Blade Runner 2049 – Die Schönheit der Dystopie

Blade Runner 2049 – Die Schönheit der Dystopie

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Es scheint, als erlebe das großbudgetierte Kino Hollywoods eine kreative Renaissance. Nach Christopher Nolans Dunkirk und Matt Reeves‘ War for the Planet of the Apes startet nun mit Blade Runner 2049 eine weitere Großproduktion in den Kinos, die es in sich hat. Das Sequel zu Ridley Scotts kultgewordenen Original aus dem Jahre 1982 ist mehr als nur ein Nachfolger. Regisseur Denis Villeneuve gelingt es, seine eigene Vision wuchtig auf die Leinwand zu hieven und ihr dabei doch den Hauch des Erstlings einzuflößen.SLEAZE + Blade Runner 2049Dystopischer Realismus

Der Film erzählt von LAPD Officer K (Ryan Gosling), der im Los Angeles des titelgebenden Jahres 2049 auf ein Geheimnis stößt, das die Zivilisation aus den Fugen heben könnte. Mehr als diese Ausgangslage sollte nicht verraten werden. Der Regisseur Denis Villeneuve selbst wies auf einer auf die Leinwand vor dem Filmstart projizierten Textnachricht darauf hin, bitte keine Plot-Details zu enthüllen. Ich stimme ihm zu.

Blade Runner 2049 ist ein inszenatorisches Schwergewicht. Bereits mit früheren Werken bewies Denis seine immense Fähigkeit, Filme über die Summe ihrer einzelnen Elemente hinaus zu schaffen. Ihnen allen liegt eine Art transzendentales Momentum inne. Eine Mythologie, eine Dimension, die tiefer geht, als es der eigentliche Plot zunächst vermuten lassen könnte.

Die düstere Detektivgeschichte in Blade Runner 2049 folgt nämlich durchaus bekannten Mustern samt potenziell voraussehbarer Wendungen, was für sich gesehen zunächst ermüdend wirken kann. Als ich den Kinosaal an einem stürmischen, verregneten Nachmittag zu Wochenbeginn jedoch verließ, war es, als hätte ich Denis‘ futuristisches Los Angeles nie verlassen.
Seine Zukunftsidee ist keine abgehobene, auf möglichst viel Technik-Schnickschnack abzielende Reizorgie, sondern eine zutiefst in der uns bekannten Welt anonymisierter Großstadt-Existenzen verankerte Vision. Sie ist schmutzig, nass und voller Einsamkeit. Eine unheimliche, nicht unrealistische Erhöhung dessen, was eines Tages kommen könnte. Also alles nur ferne Dystopie? Mitnichten.

Eine Geschichte unserer Existenz

Denis Villeneuve erweist sich dabei einmal mehr als Kenner seines Raums. Der Kanadier weiß um die Wichtigkeit seiner Örtlichkeiten, was er zuvor etwa schon in Filmen à la Sicario oder Arrival beeindruckend zeigte. Das Los Angeles anno 2049 setzt der Filmemacher so mit einer massiven „Leichtigkeit“ in Szene. Statt uns einen konkreten Blick aufzuzwingen, sind wir wortlose, staunende Begleiter Ryan Goslings in einer gleichsam betörenden wie abstoßenden, faszinierenden und zutiefst verstörenden Welt.
Er erzählt, ohne zu erzählen. Er vertraut auf das Medium Kino. Wenn etwa Ryans Officer K im Schwebeauto an einer gigantischen Mauer an den Ufern des Meeres entlangfliegt, welche die überwiegend verregnete, graue Neonstadt vom Ozean trennt, beschwört Denis eine narrative Urgewalt herauf, die nichts wörtlich und somit unendlich viel erzählt.SLEAZE + Blade Runner 2049

Science Fiction par excellence. Kino par excellence. Denn ganz gleich, wie nah diese Zukunft in Blade Runner 2049 auch sein mag: Sie steht mit unserem Dasein in einem engen Kontakt, was ihr eine außerordentliche Dringlichkeit verleiht. Wo Star Wars, Valerian oder Marvel-Ableger Abenteuergeschichtchen ohne Konsequenz erzählen, stellt Denis – mal leise mitschwingend, mal offenkundig ausgesprochen – tiefe Fragen über das Mensch- und Maschinensein. So spielen die aus dem Original bzw. der Buchvorlage von Philip K. Dick bekannten Replikanten erneut eine gewisse Rolle. Noch wichtiger: Ihm gelingt es, ein Gefühl für existenzielle Fragen zu schaffen, das u.a. eine der zärtlichsten wie filmisch raffiniertesten Annäherungsmomente der jüngeren Kinogeschichte hervorbringt. Der Film reflektiert mit cineastischer Schönheit, nicht mit dem erhobenen Zeigefinger.

Diese Regie, diese Kamera…

Hierbei zeigt sich erneut, dass das nunmehr zum dritten Mal zusammen agierende Team aus Denis Villeneuve und Kameramann Roger Deakins eine grandios fruchtbare Symbiose darstellt. Ikonische Gemälde-artige Denkmäler von Einstellungen treffen auf rasante Fahrten respektive Flüge durch die gigantisch anmutenden Bauwerke Los Angeles‘. Das Lichtspiel im Dunkel der Häuserschluchten lässt eine geradezu traumhafte Atmosphäre entstehen, die durch kräftige Farbakzente – etwa durch grelle Neonreklamen oder den Scheinwerfer riesiger Räumfahrzeuge – zusätzlich an Leben gewinnen, ohne je zum Selbstzweck zu verkommen. Dazu Farbfilter, die das Geschehen in eine Welt in der Welt eintauchen lassen. Denis und Roger, sie passen zusammen.SLEAZE + Blade Runner 2049

Überdies befeuern Hans Zimmer und Benjamin Wallfisch, die schon an der musikalischen Begleitung Dunkirks zusammen werkelten, die Ereignisse mit einem Soundtrack, der uns in den Kinosessel drückt. Anklänge des ambientischen, sphärischen, majestätischen Scores Vangelis‘ aus den 80ern treffen hier auf die bekannte Hans’sche Wucht. Es dröhnt und zittert im Saal, nicht aber ohne Zartheit. Ein Klangteppich, der sich wie eine Gewitterwolke über die Megametropole legt.

Und so erweist sich Blade Runner 2049 als ein betörender, eigenwilliger Ritt durch eine Zukunft, die Regisseur Denis Villeneuve hochstimmungsvoll in Szene zu setzen weiß, dabei aber nicht die einst gesäten Wurzeln von Ridley Scotts Original leugnet. Zugleich ist der Film nach Dunkirk und War for the Planet of the Apes ein weiterer Stern am millionenschweren Himmel Hollywoods. Eine Großproduktion, wie sie sein kann: visionär, betörend, wunderschön. Ein Film, der nicht verstummt.

Alex

Titel: Blade Runner 2049
Kinostart: 05.10.2017
Dauer: 163 Minuten
Genre: Science Fiction, Drama, Thriller
Produktionsland: USA
Filmverleih: Warner Bros., Sony Pictures (Deutschland)

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