Bonnie Tyler erhellt das Grauen

Bonnie Tyler erhellt das Grauen

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SLEAZE + The Strangers 2

Endlich. Für einen kurzen Moment beginnt der Film zu blitzen. Für einen Augenblick schält er sich aus seinem engen Korsett des biederen Erzählens und gewinnt im wahrsten Sinne des Wortes an Farbe.SLEAZE + The Strangers 2

Bonnie Tylers krachender 80er-Hit „Total Eclipse of the Heart“ rockt für wenige Minuten den ansonsten bis dahin ungemein blassen The Strangers: Prey at Night, der im Deutschen mit dem Zusatztitel Opfernacht daherkommt und uns selbst zu Opfern seiner laschen, da verkrampft in einem Erziehungsplot ausharrenden Erzählung macht.

Familiendrama light

Das Sequel des nunmehr zehn Jahre alten The Strangers erweist sich als krasser Gegenentwurf zum Original von Bryan Bertino. Letzteres war ein ungemein dichtes, geerdetes Kammerspiel, das etwa durch kribbelnde Suspense-Momente mit dem Thema der Home Invasion vor dem Hintergrund einer Beziehungskrise seiner von Liv Tyler und Scott Speedman verkörperten Hauptfiguren spielte und die Nerven des Zuschauers gehörig anzuspannen vermochte.

Prey at Night erweitert das Szenario von einem abgelegenen Sommerhaus in einen Trailerpark und versucht dabei, das Grauen in eine Geschichte um eine mehr oder minder dysfunktionale Familie zu pressen, in der sich die ständig gegenseitig ärgernden Geschwister natürlich tief im Innersten dolle lieb haben.

Das Geschwurbel um das seichte Familiendrama nimmt seinen Trip Richtung Grauen, als die Eltern Cindy (Christina Hendricks) und Mike (Martin Henderson) mit Tochter Kinsey (Bailee Madison) und Sohn Luke (Lewis Pullman) in den Trailerpark der Tante und des Onkels reisen, um gemeinsam Zeit miteinander zu verbringen.

Die „Family Time“ steht schon deshalb unter einem angespannten Stern, da Kinsey vor dem Einzug ins Internat steht. In der menschenverlassen wirkenden Anlage angekommen, treffen sie schließlich nach und nach auf die aus dem Vorgänger bekannten, maskierten Angreifer.

Durch die Nacht mit Bonnie Tyler

Was folgt, ist ein grauenerregendes Klischee-Spektakel des Horrorfilms. Prey at Night weist jedwede Überraschung von sich, indem er sich treu bekannten Schemata des Genres hingibt und Figuren etwa so anordnet, dass sie eine gewisse dramaturgische Hierarchie formen, die hier für nichts anderes steht als die Tötungsreihenfolge.

Seine Kamerarbeit lässt uns kaum in die Isoliertheit des Szenarios eintauchen, da sie überdeutlich durch beispielsweise die Wahl ihrer Perspektive Kommendes vorwegnimmt und das Potenzial jeglicher Spannung mit größerer Präzision killt als die Maskenmeuchler ihre Opfer.

Darüber hinaus zerbricht der Film völlig in sich, wenn er des erhofften Schocks bzw. der mutmaßlich gewollten Sensation wegen seine Handelnden Dinge tun lässt, die nicht per se, aber im Kontext ihrer Story gegen selbige vorgehen und den atmosphärischen Hahn bis zum Erliegen des Filmflusses abdrehen. Das versöhnliche Hintergrundrauschen zwischen diversen Figuren angesichts der blutigen Ereignisse und damit einhergehende Über-Sich-Hinausgehen-Momente bilden denn so etwas wie die witzige Pointe einer unfreiwilligen(?) Komödie.

SLEAZE + The Strangers 2
Das Bettlakengespenst.

Aber dann kommt Bonnie Tyler. In einer von bunten Lichtern ausgeschmückten Pool-Szenerie avanciert eine Kampfsequenz zum farbenfrohen, von der rauchigen Stimme Bonnies ausgekleideten und in Neonfarben getauchten Befreiungsmoment, in der die Regie Johannes Roberts‘ plötzlich aufdreht. Auf einmal vereinigen sich Absurdität und Todesfurcht und für Minuten denkt der Film nicht mehr, sondern beginnt, zu fühlen. So können denn auch wir uns einfach fallen lassen, bis Bonnie viel zu flott wieder verstummt und der Streifen seinem allzu hitzigen Ende samt kaum übersehbarem Anschlussfehler entgegenhechelt. Welch Opfernacht.

Alex

Titel: The Strangers: Prey at Night (dt. Titel: The Strangers: Opfernacht)
Kinostart: 21.06.2018
Dauer: 85 Minuten
Genre: Drama, Horror
Produktionsland: Großbritannien, USA
Filmverleih: Square One, Universum, Fox

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