Cannes Film Festival 2016 – Ein Überblick

Cannes Film Festival 2016 – Ein Überblick

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Das Cannes Film Festival gilt – zusammen mit den Internationalen Filmfestspielen in Venedig und der Berlinale – zu den Großen Drei der Festivalsaison. Das kleine Städtchen an der Côte d’Azur verwandelt sich im Mai für beinahe zwei Wochen zu der Filmstadt, auf die sich die internationalen Kameras richten. Zum Beginn der 69. Ausgabe, die vom 11. – 22. Mai stattfindet, werfen wir einen Blick auf das kommende Filmfest und versuchen, zumindest einige Filme und ihre Filmemacher nicht unerwähnt zu lassen.

Die Eröffnung

Eröffnet werden die Festspiele in diesem Jahr von Woody Allens Café Society, der außer Konkurrenz läuft. In dem romantischen Comedy-Drama spielt Jesse Eisenberg (The Social Network) einen jungen Mann, der den Versuch angeht, in den 30er Jahren im Filmbusiness Hollywood Fuß zu fassen. Dort lernt er zwei Damen kennen (gespielt von Kristen Stewart und Blake Lively), verliebt sich und wird in die pulsierende Jugendszene Café Society hineingezogen, die in angesagten Lokalen ihre Zeit verbringt.

Bereits zum dritten Mal eröffnet ein Film des US-Amerikaners die Filmfestspiele an der Croisette – zählt man das aus Woody, Martin Scorsese und Francis Ford Coppola bestehende Kurzfilmkollektiv zum Werk „New Yorker Geschichten“ von 1989 dazu, ist es gar das vierte Mal. 2002 und 2011 durfte Der Stadtneurotiker mit Hollywood Ending bzw. Midnight in Paris den Startpunkt markieren.

Der Hauptwettbewerb um Palmen und Prix

Für die Vergabe der Hauptpreise ist alljährlich eine illustre Jury aus Filmschaffenden verantwortlich. In diesem Jahr wird sie angeführt von Regisseur George Miller, der im vergangenen Jahr sein Action-Inferno Mad Max: Fury Road in Südfrankreich außer Konkurrenz vorstellte. Ihm zur Seite stehen die Darsteller Kirsten Dunst (Melancholia), Mads Mikkelsen (Die Jagd), Vanessa Paradis (Yoga Hosers), Donald Sutherland (Die Tribute von Panem-Reihe) sowie die Italienerin Valeria Golino (Jacky im Königreich der Frauen), die auch hinter der Kamera tätig ist. Dazu gesellen sich weiter die Regisseure László Nemes (Son of Saul) und Arnaud Desplechin (Jimmy P. – Psychotherapie eines Indianers) sowie die iranische Filmproduzentin Katayoon Shahabi (Nessa).

Im diesjährigen Wettbewerb finden sich manch bekannte Größen und alte Bekannte. So stellt der dänische Regisseur Nicolas Winding Refn, der 2011 mit seinem hypnotisch-stylischem Drive den Preis für die beste Regie gewann, seinen neusten Film The Neon Demon vor, in dem Elle Fanning ein aufstrebendes Model spielt, das es nach Los Angeles zieht und sich dort in einer Welt aus Schönheit und Niedergang wiederfindet – umgeben von schönheitsbesessenen Frauen, die alles dafür tun, der jungen Frau ihre Schönheit und Vitalität zu entreißen. Inszenierte Nicolas seine oft traumwandlerisch wirkenden, mit intensivem Farbeinsatz durchzogenen Werke vor allem in gewalttätigen Männerkonstellationen, strebte der Filmemacher in The Neon Demon ausschließlich weibliche Hauptfiguren an.

Als 2004 das südkoreanische Rache-Drama Oldboy ihre Premiere in Cannes feierte, bedeutete dies nicht nur einen immensen Popularitätsschub für Regisseur Park Chan-wook, sondern für das südkoreanische Kino im Allgemeinen. Der Mittelteil der mit Blick auf den Plot nicht zusammenhängenden Trilogie rund um das Thema der Rache (Erster Part ist Sympathy for Mr. Vengeance, den Abschluss bildet Lady Vengeance) fasziniert mit einer wendungsreichen, an griechische Tragödien erinnernden Geschichte, die ihre Inszenierung in entfesselt stilisierten Bildern findet. Mit The Handmaiden ist Park zum dritten Mal im Wettbewerb vertreten und erzählt auf Basis des Romans Fingersmith von Sarah Waters die, vor dem Hintergrund der japanischen Besatzung Koreas in den 30ern spielende Ménage-à-trois einer Taschendiebin, die im Auftrag eines Hochstaplers eine reiche, isolierte Erbin um ihr Vermögen bringen soll, sich dabei jedoch in eben jene verliebt.

Mit Ken Loach ist ein weiterer Bekannter in Cannes vertreten. Für seinen Film I, Daniel Blake erhielt er nun bereits die 13. Einladung zu den Filmfestspielen. Sein Hang zum sozialen Realismus und Naturalismus um alltägliche Leben fernab von Starrummel, in materiellem Reichtum lebenden Menschen und absurden Abenteuern scheint sich hier erneut wiederzufinden: Daniel Blake ist ein beinahe 60 Jahre alter Schreiner im Nordosten Englands, der aufgrund einer eintretenden Erkrankung auf die Hilfe des Staates angewiesen ist. Im Bestreben, den Papierkrieg zu überstehen, trifft er die alleinerziehende Mutter Katie, die sich eine Wohnung 300 Meilen entfernt nehmen muss, um dem Obdachlosenheim zu entkommen. Paul Laverty, der schon für einige Filme des Engländers als Autor verantwortlich war, schrieb auch das Drehbuch zu I, Daniel Blake.

Einem gewissen Naturalismus folgen auch die Dardenne-Brüder, Jean-Pierre und Luc, und wie Ken sind auch sie seit geraumer Zeit regelmäßige Gäste in Cannes. Zuletzt schickten sie Marion Cotillard (Macbeth) 2014 in Zwei Tage, eine Nacht durch eine vom Kapitalismus entmenschlichte Welt, die gerade wegen ihrer Authentizität ungemein bedrückend wirkte. Ihr Wettbewerbsbeitrag diesen Jahres, The Unknown Girl, um eine Ärztin, die sich aufmacht die Identität einer jungen unbekannten Frau aufzuklären, welche nach Ablehnung eines medizinischen Eingriffes starb, lässt auf eine ähnliche Schwere blicken.

Auch Jim Jarmusch, der 2005 den Großen Preis der Jury für seine Tragikomödie Broken Flowers entgegennehmen konnte, kehrt an die französische Mittelmeerküste zurück und das gleich doppelt: Zum einen läuft sein Dokumentarfilm Gimme Danger über die Punk-Band The Stooges im Midnight-Screening des Festivals und zum anderen ist er mit Paterson im Wettbewerb vertreten. Der US-Amerikaner ist vor allem für seine entschleunigt-minimalistischen, eigensinnigen Werke bekannt, die sich einer lehrbuchhaften Dramatisierung strikt entziehen. Vielmehr entsteht der Eindruck eines kontemplativen Dahintreibens denn verdichtete Dramatik. Sein neues Drama erzählt über den Zeitraum einer Woche von einem Busfahrer namens Paterson, gespielt von Adam Driver (Star Wars: Das Erwachen der Macht), der in Paterson, New Jersey lebt und dort ein ziemlich routiniertes Leben führt. Im Kontrast der „Konstanz“ steht seine von Tag zu Tag lebende Frau Laura, deren Lebensziele sich täglich ändern.

Spaniens wohl populärster und renommiertester Filmemacher, Pedro Almodóvar, präsentiert seinen neusten Film Julieta. Großen Einfluss haben auf ihn die Kurzgeschichten der Autorin Alice Munro, die bereits seine Filme Zerrissene Umarmungen und Die Haut, in der ich wohne maßgeblich färbten und nun auch der Geschichte von Julieta zugrunde liegen. Die titelgebende Protagonistin hat erst kürzlich ihren Mann Xoan verloren, als kurz darauf ihre Tochter von zu Hause wegrennt – scheinbar ohne jegliche Erklärung. Auf der Suche nach ihr entdeckt Julieta, wie wenig sie eigentlich über ihre Tochter weiß. Der spanische Regisseur, in dessen Filmen Homosexualität wiederkehrend ein wichtiges Thema darstellt (Pedro ist selbst homosexuell), ist auch durch seine fruchtbaren Arbeiten mit seiner „Muse“ Penélope Cruz (The Counselor), der er zu internationalem Ansehen verhalf, bekannt.

Das iranische Kino gehört zu den angesehensten der Welt. Mit harschen Eingriffen in der künstlerischen Freiheit konfrontiert, schaffen es immer wieder faszinierende Werke, die sich nicht selten mit der iranischen Gesellschaft auseinandersetzen, auf prestigeträchtige Festivals. Der iranische Beitrag in Cannes kommt dieses Jahr von Asghar Farhadi, der mit seinem 2011 erschienenen Trennungsdrama Nader und Simin – Eine Trennung weltweite Anerkennung fand. Auch in seinem neusten Werk The Salesman dreht sich wieder vieles um das sich langsam verändernde Wesen einer Beziehung. Offiziell heißt es: Das Paar Emad und Rana wird aus seiner gemeinsamen Wohnung gedrängt, als im benachbarten Gebäude gefährliche Arbeiten auf den Plan stehen. Ein Vorfall führt zu einer Verbindung des Vormieters ihrer neuen Wohnung im Herzen Teherans, der das Leben der beiden dramatisch verändern soll. Seine erste Einladung in den Wettbewerb von Cannes erhielt Asghar 2013 für seinen französischsprachigen Film Le passé – Das Vergangene.

Bereits seit seiner Kindheit ist Xavier Dolan beim Film tätig. Als Sohn eines kanadischen Schauspielers und Sängers war er zunächst ein erfolgreicher Kinder- bzw. Jugendschauspieler, ehe er sich 2009 mit seinem semi-autobiografischen I Killed My Mother nicht nur vor, sondern auch hinter die Kamera stellte und internationale Anerkennung erfuhr. In den Folgejahren wurde der Frankokanadier mit Werken wie Mommy und Laurence Anyways immer wieder zu großen Festivals eingeladen. Sein Drama und aktueller Festivalbeitrag It’s Only the End of the World ist eine prominent besetzte Adaption des Stückes Juste la fin du monde vom französischen Dramatiker Jean-Luc Lagarce. Zu sehen ist Gaspard Ulliel als todkranker Autor, der nach zwölf Jahren Abwesenheit nach Hause zurückkehrt, um seiner Familie seinen bevorstehenden Tod zu verkünden und somit ein von Zweifeln und Spannungen aufgeladenes Wiedersehen heraufbeschwört. An seiner Seite spielen u.a. Nathalie Baye, Vincent Cassel, Marion Cotillard und Léa Seydoux.

Außerdem vertreten:

Sean Penn – The Last Face
Jeff Nichols –
Loving
Cristian Mungiu – Graduation
Cristi Puiu –
Sieranevada
Olivier Assayas –
Personal Shopper
Nicole Garcia –
From the Land of the Moon
Maren Ade –
Toni Erdmann
Kleber Mendonça Filho –
Aquarius
Andrea Arnold –
American Honey
Brillante Mendoza –
Ma‘ Rosa
Alain Guiraudie –
Staying Vertical
Bruno Dumont –
Slack Bay
Paul Verhoeven –
Elle

Alex Warren

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