Bier, Doom & Desertfest – ein Rückblick

Bier, Doom & Desertfest – ein Rückblick

Jean-Jaques Rousseau schrieb einst die weisen Worte: "Glücklich ist das Land, wo man es nicht nötig hat, den Frieden in einer Wüste zu suchen! Wo aber ist dieses Land?"

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Nun lieber Jaques, selbst jetzt, über 250 Jahre später, haben wir immer noch keine Ahnung, wo denn dieses sagenhafte Land sein soll. Aber eins können wir dir mit Sicherheit sagen: Wenn du auch mit dem Frieden in einer Wüste zufrieden gewesen wärst, dann hättest du ihn auf dem diesjährigen Desertfest in Berlin mit Sicherheit gefunden.

SLEAZE + Doom-Desertfest 2018
Satan und die Welt in der Berliner Arena

Denn die deutsche Ausführung des – neben dem Mutter-Festival in London mittlerweile auch in Athen und Antwerpen – abgehaltenen Rockn’Roll-Spektakels stand auch dieses Jahr wieder unter dem Zeichen von Peace, Love and Happiness. So friedlich und gelassen geht es selten auf Festivals zu. Ganz im Sinne der musikalischen Vorbilder, die damals vor 50 Jahren den Stein ins Rollen brachten, und die Rockmusik der Blumenkinder etwas härter gemacht haben.

Mit Sabbath, Purple und Zeppelin hat es damals angefangen, und heute sind es eben Bands wie Monster Magnet, Graveyard oder High on Fire, die die Fackel weiter brennen lassen. Doch leider ist die Szene der aktuellen vergleichbaren Bands heutzutage eher Underground unterwegs und kann keine Top-100-Chartplatzierungen mehr hinlegen.

Aber wenn man da so an einem Samstagabend auf dem Gelände des Desertfests steht, ist man sich gar nicht mehr so sicher, ob man sich wirklich noch im musikalischen Underground bewegt. Bei tausenden Leuten, die um einen herum zu donnernden Riffs und psychedelischen Gitarren-Soli abgehen, weiß man, wenn man die beim Doom-Metal und Stonerrock eher typischen Club-Gigs gewöhnt ist, gar nicht, was hier eigentlich gerade abgeht. Ist das wirklich 2018 oder doch 1971?

Auch die enorme Anzahl von fantastischen Langhaar-Matten, Schnauzbärten und Schlaghosen macht einem da die Antwort nicht wirklich leichter. Es ist, als wäre jeder nostalgische Freak und jeder Rock‘n’Roll-Connaisseur in Berlin zusammengekommen, um gemeinsam Party zu machen, zu fachsimpeln und vor allem, um ihre geliebte Musik zu verehren.

Tag Eins – die Aufwärmphase

Den Startschuss zu dieser Party gab am Freitagmittag die Band Vonavibe, allerdings noch vor einem sehr überschaubaren Publikum. Die meisten Besucher befanden sich zu dem Zeitpunkt auf der Anreise zur Arena Berlin, welche direkt am Spreeufer gelegen ist.

Auch wenn sich noch nicht viele Fans zeigen, so doch aber wenigstens die Sonne. Das Wetter ist, und bleibt auch, über das ganze Wochenende fantastisch. Weiter geht es mit Pretty Lightning, die zu zweit ein ordentliches, vor Fuzz triefendes Set hinlegen. Alles recht Indie-mäßig und im klaren Gegensatz zu dem, was gleich danach die Mainstage einweihen wird.

Dort macht sich die japanische Doom-Formation Church of Misery ans Werk und spielen ihre unglaublich fiese Mischung aus klassischem Doom und Sludge. Jeder ihrer vorgetragenen Songs handelt von einem berühmten Serienmörder – und so hören sie sich auch an.

Interessant ist allerdings, dass sie ein Theremin im Gepäck haben, welches von ihrem Frontmann in sehr exzentrischer Art und Weise gespielt wird. Er sieht dabei fast aus wie ein kleiner japanischer Zauberer. Oder wie ein Verrückter.

Wie auch immer, die Performance und der Sound können wie gewöhnlich überzeugen. Apropos Sound. Der war generell fantastisch, wenn man die Größe der Location beachtet. Vor allem an der kleineren Bühne war der Sound so gut wie selten.

Nach einem Auftritt von Death Alley geht es weiter mit der Reunion-Show von Nebula. Die Splittergruppe der Stoner-Legenden Fu Manchu klingen so sehr nach kalifornischer Wüste, dass man nach ihrem Auftritt das Gefühl hat, es rieselt einem Sand aus dem Ohr.

Als nächstes spielen Monolord auf der kleinen Bühne. Die Doom-Dänen waren auf jeden Fall das Highlight des ersten Tages. Mit ihren eingängigen und düsteren Riffs haben sie mit ihren beiden Alben ja ohnehin längst die Szene erobert, aber auch live wird man von ihrer Power überrollt.

Wie eine Panzerfaust donnert die verzerrte Gitarre über ein Meer aus im langsamen Rhythmus wackelnder Köpfe hinweg. Nach knapp einer Stunde ist aber leider schon wieder Schluss mit dem musikalischen Massenmord und die Meute wankt langsam zur Mainstage, wo Monster Magnet als erster Headliner auftreten.

Die Kultband aus den Staaten hat jetzt wirklich leichtes Spiel beim Publikum. Jeder hat Bock auf Party, und dafür ist die Truppe unter Frontmann Dave Wyndorf bestens geeignet. Auch wenn der Sound diesmal nicht optimal war und man ihr Alter vielleicht auch etwas gemerkt hat, war die Stimmung phänomenal. Spätestens bei ihrem Gassenhauer Spacelord war die Halle am Kochen und selbst die größte Sparflamme hätte sich schwer getan, beim obligatorischen „Motherfucker“ nicht im Refrain mitzusingen.

Im Anschluss haben Weedeater noch den Sarg zugenagelt und die letzte Show des Abends gespielt. Wer allerdings schon seit den Mittagstunden dabei war, ist doch lieber an die frische Luft gegangen, um bei ein paar Bieren am Spreeufer den Abend ausklingen zu lassen, während der DJ guten alten Heavy Rock vom Band laufen lässt.

Tag Zwei – Voll der Haupttag

Wer es am Vortag geschafft hat, früh ins Bett zu kommen und dann auch noch, zeitig aufzustehen, der hätte sich am Samstag über Auftritte von High Reeper, The Necromancers und Dead Lord freuen können. Alle anderen, die der Versuchung von leckeren Bierchen und dem Mitsingen von Pentagram-Songs nicht wiederstehen konnten, wackelten erst gegen Nachmittag Richtung Treptow.

An zweiten Tag des Festivals war schon eindeutig mehr los, was vermutlich auch an den Leuten lag, die sich nur ein Tagesticket besorgt haben. Der Außenbereich ist gegen 17 Uhr so voll, dass man kaum noch ein Fleckchen findet, auf dem man sich gemütlich hinsetzen kann. Ein klarer Nachteil der Location, das Astra konnte in den Jahren vorher immerhin noch mit einem Biergarten punkten.

Was an Sitzgelegenheiten fehlt, wird aber durch das Ambiente wieder wettgemacht. Das Gelände ist liebevoll dekoriert, es gibt eine Dachterrasse und die Fressbuden sind exquisit. Anstelle von Eintopf in Plastikschalen werden hier thailändische Küche und Büffelmozzarella-Sandwiches gereicht. Damit kann man, nach einiger Anstehzeit natürlich, durchaus zufrieden sein. Es gibt sogar einen Stand mit völlig überteuertem Craft Bier.

Viel wichtiger ist aber, was sich am Samstag drinnen abspielt. In diesem Fall sind es die Schweden Horisont. Hätte es diese Band vor vierzig Jahren gegeben, würden sie vermutlich gerade durch die Stadien der USA ziehen, zusammen mit Bands wie Kansas oder Blue Oyster Cult.

Eine perfekte Show wird da auf der Bühne abgezogen, teils sehr Progressive Rock-orientiert und immer schön heavy. Die Jungs sind absolut authentisch und haben so viel Spaß an der Sache, dass man nach dem viel zu kurzen 40-Minuten-Set ganz enttäuscht ist, sie wieder von der Bühne gehen zu sehen.

SLEAZE + Doom-Desertfest 2018
Schattengewächse…

Beim Auftritt von King Buffalo wird wieder einmal deutlich, wie friedlich und gut gelaunt das Publikum ist. Als wegen eines technischen Problems die Gitarre ausfällt, reagiert das Publikum mit unterstützenden Rufen und Applaus, anstatt rumzupöbeln, wie es leider so oft passiert, wenn man dreitausend Bier trinkende Menschen in eine Halle steckt.

Ein weiteres Highlight am Samstagabend waren Lucifer. Die aus Berlin stammende Band spielen einen schön okkulten Rock, und ihre Frontdame Johanna Sadonis (die einen Einteiler trug, bei dem Suzi Quatro ganz blass vor Neid geworden wäre) weiß definitiv auch, wie man die Menge anheizt. Und wer genug von dieser Hitze hat, kann auch über den kleinen Markt flanieren, bei dem man sich durch Schallplatten wühlen, obskuren Gothic-Schnick-Schnack kaufen oder sich tätowieren lassen kann.

Nach den bluesigen Graveyard als Headliner und der Spacerock-Band Yuri Gagarin neigt sich auch der Samstag dem Ende zu. Was bleibt, ist die Afterparty im Glashaus und eine Menge müder Menschen, die sich durch den Marihuana-Nebel in der Halle auf den Weg zur S- oder U-Bahn machen.

Tag Drei – Taubes Finale

Den frühen Bands an diesem Sonntag wiederfährt ein ähnliches Schicksal wie denen am Samstag, und so wird das Gelände auch wieder erst am Nachmittag voll. Diesmal ist es sogar noch wärmer als am Vortag, was den dröhnenden Schädeln der Feierwütigen nicht gerade in die Karten spielt. Es werden neidische Blicke zu den vergnügt planschenden Menschen im benachbarten Badeschiff geworfen und kalte Konterbiere gebechert.

Pünktlich um zehn vor sechs betritt dann eine Truppe weißgewandeter Freaks die Mainstage. Church of the Cosmic Skull ziehen stimmungsvoll ihr ironisches Sektenprogramm durch, mit Unterstützung von gleich zwei Sängerinnen und einem elektrischen Cello.

Nach Jahren voller Bands mit erzwungenen 70er-Jahre-Gimmicks ist auch die Kult-Nummer nicht ganz neu, aber irgendwie unterhält das Ganze trotzdem ungemein. Auch der ungewöhnliche Sound der britischen Gruppe kann überzeugen.

Im Anschluss gibt es auch wieder ordentlichen Doom auf die Ohren: Dopelord stürmen die kleine Bühne und blasen mit Songs wie „Addicted to Black Magic“ das bekiffte Publikum um. Klar, hier wird auch wieder mal ordentlich in die Doom Metal-Klischeekiste gegriffen, aber Spaß macht es trotzdem.

Der absolute Favorit des Festivals waren aber selbstverständlich Jex Thoth. Man muss einfach zugeben, dass die Band einfach eine der besten Live-Bands überhaupt ist. Jedes ihrer Konzerte wird zu einem magischen Ritual, geleitet von Sängerin Jex, deren Bühnenpräsenz an einen weiblichen Jim Morrison erinnert.

Die Musiker erzeugen psychedelische Klang-Monolithen, die sich irgendwo zwischen Amon Düül II und Saint Vitus befinden, aber trotzdem mit fast nichts zu vergleichen sind. Obwohl die intime Atmosphäre eines Club-Gigs bei Jex Thoth wesentlich besser passt, war auch hier das Publikum trotz Festival Feelings gefesselt von der mystischen Musik des Quintetts aus San Francisco.

Dieser Trance-Zustand wird im Anschluss durch Eyhategod wieder ordentlich weggefegt. Der nihilistische Sludge war quasi das absolute Gegenteil zu Jex Thoth.

Etwas zu brutal als Nachfolge-Band, aber dem Publikum ist das ungefähr so egal wie der Fakt, dass einer der Bars das Bier ausgegangen ist. Moshpits und Gegröle lassen die Fundamente der Arena erzittern und man merkt kaum, dass das hier der letzte Abend des Festivals ist und am nächsten Tag der Ernst des Lebens wieder losgeht.

Nach den kalifornischen Bluesrockern Radio Moscow, die wieder zeigten, was mit so einer Gitarre eigentlich alles möglich ist, darf auch der letzte Headliner sein Set spielen. High On Fire, das zweite Projekt vom Sleep-Gitarristen und T-Shirt-Hasser Matt Pike, spielen anlässlich ihres 20sten Jubiläums ein extra brachiales Konzert, und spätestens jetzt ist jeder, der noch keinen Ohrschaden hat, so ziemlich taub.SLEAZE + Doom-Desertfest 2018

Taub, und wieder leicht einen im Tee habend, bewegt sich die Masse nach dem Auftritt langsam in Richtung Heimat. Drinnen geben noch Haik den Abschluss auf der Sidestage mit den Hartgesottenen vor der Bühne, und denen, die am nächsten Tag nicht früh aufstehen und arbeiten müssen.

Der Rest genießt draußen noch die milde Nacht und denkt darüber nach, was für ein gelungenes Festival das doch wieder war. Drei Tage voller hervorragender Musik, super Stimmung und netten Leuten. Das Desertfest ist und bleibt einfach das Gipfeltreffen der Szene.

Simon

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