Christian Ströbele – etwas sprödele

Christian Ströbele – etwas sprödele

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SLEAZE.ströbele54Bei so einem Lebenslauf möchte ich ihn fast als Tausendsassa bezeichnen. Allein der Coup mit Edward Snowden hat mal wieder gezeigt, was für ein Unikat Hans-Christian Ströbele ist. Und dass er das Herz auf dem rechten – nämlich linken – Fleck hat, schon allein, weil er wirklich so aussieht, dass er sich von seinen Gewissen leiten lässt, wie es das Grundgesetz vorschreibt – und wie man es vielen Politikern nicht (mehr) abnimmt. Dass der Herr mit dem Nachnamen, der so klingt, als hätte ihn ein Schwabe verniedlicht, Mitbegründer der Grünen und der taz war und sich seinen Sitz im Abgeordnetenhaus durch Direktmandat sichert, sind nur weitere Stationen eines bemerkenswerten Lebens.

Klar, dass da irgendwann eine Biografie erscheinen muss. Bestimmt gab es auch schon welche. Unklar ist, warum diese Biografie bei einem so spannenden Menschen so dröge geschrieben ist. Meine letzten zwei Bücher über Charaktermenschen waren zwar Autobiografien, was natürlich schwer vergleichbar ist, aber die habe ich verschlungen. Sowohl die von Phil Knight als auch die von Moby. Das Buch hier ist trockener, der wichtigste Punkt wurde vernachlässigt: Es muss Spaß machen, es zu lesen. Darum werde ich diese ganzen Lehrpläne und Literaturkanons / -kähne, was auch immer die Mehrzahl davon ist, nicht verstehen. Spätestens seit Harry Potter sollten doch viele gemerkt haben, dass es fast so viele Leseratten wie Ratten gibt – wenn man ihnen das richtige Futter gibt. Stefan Reineckes „Ströbele“ ist etwas schwer verdaulich.

Was er wirklich gut macht, ist die Skizzierung der damaligen Zeit. Man bekommt ein Gefühl für die jeweiligen Jahre, bekommt Einblicke in spannende historische Abschnitte von der Nachkriegszeit bis zur Studentenbewegung. Der Nachteil ist, dass die Biografie diese Skizzierung überzieht. Man erfährt viele Details, aber thematisch dauert es, bis das Süppchen mal kocht. So ist der erste Teil müßig, besser wird es, als Christian Ströbele anfängt, in Berlin die Politik zu erkunden. Aber trotzdem ist es so zäh, dass ich nicht sicher bin, ob ich das Buch zu Ende lese. Es wäre ja noch witzig (und beeindruckend), wenn Stefan Reinecke den Ton der jeweiligen Zeit in seine Kapitel einbaute. Aber auch Witz sucht man hier vergeblich.

SLEAZE.ströbele1Trotzdem sollte man dem Buch einen Versuch geben. Zum einen wird es spätestens mit der RAF-Anwaltschaft in Christians Leben so spannend, dass die Art der Formulierungen zweitrangig werden. Und zum anderen: Wer etwas über die deutsche Geschichte von jemanden erfahren möchte, der so nah dran war und ist und so viel bewegt hat, dem kann ich das Leben von Christian Ströbele nur empfehlen – auch in Form dieser Biografie.

danilo

Titel: Ströbele – Die Biografie
Autor: Stefan Reinecke
Verlag: Berlin Verlag
Veröffentlichung: 01.04.2016
Seiten: 464
ISBN: 978-3-8270-1281-4
Preis: € 24,00 [D], € 24,70 [A], sFr 32,50

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