Borg McEnroe – Spielerisch Grenzen überschreiten

Borg McEnroe – Spielerisch Grenzen überschreiten

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SLEAZE + Borg McEnroe
Kontrahenten, die sich irgendwie auch verstehen.

Vor der glänzenden, sonnendurchfluteten Prachtkulisse Monacos stemmt er sich nackten Oberkörpers, hoch über den Dächern des Fürstentums, gegen den Absturz. Sein Zusammenspiel von Muskelkraft und Konzentration balanciert ihn auf einem schmalen Grat zwischen Balkon und Straßenschluchten, während die Kamera in geradezu meditativer Stille auf ihn zufährt. Ruhig, niemals hektisch, ganz so, als stünde sie in einem respektvollen, mitfühlenden Verhältnis zu ihm: Tennisstar Björn Borg (Sverrir Gudnason), der 1980 zum fünften Mal in Folge Wimbledon gewinnen könnte. Doch im aufbrausenden John McEnroe (Shia LeBeouf) steht ihm ein ebenbürtiger, zutiefst verbundener Kontrahent ins Haus.

SLEAZE + Borg McEnroe
Björn Borg (hier natürlich: Sverrir Gudnason) – heute übrigens auch eine interessante Sportmode-Marke
Die Mär des Spektakels

Janus Metz Pedersens (True Detective) Film Borg McEnroe als biografischen Sportfilm zu bezeichnen, wäre eine arg zugespitzte Vereinfachung seines Kerns. Vielmehr fungiert die unzureichende Genre-Bezeichnung als das Vehikel einer Geschichte zweier nur oberflächlich als emotionale Gegenpole erscheinender Sportstars: der stoische Björn gegen den exzentrischen John. So will die Welt das Spektakel sehen. Zwei Extreme, die in einem der prestigeträchtigsten Tennisturniere dieses Planeten im Finale auf einander treffen. Was für eine Story!

Was für eine Lüge! Janus entzieht sich trotz und wegen eingestreuter, teils in zelebrierend-verlangsamten Sportsequenzen der Lust dem werbeträchtigen Spektakel. Sein Film ist vielmehr eine Geschichte über Empathie und Verbundenheit in einer Welt der Isolation. Isolation durch Unverständnis durch Starkult. Jene moderne Götzenanbetung, dessen respektloses, entfremdendes Spiel „Fans“ wie Reporter gleichermaßen befeuern. So wirft John einem penetranten Journalisten auf einer Pressekonferenz denn auch folgerichtig vor, dass er, die Presse, nicht verstehe, was es heißt, auf den Platz zu gehen und sich mit allem hineinzuwerfen, was man hat. Denn der Medienvertreter spielt kein Tennis.

SLEAZE + Borg McEnroe
Großbuchstabe mitten im Nachnamen muss sein: Shia LaBeouf als John McEnroe
Gemeinsam allein

Borg McEnroe erzählt so von einem fundamentalen Konflikt verschiedener Welten, die unvereinbar scheinen und in dessen Zentrum eben jenes tiefe Unverständnis brodelt, das Distanz schafft – eine universale Diskrepanz, wie sie die Einen von den Anderen, der „Masse“, seit jeher oft unfreiwillig abtrennt: Sportler, Künstler, also all die, die den Schritt in sich und die Welt weitergehen und diesen zum Ausdruck bringen.

In diesem Raum des Alleinseins finden Björn und John in einander Verbündete. Rivalität ist Verbundenheit. Das gemeinsame Match ist eine Art intimes Kennenlernen, aus dem sie unabhängig von dessem Ausgang Nähe schaffen. Regisseur Janus gelingt hierbei oftmals wortlos die Vermittlung von Gemeinsamkeit.
Zwar verbringt Borg McEnroe einen großen Teil seiner Laufzeit damit, die Vergangenheit beider Figuren zu beleuchten und sie so zusätzlich zu zeichnen – interessanterweise umschlingen sich hier bereits deren Wege.

SLEAZE + Borg McEnroe
Kontrahenten, die sich irgendwie auch verstehen.

Doch erreicht der Film seine eindringlichsten Momente immer dann, wenn er sich vom zuweilen etwas zu braven, da bekannt-psychologisierendem Erzählmodus verabschiedet und seinen beiden Titelcharakteren unter Missachtung bekannter Narrative einen unausgesprochenen Esprit einhaucht statt diesen auszubuchstabieren.

Denn hier avancieren Blicke, Gesten, knappe Worte zu unerzählten und von Formalitäten befreiten Geschichten, die Wahrheit wie Menschlichkeit aufblitzen lassen. Und plötzlich entsteht eine filmische Energie, die fähig ist, Grenzen zu überwinden – der Zuschauer mag für einen Augenblick nicht nur dem spannenden Treiben folgen, sondern sich mit sich selbst konfrontiert sehen.

Ein Spiel der Grenzüberschreitung. Wenn Borg McEnroe sich auch nicht immer von einigen sicheren Storypfaden trennen mag, so ist der Film doch mehr als nur ein rührseliges, komfortables und heroisches 08/15-Biopic.

Alex

Titel: Borg McEnroe
Kinostart: 19.10.2017
Dauer: 107 Minuten
Genre: Biopic, Sport, Drama, Biografie
Produktionsland: Schweden, Dänemark, Finnland
Filmverleih: Universum Film (Deutschland)

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