Billions: Der Hedgefonds im Serienland

Billions: Der Hedgefonds im Serienland

The Wolf of Wall Street, The Big Short, Margin Call: Heute, knapp zehn Jahre nach der Weltfinanzkrise, scheinen sich Börsenfilme zu häufen wie zu früheren Zeiten Vietnamkriegsfilme. Kein Wunder also, dass sich jetzt auch mal eine Serie dieser Thematik annimmt. Geschehen ist das in Form des Showtime-Machwerks "Billions", mit Paul Giamatti (American Splendor) und Damian Lewis (Homeland) in den Hauptrollen.

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Die Serie Billions ist vor allem ein Duell: Auf der einen Seite der Hedgefonds-Chef Bobby „Axe“ Axelrod mit seiner Investmentfirma Axe Capital. Sein Gegner: US-Staatsanwalt Chuck Rhoades, spezialisiert auf Finanzverbrechen. Während der eine die Millionen scheffelt und privat schon lange Milliardär (englisch: billionaire) ist, versucht der andere, sein Widersacher, im absolut entfesselten Finanzkapitalimus auf Regeln zu pochen (wie anachronistisch!). Und diese beiden Kontrahenten mit einmal so richtig dicken „Cojones“ liefern sich jetzt einen Zweikampf bis zum Ende – selbst wenn beide vernünftigerweise eigentlich einsehen müssten, dass Mäßigung der Weg zum Erfolg wäre (aber da ist ja noch die Sache mit den Stierhoden).

SLEAZE + billions
Staatsanwalt Chuck klagt schon mal mit dem Finger an.

Aber Momentchen mal, Weltfinanzkrise, Heuschrecken, shorten? Da war doch was! Genau, Banker, Börsenmakler und andere „Finanzjongleure“ haben in den letzten Jahren einen schlechten Ruf bekommen. Wie ein Wirtschaftsprozess normalerweise ausgeht, zeigt Billions dann auch sehr schön: Die Hedgefonds-Manager zahlen, wenn verurteilt, üblicherweise eine Strafe, z.B. so um die 10 Millionen Dollar. Hört sich jetzt erstmal nach viel an, doch im Verhältnis zu einem Milliardenvermögen lässt sich auch dieses Sümmchen verkraften. (Axe selber stellt zu einem Zeitpunkt von Billions mal einen solchen Scheck über 1,9 Milliarden Dollar aus!)
Ins Gefängnis müssen die Manager dann nicht, im allerschlimmsten Fall wird ihnen die Börsenhandelslizenz entzogen. Interessanterweise kommen in Billions auch ganz am Rande mal andere Verbrechen und die Strafen dafür vor, beispielsweise wandern Drogendealer für Jahrzehnte in den Knast für Drogen im Straßenwert von einigen Millionen Dollar – gerecht?

Wohl eher nicht, aber allemal guter Serienstoff! Billions spielt hauptsächlich an den beiden Arbeitsplätzen der Hauptfiguren: Axe Capital ist eine Firma voller soziopathischer Mathematik- und Finanzgenies, das Firmengebäude lichtdurchflutet und doch kalt-funktional.

SLEAZE + billions
Axe mit Ehefrau Lara (Malin Akerman)

Axe selber kommt aus armen Verhältnissen und hat sich hochgearbeitet mit einer Mischung aus Begabung und dieser anderen Art von Begabung, alles als einen Deal zu begreifen und im Prinzip jeden als Gegner zu sehen. Hierin erinnert Axe an Donald Trump, außer, dass er es wirklich drauf hat.

Bundesstaatsanwalt Chuck und sein Team residieren hingegen in einem altehrwürdigen Gebäude und gehen hier ihrem noblen Handwerk nach und zimmern an ihren Anklagen. Leider, erster Kritikpunkt an Billions, kommen beide Schauplätze ein wenig farblos und unexotisch daher. Die Staatsanwälte laufen noch dazu in nicht minder farblosen Anzügen herum. Und so wird Billions zu einer Arbeitsplatz-Serie ohne etwa den gewissen Kick von Breaking Bad (Crystal), True Detective (Sumpf / Matthew) oder Westworld (KI).

Staatsanwaltschaft und FBI arbeiten eng zusammen.

Dafür geht es aber um ein brandaktuelles Thema, das über unser aller Zukunft entscheidet? Bedingt! Während beispielsweise The Big Short oder The Wolf of Wall Street gut darin waren, besonders den Wahnsinn des Finanzbetriebs rüberzubringen, bleibt man als Zuschauer bei Billions eher Außenseiter: Die diversen Finanzinstrumente werden nicht „für Dumme“ erklärt wie in The Big Short, vielmehr prasseln die Wirtschaftsfachbegriffe nur so auf einen ein und man kann sie bestenfalls googlen, um mehr herauszufinden. Das fällt allerdings gar nicht so unangenehm auf, dreht sich die Serie doch eben mehr um den Zweikampf der beiden Stiere.

Was bietet Billions noch so?

Die Serien-Macher scheinen früher auch Die Sopranos gesehen zu haben! Denn in dem Hedgefonds Axe Capital arbeitet auch Psychologin Wendy (Maggie Siff). Das ist sogar ziemlich realistisch, beschäftigen doch echte Hedgefonds auch Psychologen (interessanterweise sogar Sportpsychologen), um ihre Manager so richtig locker und risikobereit für den nächsten Zock zu kriegen. So weit, so realistisch, und über diesen netten Kniff kriegen wir als Zuschauer viel Innenperspektive auf die Hedgefonds-Manager. Sie öffnen sich ihrer Therapeutin wirklich, reden frei von der Leber weg. Das erinnert manchmal an eins dieser Videotagebücher in Reality-Sendungen. Und doch geht Billions hier auch einen Schritt zu weit, da Hedgefonds-Psychologin Wendy gleichzeitig die Ehefrau von Staatsanwalt Chuck ist. Für meinen Geschmack ist das zu konstruiert, liefert jedoch natürlich Konflikte und Handlungslinien ohne Ende.

SLEAZE + billions
Das wird kein ruhiges Abendessen: Chuck und Ehefrau Wendy (Maggie Siff)

Neben dieser Idee des Drehbuchs feuert Billions das übliche Serienprogramm ab: Chucks rechte Hand Bryan hat einige Büroflirts, Chuck selber einen Dauerkonflikt mit einem Kollegen von einer anderen Behörde. Im Hedgefonds geht auch einiges, hier vermag beispielsweise Axes rechte Hand „Wags“ zu begeistern, der in seiner Immoralität geradezu genießerisch zu baden scheint. Und dann gibt es natürlich noch das Privatleben der beiden mächtigen Männer. Chucks familiäre Situation erwähnte ich ja bereits, Axe ist hingegen mit der wunderbaren Malin Akerman verheiratet, deren Rolle ebenso „street tough“ ist wie ihr Mann.

Ist Billions eine dieser neuen Super-Serien?

Ja, aber! Die Produktion ist fett und aufwändig, die Storys sind stets spannend. Und doch: Die eher grauen und langweiligen Schauplätze hatte ich schon erwähnt, auch haut einen in Billions z.B. nicht jeder Musikeinsatz total vom Hocker. Manche Elemente bremsen die Serie eher aus oder scheinen andere Schwächen zu kompensieren (so wie Chucks SM-Sexspielchen mit seiner Psychologinnen-Ehefrau). Die Börsenmakler sind alle unsichere kleine Jungs, die sich nur über ihren finanziellen Erfolg definieren? Axe selber tätigt immer wieder Millionen-Impulskäufe wie ein kleines Kind? Staatsanwalt Chuck hat einen ganz ausgeprägten Gerechtigkeitssinn? Gähn! Nichts davon ist so wirklich originell oder überraschend.
Und doch kommen auch immer wieder Perlen und Einsichten ins große Finanzspiel zum Vorschein, lässt einen Billions gut in die hermetischen Räume Hedgefonds sowie allgemeiner „New Yorker-Geldadel“ eintauchen (aus dem auch Staatsanwalt Chuck stammt). Das ganze Selbstverständnis dieser „Meister des Universums“ kommt sehr nett herüber. So bemerkt ein Insider einmal, dass Axe durch seinen Hedgefonds mächtiger als ein Nationalstaat wäre. Also eigentlich nicht viel zu meckern (und Staffel 2 ist in den USA auch gerade ausgestrahlt worden, Vielschauer aktueller Serien können hier also gleich weitermachen, nachdem sie Staffel 1 verputzt haben).
Billions ist anschaubar – wenn auch stellenweise zu sehr „Fernsehen“.

Robert

Titel: Billions
Serienschöpfer: Brian Koppelman, David Levien, Andrew Ross Sorkin
Episodenlänge: 60 Min.
VÖ: 15.6.2017
Verleih: Paramount

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