Bright: Wer ist das Opfer – Ork oder Film?

Bright: Wer ist das Opfer – Ork oder Film?

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SLEAZE + Netflix-Bright

Netflix‘ Filmoffensive geht rasant weiter. Nachdem der kalifornische Streaming-Dienst in diesem Jahr bereits mit Okja von Bong Joon-ho und Noah Baumbachs The Meyerowitz Stories erstmals im Wettbewerb der prestigeträchtigen Filmfestspiele von Cannes vertreten war (und die einen Eklat zwischen Streaming- und Kinoverfechtern auslöste), startete jüngst der 90 Millionen Dollar schwere Bright mit Will Smith und Joel Edgerton in den Hauptrollen.SLEAZE + Netflix-Bright

Der Fantasy-Cop-Actioner von David Ayer (Suicide Squad) dient gleichzeitig als Jahresabschlussfilm, der mit viel Getöse auf die Zukunft aufmerksam macht, welche u.a. den für 2019 geplanten The Irishman von Martin Scorsese mit Al Pacino und Robert De Niro vorsieht – Kostenpunkt: 125 Millionen Dollar. Bright ist allerdings ein Abschluss, der sich zwischen Rassismus-Parabel, rauer Street-Attitüde und plumper Pseudodramatik spektakulär verliert.

Unter Männern

Einmal mehr siedelt Regisseur David Ayer seine Geschichte auf den fiebrigen Straßen von Los Angeles an, in denen Orks, Elfen und Menschen nebeneinander leben. Gleichwohl haben sich längst gesellschaftliche Schichten etabliert, an deren unteren Ende die Orks stehen und sich infolgedessen ständigen Diskriminierungen ausgesetzt sehen. Dem Polizisten Daryl Ward (Will Smith) steht in Nick Jakoby (Joel Edgerton) ein Partner eben jener Klasse zur Seite, mit dem er nach dem Auffinden eines mächtigen Artefaktes eine hitzige Nacht ums Überleben überstehen muss.

Schon mit Filmen wie Harsh Times, Street Kings und End of Watch erzählte David vom rauen Treiben unter Polizisten in der Stadt der Engel. Ohnehin spielen äußerlich harte Männer in Ausnahmesituationen, ob in kumpelhafter oder erzwungener Verbindung stehend, eine große Rolle im Schaffen des Filmemachers, der als Jugendlicher aus dem Elternhaus flog und daraufhin mit seinem Cousin im – aufgrund seines Gewaltaufkommens – berüchtigten L.A.-Bezirk South Central in wohnte. Auch mit Bright kehrt der US-Amerikaner zu den schmutzigen, aufgeladenen Impressionen von einst zurück, weiß mit seinem Sujet allerdings bald nicht mehr viel anzufangen.

Zwischen Gut und Böse: Leere

Nachdem er Nicks isolierte Stellung etabliert, Orks als Ghetto-Gangs bebildert und auch Daryls Voreingenommenheit gegenüber dem „Partner“ deutlich zum Vorschein bringt – immerhin schlägt dieser bereits zu Beginn des Films eine Fee zu Tode –, verliert sich Bright in eine actionreiche Hetzjagd, die ihr zentrales Thema um offenkundigen Rassismus beiseite fegt. Seinem Fantasy-Los Angeles geht so jeglicher Anflug von besonders äußerer Spannung verloren, da die Westküstenmetropole nicht über einen biederen, erzählerisch viel zu aufdringlich zugespitztem Schwarz-Weiß-Symbolismus hinauskommt. Bis auf wenige, dramaturgisch allzu bekannte Grautöne gibt es im Stadtbild nur die längst ausgefransten Abziehbilder zwischen Gut und Böse zu begaffen. Uralte Konflikte finden zwar Erwähnung. Eine eindringliche Auseinandersetzung hiermit bleibt allerdings aus. So gesehen verweigert sich Bright seinem sich selbst auferlegten Anspruch.SLEAZE + Netflix-Bright

Dabei ist David lobend anzurechnen, dass er sich immerhin einer klassischen Charakterentwicklung verwehrt. Im Grunde handelt es sich um statische Figuren, aus deren Ensemble die beiden Protagonisten leise, wenn auch mit viel zu wenig Nachdruck, hervorstechen. Trotz ihrer gemeinsamen, nächtlichen Tour de Force bleiben ernste Zweifel, ob ihr Überlebenskampf die mächtigen Grenzen der Vorurteile sprengen konnte. Dies ist besonders dahingehend erfrischend, als dass zahlreiche Blockbuster-Kollegen die Schwingen der Katharsis heraufbeschwören und Erlösung für jeden, auch den Zuschauer, als Endpunkt setzen. Überdies liegt den Hauptakteuren eine, leider viel zu offenkundig erzählte, Komplexität inne. In wenigen Ausnahmemomenten blitzen die historisch verankerten Konflikte in ihnen und das Ringen mit der eigenen Unfähigkeit auf, diese wie sich selbst zu überwinden.

Die Altlasten der Großproduktion

Spätestens mit den immer wieder aufkeimenden, lärmenden Action-Spitzen verstummen die kleinen Seelenrufe aber bis zur Unhörbarkeit. An deren Stelle treten schließlich die geifernden Schreie von Maschinengewehr, Pumpgun & Co., aufröhrende Motoren schwerer SUVs und Spannungsmusik aus der melodischen Grabbelkiste, wobei der Score aus der Feder David Sardys in seinen kontemplativen Momenten Los Angeles in einen ambientischen Klangteppich hüllt, der zumindest kurzzeitig über dem Krach steht. Überdies sieht sich Bright in den Fängen eines epidemischen Unkrauts des Blockbuster-Kinos gefangen: dem Drang zur Lustigkeit, der sich oftmals als Stimmungstöter herausstellt. Ganz gleich, wie brutal, abstoßend und herzzerreißend die Ereignisse auch sein mögen; Will Smith hat noch immer einen lässigen Spruch auf den blutigen Lippen. Hinzu kommt eine weitere Saat des massenkonformen Wellness-Programms in Gestalt einer unerträglich anmaßenden Konsequenzlosigkeit. Tod bedeutet, mal wieder, nicht gleich Tod. Dies garniert der Film zusätzlich mit einem gehörigen Schuss Pathos, der nicht nur im Abgang äußerst bitter mundet.

Immerhin findet David unter all der erzählerischen Kraftlosigkeit in seinen stärksten Momenten atmosphärische Bilder für seine Rückkehr nach Los Angeles, das er zuweilen in Rauch, Nebel und dem straßendurchflutendem Licht der Großstadt hüllt. Da Bright aber kaum zur Ruhe kommt, wirken diese Impressionen letztlich wie das dramatische Verstummen eines visuellen Echos, dem man in seinem hochauflösenden Hochglanz, nicht aber Sterilität, das Budget ansieht. Mehr Mut und Wahnsinn, Ruhe und Einkehr hätten dem bis dato teuerstem Netflix-Film aber womöglich besser gestanden als diese nur vordergründig als Rassismus-Metapher erscheinende Action-Blase.

Alex

Titel: Bright
Start: 22.12.2017 via Netflix
Dauer: 117 Minuten
Genre: Action, Thriller, Drama, Fantasy
Produktionsland: USA
Filmverleih: Netflix

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