Biomutant: Das überambitionierteste Spiel nach Cyberpunk 2077?

Biomutant: Das überambitionierteste Spiel nach Cyberpunk 2077?

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Von Biomutant sind gerade viele Spieler enttäuscht. Es sollte ein Spiel werden, welches dir große Storyfreiheiten lässt, eine diverse offene Welt bietet, verschiedene Kampfstile kombiniert, spektakuläre Bosskämpfe liefert und ein komplexes Crafting-System integriert. Auch wenn sich jedes Element im Open-World-Abenteuer des rund 20-köpfigen Teams Experiment 101 wiederfindet, fehlt der nötige Feinschliff. Masse statt Klasse in diesem Fall.

SLEAZE + Biomutant

Mit Biomutant haben wir ein überambitioniertes Spiel à la Cyberpunk 2077 bekommen, wobei das hauptsächlich aus technischer Sicht versagte. Was Biomutant hat und was Biomutant fehlt und ob der letzte Patch etwas verbessert hat – das schauen wir uns jetzt genauer an!

Was kann Biomutant?

Biomutant darf man sich wie eine Kombination aus den Arkham-Spielen, Ratchet & Clank, Horizon: Zero Dawn und Shadow of the Colossus vorstellen. Überambitioniert klingt schon fast untertrieben.

Man darf aber auch nicht vergessen, dass bloß ein sehr kleines Team hinter diesem riesigen Projekt steckt. Dafür gibt es den SLEAZE-Respekt-Award, den ich soeben eingeführt habe.

SLEAZE + Biomutant

Der Auftakt

Wir schlüpfen in die Rolle eines Waschbär-ähnlichen Pistoleros … nein, einen Moment. Wir schlüpfen in die Rolle eines Ratten-ähnlichen Supersoldaten. Nein, auch nicht. Das zieht sich vermutlich eine halbe Stunde so weiter – zumindest in meinem Fall.

Denn in Biomutant haben wir bei der Charaktererstellung unzählige Möglichkeiten. Wir können das Aussehen der Figur ändern und damit ihre Stats anpassen. Außerdem können wir eine Klasse festlegen, wie zum Beispiel den PSI-Freak – das Pendant zum Magier aus jedem Rollenspiel – oder den Saboteur, welcher für den Nahkampf optimal geeignet ist.

Hier entdecken wir bereits die erste Baustelle: Die Charaktererstellung ist zwar recht flexibel, aber auch unausgeglichen. Jede Klasse bietet eine Handvoll exklusiver Fähigkeiten, die mal mehr, mal weniger brauchbar sind. Der Scharfschütze kann höheren Fernkampfschaden austeilen. Das allein macht ihn stärker als jede andere Klasse, weil Feuerwaffen in Biomutant schlicht und ergreifend zu stark sind. Der Saboteur hingegen kommt ohne Nahkampfverstärkungen daher. Aber hey, mit dem Saboteur kann man etwas weiter ausweichen. Der letzte Patch hat in dieser Hinsicht nicht viel verbessert.

SLEAZE + Biomutant

Das Balancing hat für ein Singleplayer-Spiel vielleicht nicht oberste Priorität und man kann im Spielverlauf auch als Nahkämpfer PSI-Fähigkeiten und Schusswaffen verbessern, aber sonderlich stark ist man dann nicht.

Willkommen in einer Welt, die bald keine mehr ist

Genug geärgert. Reden wir darüber, was man in Biomutant erlebt. Wir lernen schnell, dass der Weltenbaum, Ursprung allen Lebens, von Weltenfressern vernichtet wird. Wir müssen sie also stoppen, um die bevorstehende (zweite) Apokalypse aufzuhalten. Klingt wie eine epische Quest? „Halt, Stopp!“ würde Psycho-Andreas jetzt rufen.

Wir werden auch mit unserer Vergangenheit konfrontiert. Ein böser Bösewicht hat unsere Familie abgeschlachtet und dieser persönliche Konflikt kann nicht warten. Alles klar, es bleibt überschaub… nein, da ist noch mehr!

Denn natürlich droht auch ein Krieg zwischen den Völkern um den Weltenbaum herum. Wir müssen uns also für eine Gruppe entscheiden: Die einen möchten alle versklaven, die anderen möchten alle vereinen … indem sie sie versklaven. Die Entscheidung spielt keine tragende Rolle, denn die Missionen bleiben dieselben.

Lediglich kleine Auswirkungen auf unser Karmasystem hat die Entscheidung. Aber verlier nicht zu viele Gedanken darüber, denn das Karmasystem hat kaum Auswirkungen auf irgendwas im Spiel. Funfact: Das Fangen und Essen/Streicheln von Tieren in der Wildnis hat mehr Auswirkungen auf euer Karma als solche Entscheidungen.

SLEAZE + Biomutant

Nun gut, zurück zur der/den Story(s). Wir werden überladen mit Handlungssträngen, die alle ziemlich platt, uninteressant und abwechslungsarm bleiben. Lediglich die Weltenfresser zu vermöbeln macht Spaß, da die großen, flauschigen Viecher mal mit einem Mech, mal mit einem Reittier besiegt werden müssen. An die Tiefe eines Shadow of the Colossus kommt es aber nicht heran.

Hinzu kommen auch noch haufenweise langweilige Nebenquests. Nur sehr wenige stechen heraus. Was nützen einem also die vielen Freiheiten, seine Story so zu gestalten, wie man es möchte, wenn kein Handlungsstrang, keine gebotene Entscheidung überzeugt?

Eine bunte (Post-) Apokalypse

In Biomutant entdecken wir eine Welt, die viele Jahre zuvor durch eine Umweltkatastrophe völlig verändert wurde. Das sehen wir nicht nur, das hören wir auch ständig. Eine Erzählerstimme leitet nämlich die Geschichte in Biomutant, übersetzt uns das Kauderwelsch in Dialogen und meldet sich ansonsten für geistreiche Beiträge wie: „Tagsüber kannst du klarer sehen!“ Das verliert nach mehreren Stunden seinen Charme. Zum Glück kann man seit dem neusten Patch die Erzählerstimme und/oder das Kauderwelsch vollständig herunterschrauben.

Über das Unternehmen, welches für die Umweltkatastrophe zuständig ist, erfahren wir in den Haupt- und Nebenquests sowie bei unseren Erkundungen kaum etwas. Schade eigentlich, denn der Ansatz eines Horizon: Zero Dawn ist zu erkennen.

Die Welt selbst ist größtenteils überwuchert und hinter jeder Ecke lauern mutierte Kreaturen. Eine weitere Komponente der Open World sind die unterschiedlichen Biome. Manchmal reisen wir durch radioaktive Ruinen, manchmal durch sauerstoffarme Gebiete. Um in diesen Arealen eine längere Zeit ausharren zu können, brauchen wir Resistenzen gegen die entsprechenden Biome. Diese können wir durch bestimmte Klamotten erreichen.

SLEAZE + Biomutant

Die Welt von Biomutant lädt zum Erkunden ein, keine Frage. Ich habe selbst nach 20 Stunden neue Ortschaften mit kleinen Geheimnissen finden können. Dennoch hätte ich mir etwas mehr Abwechslung im Detail gewünscht. Nach einer Weile hat man das Muster nämlich verstanden und kennt man ein Dorf, kennt man in der Regel auch alle anderen.

Kämpfen wie eine Fledermaus, schießen wie ein Lombax

Das Kampfsystem ist eine weitere tragende Säule von Biomutant. Je nach Klasse priorisiert man eine Kampfart. Dennoch kann man frei nach Lust und Laune kombinieren. Der Nahkampf erinnert stark an die Arkham-Spiele, wenn auch nicht so ausgereift. Das Kontern beispielsweise gibt kein gutes Feedback und die Kämpfe verlaufen chaotischer, egal ob mit Level 1 oder Level 30. Dafür fühlen sich die unterschiedlichen Nahkampfwaffen allesamt einzigartig an und die Animationen sehen erstklassig aus.

Mit verschiedenen Schusswaffen ausgerüstet kann man wie in Ratchet & Clank seine Gegner aus der Distanz mit Stil erledigen. Diese sind wie die Nahkampfwaffen kreativ gestaltet und mit Zeitlupensprüngen macht man sowieso nichts falsch.

SLEAZE + Biomutant

Hinzu gesellen sich PSI-Kräfte und Biogenetik, mit denen wir Feuerspuren hinterlassen oder Gegner durch die Luft wirbeln können. Allesamt cool designt, aber leider ohne Wumm.

Dann gibt es noch Super Wung-Fu, mit dem wir kurzzeitig Superattacken ausführen können, die aber im späteren Verlauf eher unwichtig werden.

Was tun mit so vielen Ressourcen?

Und dann sind da noch die vielen Materialien, die überall verstreut herumliegen und warten, von uns weiterverarbeitet zu werden. Denn wir können neue Nah- und Fernkampfaffen zusammenbasteln, unsere Ausrüstung aufwerten oder Verbrauchsgegenstände nutzen. Dann gibt es noch unterschiedliche Fähigkeitspunkte, die entweder für die Verbesserung unserer Stats, unseres Nah- und Fernkampfs, unserer PSI-Kräfte, unserer Biogenetikfähigkeiten oder unseres Biomwiderstands nötig sind.

SLEAZE + Biomutant

Biomutant stellt sich selbst ein Bein, denn am Anfang ist man schlicht und ergreifend überfordert. Die Tutorial-Flut in den ersten paar Stunden macht die Sache nicht besser.

Es ruckelt in der großen Welt von Biomutant

Trotz ein paar matschiger Texturen sieht das Open-World-Spiel aus dem kleinen Hause Experiment 101 beeindruckend aus. Weniger beeindruckend ist hingegen die Performance. Auf der PS4 läuft Biomutant nie ganz ruckelfrei. Gerade beim Erkunden der Welt kann das schon ärgerlich sein.

PC und Current-Gen liefern scheinbar besser ab, dieses Gefühl vermitteln zumindest Let’s Plays. Auch der letzte Patch hat hier und da die Performance auf allen Plattformen etwas verbessert.

SLEAZE + Biomutant

Fazit

Am Ende stelle ich fest, ich habe mehr auszusetzen als zu loben. Biomutant übernimmt sich leider. Zwar macht das Grund-Gameplay Spaß und die Welt weiß hin und wieder zu überraschen, aber selbst die große Vielfalt hat eben ihren Preis. Biomutant fehlt es an Tiefe. Es ist das Assassin’s Creed-Syndrom.

Hätte Biomutant funktioniert, wenn Experiment 101 die Welt dichter designt, den Fokus auf Story gelegt und nach dem Motto „Klasse statt Masse“ gehandelt hätte? Wäre ein lineares, dafür cineastischeres Erlebnis die bessere Lösung gewesen? Wir werden es leider nie wissen.

Titel: Biomutant
Entwickler / Publisher: Experiment 101 / THQ Nordic
VÖ: 25. Mai 2021
Plattform: PC und Konsole (nicht Nintendo Switch)

Ich habe Biomutant auf der Standard PS4 getestet.

San L

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