Berlin-Mitte-Gangstas

Berlin-Mitte-Gangstas

TEILEN

Stefan Schweizer hat ein Buch geschrieben mit dem bezeichnenden Namen Berlin Gangstas. In dem Buch gibt es Kemal und Kolja als Hauptfiguren. Die sind harte, aber eigentlich nette Berliner Schleuser, die zwei knifflige Bereiche unter einen Hut bringen wollen: Flüchtlingen wirklich zu einem besseren Leben verhelfen und gleichzeitig gut Geld verdienen. Neben dieser Problematik und ihren Altlasten von Rassismus bis Tschetschenien-Trauma gibt es noch einen richtig Bösen, der natürlich Arafat heißt. Bushido lässt grüßen.SLEAZE.gangstas2

Aber auf Bushido kommen wir später zurück. Zunächst einmal zum Wichtigeren: Der Roman kommt rüber wie ein Gangster-Buch für Nicht-Gangster, die sich aber irgendwie dafür interessieren. Also ein wenig wie in den 90ern beim – viel zitierten – Hip Hop. Allerdings dem Original aus den USA, als viele weiße Mittelschicht-Kids fasziniert waren von dem krassen Ghetto-Leben. Bis auch da eine Blase wie bei den Immobilien entstand (die verdanken wir u.a. Puff Diddel(maus)-Daddel-Daddy), weil das große, schnelle Geld winkte und Authentizität als Wert sank. Womit wir wieder bei Berlin Gangstas wären.

Die Idee ist nicht schlecht. Flüchtlinge, andere Ausländer, Ausländer, die eigentlich keine Ausländer mehr sein dürften aka sind, und dann natürlich noch das ganze Unterwelt- / Rotlicht- / sonstige kriminelle Milieu. Nur ist das Ganze einfach nicht rund. Das fängt bei Kleinigkeiten an. Kolja ist der Proll des Schleuser-Duos, der irgendwann schmollt, dass er keinen Maserati hat (sondern nur einen Porsche Cayenne Turbo S). Aber zu so einem Proll passt doch kein Maserati. Eher ein Ferrari. Oder vielleicht noch ein Audi R8. Auch ein richtig hochgetunter Mercedes könnte passen.
Dann stehen in diesem Buch (S. 70) wieder Sachen wie: „Kreuzberg ist damals so was von multikulturell, dass es sogar für Deutschland eher untypisch ist.“ Keine Ahnung, in welchem Deutschland der Autor lebt, aber das klingt, als wäre Deutschland überhaupt mal multikulturell gewesen. Oder es ist eine sehr subtile Ironie, was ich aber nicht glaube.

Insgesamt sind die Akteure nicht sauber herausgearbeitet. Da wird Klischee an Klischee gedroschen. Die hübsche Lol (ja, so heißt sie wirklich in dem Buch) verliebt sich in Kemal – ist aber natürlich auch gleichzeitig Prostituierte und im Gangster-Netzwerk zuhause. Ist das nicht alles ein wenig zu viel des Guten / Schlechten? Aber vielleicht ist das ist auch nur meine Sicht als Urberliner. Vielleicht sieht man das als Nichtberliner (oder auch als Nur-in-Mitte-oder-Charlottenburg-unterwegs-Resident) ja auch anders.

Das Beste dann aber an dem Buch dann ist: Zwischen diesen ganzen Ghetto-Wörtern kommen dann Fremdwörter-Phrasen wie „die Idee eines biologisch-teleologischen Determinismus“. Was soll das? Ich fühle mich im Lesefluss gestört – und dumm.
Ausgeglichen wird dieses Gefühl immerhin mit einem teilweise katastrophalen Lektorat. Nicht nur jede Menge Rechtschreibfehler und diese kleinen fiesen Fallen wie der falsche Akzent über „à la“, sondern auch richtige Schnitzer wie auf Seite 57, wo einfach mal Bushidos „Lass mich allein“ um das leicht verändernde Wort „nicht“ ergänzt wird. Klar, Fehler können überall passieren, aber es wird schwer für die Authentizität, wenn solche Patzer drin sind. Und so ist dieser Roman für eine sehr kurzweilige Zeit unterhaltsam, aber insgesamt fehlt da ganz schön Butter bei die Fische. Oder auch: Cojones bei die Gangstas.

danilo

Stefan Schweizer
BERLIN GANGSTAS
Roman
454 Seiten | Taschenbuch
Schwarzkopf & Schwarzkopf
ISBN 978-3-86265-591-5
14,99 EUR (D)

KEINE KOMMENTARE

Kommentar verfassen