Belagerung von rechts

Belagerung von rechts

TEILEN

Was wäre, wenn eine Punkband einen Gig in einem abgelegenen, von Nazis durchfluteten Schuppen irgendwo in der Einöde abhält? Ihr Publikum dabei noch mit leichter Kost wie einer Coverversion von „Nazi Punks, Fuck Off“ der Dead Kennedys erfreut und sich kurz nach dem heiteren Auftritt im Green Room, also dem Warteraum für Künstler, inmitten eines Messermordes wiederfindet? Dieser und weiterer Fragen hat sich der noch junge Regisseur Jeremy Saulnier (Blue Ruin) angenommen und daraus einen zunächst klaustrophobisch-intensiven Belagerungsthriller gestrickt, dem mit zunehmender Spieldauer aber ein wenig die Nazis durchgehen.

SLEAZE.greenroom2

Zunächst als Aussicht auf einen humorvollen Roadtrip inszeniert, lässt Jeremy die Stimmung bei Ankunft in der Nazi-Bar merklich kippen und schickt seine Film-Band auf einen psychologisch ausgefuchsten Überlebenstrip. Die fast vollständige Reduktion auf einen Raum mit seiner angespannten Figurenkonstellation bietet ein verworrenes Fundament an Konfliktpotenzial, das zusätzlich an Intensität gewinnt, als der Betreiber des dunklen Etablissements und offenbar Anführer der rechten Gemeinschaft, Darcy, vor der verschlossenen Tür des Green Rooms auftaucht und fortan in „Verhandlungen“ mit seinen linken Widersachern tritt. Regisseur Jeremy kostet seine Prämisse hier zunächst voll aus, legt Fährten und Hinweise, spielt mit dem Naturell seiner einzelnen Figuren und schafft Spannung und Unsicherheit, lässt dabei auch gleichzeitig humoristische Anflüge zu. Er vermeidet es, sich ausschließlich auf die realistisch wirkende Gruppendynamik seiner Geiselfraktion zu beschränken und schneidet auch immer wieder in parallel brodelnde Auseinandersetzungen innerhalb der braunen Fraktion, die längst nicht als rechte Einheit und Hort des absolut Bösen inszeniert wird. So umschifft er noch gehissten Segels und mit treibendem Rückenwind die Gefahr dramaturgischen Schiffbruchs auf schwarz-weiß gefärbtem Grund. Hier ist vieles grau und verweigert sich so einem stupiden Schema von absolut Gutem und Bösem.

Die Regie des US-Amerikaners weiß dabei unaufgeregt mit ihrem limitiertem Setting umzugehen. Er gibt seinen Figuren und den Ereignissen den nötigen Freiraum ihrer Entfaltung; seiner Inszenierung gesteht er dabei vielmehr den Status eines Handlangers für sein Drehbuch zu. Ein experimentelles Inferno lässt er hier nicht abbrennen, sondern geradlinige Schnörkellosigkeit. Pointiert setzt Jeremy dabei Gewaltausbrüche, die er auch in aller Brutalität bereit ist zu zeigen. Wo mancher Film zum Gewaltporno degradiert wäre, erweist sich die Rauheit der violenten Bilder hier allerdings als konsequente Weiterführung der ständigen Aggressivität und wirkt fast wie ein, so blutig sie auch sein mag, befreiender Abfluss psychischer Anspannung. Die erdrückend gewichtige Atmosphäre findet ihren Ausdruck so auch in Bildern der oftmals spärlich, in kalten Farben getauchten Fluren und Bereichen des Geiselortes. Schade, dass der Regisseur seinem Setting nicht ein wenig mehr Präsenz zugesteht, um dem Zuschauer weitergehend nicht nur am Plot, sondern auch seinem Handlungsort selbst zu fesseln. Unvergessen Alfred Hitchcocks perspektivisches Spiel in ,,Psycho“, in dem Bates‘ Motel einer Aura innewohnt, die den Zuschauer sofort in Ketten zu legen weiß. Oder auch David Finchers schwebende Kamera in Panic Room, die das Publikum durch die Windungen eines mehretagigen Stadthauses gleiten ließ und so selbst Teil des Handlungsortes wurde.

Das eigentliche Kreuz wird dem Film aber durch diverse Handlungsverläufe auferlegt, in Folge dessen er sich zunehmend von seinem realistischen Ansatz entfernt und den Überlebenstrip teils in die Dimensionen einer Survivalshow entgleiten lässt. So verfällt der Thriller hier zuweilen auch in erwartbare Muster, die sich mit dem vorigen Spannungsaufbau und seinem realistischen Ansatz nicht mehr vereinbaren lassen. Die Prämisse wird hier zum Opfer diverser Genrekonventionen, die dem Film einen merklichen Haken verpassen, der ihn zwar nicht komplett ausknockt, aber in bedrohliches Wanken bringt. Immerhin fällt der Schluss nicht in die Untiefen pathetisch verschleimter Jauchegruben, sondern findet zur geradlinigen Schonungslosigkeit und Konsequenz zurück.

SLEAZE.greenroom3Groß aufspielen darf trotz filmischen Schwächeanfalls die gesamte Schauspielriege. Als Hauptakteure auserkoren sind dabei klar Anton Yelchin als Bandmitglied, der augenzwinkernderweise in der aktuellen Star Trek-Filmreihe zu sehen ist und in Patrick Stewart a.k.a. Captain Picard aus älteren Generationen der SciFi-Reihe seinen Gegenspieler findet. Letzterer ist es dann auch, der als Rudelsführer Darcy die wohl einnehmendste Präsenz ausstrahlt. Mit sachlicher Ruhe, bestimmender Autorität und erbarmungsloser Pragmatik versucht er, Herr über die Lage zu werden. Wenn er intelligenten, verhandlungssicheren Wortes in Kontakt mit seinem zutiefst nervösen Counterpart tritt, setzt sich eine ungemeine Spannung frei. Auch der übrige Cast, darunter Imogen Poots (Knight of Cups), gibt dem Film wichtige Impulse der Authentizität, sodass sich aus Charaktersicht ein organisches Ganzes entwickelt.

Nur können eben auch sie, trotz ihrer darstellerischen Klasse, dem aus der Balance geratenem Skript nicht entscheidend entgegenwirken. So ist Green Room ein über weite Strecken intensives Belagerungsdrama, das zunächst von seinem starkem Drehbuch profitiert, aber schließlich auch zu dessen Cut in der sechsten Runde führt. Dennoch sei Regisseur Jeremy Saulnier für seine, immerhin häufig vorherrschende, Konsequenz, Mehrschichtigkeit und dem Ansatz einer authentisch wirkenden Erzählung Respekt gezollt.

Alex Warren

Titel: Green Room
Regie: Jeremy Saulnier
Laufzeit: 94 Min.
VÖ: 02.06.2016 (dt. Kinostart)
Verleih: Universum Film

KEINE KOMMENTARE

Kommentar verfassen