C´est la vie.

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Das Musée des Confluences in Lyon liegt genau dort, wo Rhône und Seône aufeinander treffen und einen neuen Fluss bilden, den die Lyoner Beaujoulais nennen. Daher hat das Museum auch seinen Namen, Confluence bedeutet Zusammenfluss. Von außen betrachtet, erinnert es sehr an Frank Gehrys Museum in Bilbao, die Farben sind dieselben, das Material ist ähnlich, die dekonstruktivistische Struktur ist, zugegeben, etwas kantiger. Trotzdem wirkt es, als hätte sich der österreichische Architekt Kurt Himmelblau hier ein bisschen zu sehr von seinem Kollegen inspirieren lassen. Das Museum ist aber für sich sehr schön. Durch das viele Glas ist es wahnsinnig hell und wirkt sehr freundlich und dank der funktionalen Bauweise stimmt die Temperatur. Und ein extra Pluspunkt, den jeder Rollstuhl- und Kinderwagenfahrer gern sieht: Hier bedeutet funktional auch Barrierefreiheit.

Museedesconfluences-SLEAZEIch bin aber mehr für die Ausstellung in Lyon als für das Gebäude. In der Eingangshalle nimmt mich eine freundliche Mitarbeiterin des Museums in Empfang, die mir mit sympathischem französischen Akzent Bruno Jacomy, den wissenschaftlichen Direktor und Chefkurator des Museums vorstellt, der unsere kleine Gruppe von Journalisten durch den ersten Stock des Museums führen wird. Er ist Feuer und Flamme für die permanente Ausstellung der Naturkunde und erzählt uns eine Anekdote nach der anderen, die ihm zu jedem Exponat einfällt. Wir beginnen den Rundgang im Chambre des Curiosités. Hier wird die Geschichte von Balthasar de Monconys dargestellt, einem Wissenschaftler, der verstehen wollte, wie die Welt funktioniert. Alles was ihm auf seinen Reisen Kurioses in die Hände viel, schickte er seinem Bruder nach Lyon. Tiere, konserviert und präpariert, Kristalle, wissenschaftliche Dinge, historische und kulturelle Gegenstände. Die Brüder fingen an, diese Sachen zu ordnen, zu untersuchen und zu unterscheiden. So entstand 1627 der Chambre des Curiosités.

ChambredesCuriosités-Sleaze

Von präparierten Krokodilen über eingelegte Eidechsen bis zu zweiköpfigen Schafen ist hier alles vertreten. Das ist aber nur ein Vorgeschmack auf das, was folgt. Die Ausstellung ist in vier weitere Räume gegliedert: Species – The web of life, Origines – Storys of the World, Societé – human theatre und Eternities – Visions oft the beyond. Wir kommen in den ersten Raum und stehen direkt vor einer großen Sphinx. Links von uns hängen mumifizierte Geier. Es geht weiter mit Aufzeichnungen der Aborigines und Inuit die die Welt auf ihre Art erforschten. Die gesamte Ausstellung ist nicht nach den wissenschaftlichen oder geographischen Aspekten geordnet sondern es steht zusammen, was optisch und thematisch zusammen passt. Man muss bedenken, dass die beiden Brüder keinerlei Ahnung von Arten, Gattungen oder sonstigen, für uns heute so selbstverständlichen, Klassifizierungen der Natur hatten. Das wirkt ein bisschen, als hätten Kinder ohne jedes Vorurteil und nur nach ihren Vorstellungen die Sachen zusammengestellt. Sehr sympathisch. So auch die letztendliche Reihenfolge des ersten Raums: Mensch ist Tier – Mensch erforscht Tier – Mensch hat Dino-SleazeEinfluss auf das Tier. Das wird einem so klar, verspielt und doch ernsthaft vermittelt, dass es einem nur gefallen kann. Weiter geht es mit dem nächsten Raum, in dem ein echter 14 Meter langer und 4,5 Meter hoher Camarasaurus lentus steht – inklusive einer Brut in Form von versteinerten Eiern. Vom Dino kommt man zu den Ammoniten, bis man auf einer Theke ein Stück vom Mond, gepressten Sternenstaub und einen großen Meteoriten liegen hat, die man – ich war ganz aus dem Häuschen – auch noch anfassen durfte! Nach jedem Raum macht es plötzlich „klick“ und man versteht die Anordnung der Gegenstände – hier sind wir in der Zeit zurück gegangen.

Am meisten hat mich allerdings der vierte Raum fasziniert: Visions oft the beyond. Die Vorstellung von dem Leben nach dem Tod wird von allen Seiten beleuchtet. Kostüme aus Brasilien, die die Seele vor dem Diebstahl durch Dämonen schützen sollen, große Touchscreens, in denen sich ein älterer Mann mit allen Fragen rund um den Tod auseinander setzt oder eine Mumie aus Peru; die zusammengekauert in einer Vitrine sitzt und die Hände vor ihrem Herz verschränkt hat. Mittendrin hängt ein Pop-Art-Gemälde verschiedenster Totenköpfe von Jean-Philippe Aubanel (2014) an der Wand – eben weil es thematisch dazu passt.

Schädel-Pop-Art-SleazeAlles ist mit wahnsinnig viel Liebe gestaltet. So hat zum Beispiel jeder Raum verschiedene Wände. Hier sind es schwarze Metallplatten, in denen kleine Löcher sind, durch die man den nächsten Raum erahnen kann à Blick in das Jenseits. Und auch, dass der perfekte Grad zwischen kinderfreundlich und hoch wissenschaftlich getroffen wurde, erstaunt mich. Alles ist sehr genau und detailliert, die Exponate sind wahnsinnig anschaulich erklärt und dargestellt, dazwischen kommen allerdings kleine Zeichentrickfilme, Lichtspiele an der Wand oder auf präparierten Tieren. Kinder werden hier wunderbar ernst genommen.

Im zweiten Stock befindet sich derzeit die temporäre Ausstellung „Art and the Machine“. Sie geht noch bis zum 24.01.2016. Wie der Titel schon verrät, steht hier die Maschine in der Kunst an erster Stelle. Da kommt man auch schnell auf Industrialisierung. Bilder von Monet, Ottman, Chabaud oder Layraud zeigen Bahnhöfe, Züge oder Arbeiter, die ölverschmiert mit glühendem Metall hantieren. Aber auch erste Fluggeräte aus Holz und Leinen hängen an den Decken und werfen ihre Schatten auf angrenzende Wände. In einer Ecke steht das Fahrrad-Rad von Duchamp, in einer anderen Very Yao von Ai Weiwei. Erste tragbare Kameras wie Leika oder Polaroid sind ausgestellt und zu Ehren der Lumière-Brüder auch erste Kino-Maschinen. Zu guter Letzt wird noch das Thema „Machine in Dreams“ aufgegriffen, dass mit einem blinkenden Satelliten an der Decke, einer Vampir Station in Lego-Glas-Optik oder einem abstrusen Bauplan einer Alien-Maschine in die Tat umgesetzt wurde.

Maschine-SLEAZE (1)Mir persönlich hat die permanente Ausstellung im ersten Stock besser gefallen und sollte ich nochmal nach Lyon kommen, werde ich sie mir mit Sicherheit auch wieder ansehen. Studenten unter 26 dürfen kostenlos hinein, ansonsten sind neun Euro für den Eintritt aber auch vertretbar. Vor allem weil man bei der Liebe zum Detail und den vielen versteckten Kleinigkeiten locker einen ganzen Tag hier verbringen könnte. Das Museum des Confluences hat einfach erfrischend wenig von einem Museum, wie man es kennt. Aber das wirkt nicht gewollt, sondern in gewisser Weise menschlich. Es geht hier nicht um den Künstler, sondern um eine eigene Art der Weltanschauung, die sich jeder auf seine Weise bilden kann.

Milena

Name: musée des confluences
Adresse: 86, Quai Perrache, 69002 LYON
Öffnungszeiten: Dienstag – Freitag: 11 bis 19 Uhr, Samstag – Sonntag: 10 bis 19 Uhr
Night Opening: Dienstag bis 22 Uhr
Eintritt: Kostenlos für Personen unter 18 Jahren & Studenten unter 26 Jahren, Erwachsene zwischen 18 & 25 Jahren: 5 Euro, Erwachsene über 25: 9 Euro

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