ist Coco vor allem ein Film, der das Herz ohne falsche Gefühlskalkulation erwärmt. Die Tränen trocknen auch Wochen nach der Sichtung nicht und sind Zeugnis der erzählerischen Kraft Pixars, die nach zwei Jahren der, zumindest in diesem Fall, abgestandenen Sequel-Suppe das Tor in eine Traumwelt öffnen. Eine Welt, die den Zuschauer versinken und staunen lässt. ¡Viva el Día de Muertos!

Alex

Titel: Coco
Kinostart: 30.11.2017
Dauer: 109 Minuten
Genre: Animation, Abenteuer, Tragikomödie, Fantasy, Musik
Produktionsland: USA
Filmverleih: Disney

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