Can You Ever Forgive Me? Vergeben ist gar nicht so einfach

Can You Ever Forgive Me? Vergeben ist gar nicht so einfach

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Auf dem ersten Blick ist sie abweisend, unfreundlich und lebt dazu noch in einer stinkigen Wohnung, in der sich unter dem Bett der Katzenkot von Wochen, vielleicht Monaten angesammelt hat. Es ist ihr sichtlich unangenehm, als sie ihr neugewonnener Freund auf die Umstände ihres tristen Daseins aufmerksam macht. Und dann geschieht etwas ganz Wundervolles: Er dreht ihr nicht den Rücken zu, sondern überzeugt sie, ihr beim Aufräumen und Ausmisten zu helfen.

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Die Kriminelle, die Einsame

Marielle Hellers Film Can You Ever Forgive Me? mag sich auf dem Papier nach der spannenden, wahren Geschichte einer Betrügerin anhören. Es geht um Autorin Lee Israel (Melissa McCarthy), die ihren Lebensunterhalt mit Biografien von Berühmtheiten verdient oder vielmehr verdiente.

Denn ihr letztes nennenswertes Einkommen liegt eine ganze Weile zurück und dieser Tage verbringt sie ihre Zeit damit, sich regelmäßig einen Drink in der Stammkneipe und überall zu genehmigen und ihre Agentin um Vorschuss zu bitten. Doch ihre Zeit ist vorbei, schlägt ihr die Umwelt entgegen. Nirgends scheint die vereinsamte Katzenmutter wirklich willkommen zu sein. Eher zufällig findet sie eine neue lukrative Einnahmequelle. Lee fälscht Briefe bekannter Menschen und verkauft sie an Buchläden.

Doch mehr noch als die Geschichte einer an den Rand der Gesellschaft gedrängten Kriminellen ist Can You Ever Forgive Me? eine Erzählung über Einsamkeit. Lee droht in den Straßenzügen und ihrem gespenstisch leeren Apartment inmitten der Häuserschluchten von New York verschluckt zu werden.

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Einer geht noch!

Dann begegnet sie dem charmanten, homosexuellen Drogendealer Jack Hock (Richard E. Grant). Er ist der Freund, dem sie Zugang zu ihrer Wohnung gewährt und zu dem sich ein unausgesprochenes, inniges und verständnisvolles Verhältnis entwickelt. Ohnehin deutet der Film die Lebensdimensionen seiner Hauptfiguren über weite Strecken höchstens an und verliert sich nicht in ausufernder Exposition.

Gleichzeitig ist der Mann mit den stechend blauen und von Schwere gezeichneten Augen die einzige Person, die mehr als einen ersten Schritt ins Innenleben Lees machen darf, die ansonsten jedwede persönliche Annäherung abwehrt. Ob nun aus Gewohnheit, Unfähigkeit oder Unsicherheit.

Lug und Trug und die alles entscheidende Frage

Und so drängt sich mit dem Fortschreiten der Geschichte die titelgebende Frage auf: Can You Ever Forgive Me? Kannst du mir jemals verzeihen? Denn Regisseurin Marielle wirft ihr schwungvolles, sich abstoßendes wie anziehendes Duo in Augenblicke der Schwäche und der menschlichen Fehlbarkeit, die zum Teil mit heftigen und verletzenden Konsequenzen einhergehen.

Wie weit geht die Freundschaft und bin ich bereit, dem anderen einen Platz an meiner Seite zu gewähren? Trotz aller Enttäuschungen? Trotz der Schwere seiner Handlungen?

Der Film mit einer so bisher ungesehenen ehrlich verletzbaren und verletzten Melissa McCarthy in der Hauptrolle, die dem Mainstream vor allem für ihre teils seichten Komödien wie Brautalarm und Taffe Mädels bekannt ist (auch wenn wir dann schon eher Happytime Murders empfehlen würden), kreist um existenzielle Themen unseres täglichen Allein- und Zusammenseins vor der Erzählung einer Betrügerin.

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Wahre Freunde? Lee und Jack

Ja, sie betrügt in einer Welt, der Betrug innewohnt: Ihre opportunistische Agentin etwa, die Partys für die Hippen und Angesagten und Selbstverliebten der Literaturszene hält oder jene Buchläden, die Lee fast blind vertrauen, da sie um die Falschheit und Abgehobenheit des Sammlerbetriebs wissen.

Lee ist somit Täter, Opfer und Konsequenz unseres lügenhaften Lebens, das uns letztlich immer selbst vor die Frage stellt: Kann ich vergeben?

Alex

Titel: Can You Ever Forgive Me?
Kinostart: 21.02.2019
Dauer: 106 Minuten
Genre: Drama, Komödie, Biografie, Krimi
Produktionsland: USA
Filmverleih: 20th Century Fox

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