Blutiger Glaube

Blutiger Glaube

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Glaube heißt nicht wissen wollen, was wahr ist.“, attestierte Friedrich Nietzsche schon in seinem 1888 veröffentlichtem Antichrist dem Wesen religiöser Dogmen. Dieser Ausspruch wirkt geradezu wie das Credo des Kinodebütanten Robert Eggers, der in seinem mysteriösen The Witch die Auswirkungen fundamentalistischen Christentums auf eine Familie im Neuengland des 17. Jahrhunderts seziert. Dabei beriefen sich er und seine Crew nach eigener Aussage auf Originalquellen, um sich der Stimmung jener Zeiten anzunähern.

Die Hexenverfolgung während des Mittelalters ist sicherlich eine der blutigsten und verachtungswürdigsten Kapitel der Menschheitsgeschichte. Vor allem Mitglieder des weiblichen Geschlechts waren im Grunde zur Verbrennung freigegeben, wenn sie auch nur im Entferntesten in Verdacht okkulter Praktiken oder so genannter schwarzer Magie gerieten. Zwar streut Regisseur Robert Eggers auch immer wieder Fährten mit bekannten Horrormotiven des Okkulten, doch im Kern konzentriert er sich auf die sich zunehmend von Misstrauen und Verzweiflung geprägte Dynamik innerhalb der im Film vorgestellten Familie. Schon der Beginn markiert eine wichtige dramaturgische Komponente des Films, indem der US-Amerikaner vieles nur andeutet, aber nicht ausspricht. So sieht sich der Vater mit der Verbannung aus seinem Dorf konfrontiert, die ihn mitsamt seiner Familie zu einem Leben auf einem abgeschiedenen Hof in der Wildnis zwingt. Nebulös verhangen die genauen Umstände, nur fragmentarisch angerissen eine mögliche „falsche“ Auslegung des Glaubens.

SLEAZE+The Witch 3Dieser dem Zuschauer auferlegten Unsicherheit weiß Robert stets loyal gegenüberzustehen. Er vermeidet es, in die Falle des Zuviel zu treten und beweist sich und seinem Werk gegenüber eine stetige Treue. Zwar begibt er sich in so manch dramatischer Situation an die Grenzen des Undenkbaren, überschreitet sie jedoch nicht. Hinter dem Vorhang der Ereignisse könnte stets ein Jemand (oder der Ausbruch seines Innersten) und nicht ein übernatürliches Etwas stehen. Antreibendes Element dieser Spannung ist die Sünde: Das ideologische Fundament der Familie setzt sich aus tiefem Schuldempfinden und, in Konsequenz dessen, ständiger Selbstdemütigung zusammen. Wie so oft passen erhöhter Selbstanspruch und menschlicher Fehlbarkeit nicht so gut zusammen. Besonders hervorgehoben wird die Sündenthematik durch klassisch-religiöse Motive wie den Apfel als Symbol des Sündenfalls Adams und Evas. Fortwährend finden sich jedoch Risse in dieser selbstkonstruierten Illusion: das verbotene Begehren eines Familienmitglieds, die Unaufrichtigkeit des Ehemannes oder die stolze, der gebückten Demut diametral entgegenstehende Eigensinnigkeit einer jungen, adoleszenten Frau. Robert weiß hier geschickt mit den Nuancen und kleinen Kriegen innerhalb des familiären Bunds unter dem Banner eines fundamentalistischen Glaubens zu spielen. So kreiert er zunehmend ein Elixier, das seine verheerende Wirkung durch all die Konflikte und Enttäuschungen wegen der ärmlichen Situation sowie der sich ausbreitenden Hexenparanoia zu entfalten droht. Bemerkenswert, mit welch spielerischer Sicherheit und wie wenig Eitelkeit der Filmemacher hier in seinem Debüt vorgeht.

SLEAZE+The Witch2Die atmosphärische Dichte des Films weiß ebenfalls die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Zwar mag seiner Inszenierung insgesamt die großen Bilder fehlen. Gerade jene imaginären, den Kopf des Zuschauers bevölkernde Assoziationsketten, die schon so manchem Horrormotiv das entschiedene Grauen verliehen, weiß er nicht immer elegant zu weben. Und vereinzelt stolpert er angesichts einer Erschöpfung in Horrorklischees, wie etwa dem Rascheln eines Busches, doch findet er immer wieder pointiert das wirksame Zusammenspiel von Ton und Bild. So gesteht er dem Wald eine besondere Rolle zu, wie es etwa Lars von Trier in seinem Antichrist bereits vormachte, und beschwört eine bedrohliche Naturmystik, in der übernatürliche Dinge geschehen und in derer der Wald als eine Art revelationistischer Ort betrachtet werden könnte.

Wenn die Kamera auf die Grenzen des Waldes blickt und hohe, mysteriös und grauenerregende Stimmen eines weiblichen Chors ertönen, fühlt man sich ein wenig an Stanley Kubricks Monolithen, ebenfalls begleitet von ähnlich aufgescheucht zitternden Stimmen, aus 2001: A Space Odyssey erinnert, der mit Vorkommnissen in Zusammenhang zu stehen scheint oder stehen könnte, ohne dass seine Bedeutung zweifelsfrei aufgeklärt werden würde. Zwar erreicht Robert Eggers mit seiner Regie die Wucht und Erhabenheit des schwarzen, kubrickschen Gegenstandes nicht, doch die Parallele lässt sich erkennen. Und so ist dieser Film vor allem als bemerkenswertes Erstlingswerk zu verstehen, das ganz störrisch seinen eigenen Weg zu gehen versucht, zuweilen an inszenatorischer Staublunge leidet, aber für sich genommen auch im Rahmen ausgelatschter Horrorpfade rund um das so oft malträtierte böse Wesen der Hexen einen begrüßenswerten Weg eines psychologisch durchdachten Familiendramas einschlägt, welches sich letztlich sogar als emanzipatorische Erlösungsgeschichte lesen ließe. Gott, bei aller Repression, welch‘ Ironie!

Alex Warren

Titel: The Witch
Regie: Robert Eggers
Dauer: 92 Min.
VÖ: 19.05.2016 (dt. Kinos)
Verleih: Universal Pictures Germany

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