Autotune – Geht heute nichts mehr ohne gepimpte Stimme?

Autotune – Geht heute nichts mehr ohne gepimpte Stimme?

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Wer heute an Autotune denkt, dem fliegen wahrscheinlich Cloudrap-Songs mit typischen Stimmeffekten von Ufo361, Trettmann & Co. durch den Kopf. Vor allem aus der Hip-Hop-Szene ist das berühmt-berüchtigte Stilmittel mittlerweile nicht mehr wegzudenken, das gleichermaßen gefeiert und gehasst wird. Aber wo kommt Autotune eigentlich her? Und wieso ist es so beliebt und erfolgreich?

Autotune und das Öl

Um diese Fragen zu beantworten, springen wir erst einmal zurück in die Siebziger. Hier treffen wir auf Andy Hildebrand, einen Ingenieur des US-amerikanischen Ölkonzerns Exxon. Andy entwickelte eine Software zur Lokalisierung von Ölreserven unter dem Meeresgrund. Die Software konnte durch Detonationen im Boden erzeugte seismische Reflexionen analysieren und so die richtigen Bohrungsstellen finden.

Das ist ja alles schön und gut, aber was hat das nun mit Autotune zu tun? Dass eine Software zum Aufspüren von Ölquellen einmal der Grundstein für eine Musik-Software sein wird, die Popmusik revolutioniert, konnte selbst Andy damals noch nicht ahnen.

Der war übrigens nicht nur Programmierer, sondern auch Musiker, mit besonderer Leidenschaft fürs Flöte spielen. Andy experimentierte viel mit Samples, Synthesizern und Algorithmen und gründete 1990 eine eigene Firma: Antares Audio Technology. Auf der Suche nach Innovationen begegnete er der halbherzigen, dennoch alles entscheidenden Frage einer Kollegin: Why don’t you make a box that will let me sing in tune?”

Autotune und der Untergrund

Erst einige Zeit später ging Andy dieser Vorschlag wieder durch den Kopf, als er folgende Entdeckung machte: Grundlegende Features der ursprünglichen „Öl-Technologie“ können auch auf Audiodateien zur Tonhöhenkorrektur angewendet werden.

Das war der Startschuss für die Autotune-Software, die Andy innerhalb von ein paar Monaten mit Antares 1996 entwickelte. Die Grundfunktion: Ein Algorithmus analysiert eingehende Audiosignale und korrigiert deren Tonhöhe entsprechend der eingestellten Tonart bzw. Skala. Es entsteht eine perfekt intonierte Melodie (gesungen oder gespielt).

SLEAZE + Autotune
So sieht’s aus in der Antares Autotune Software

Andy verkaufte Autotune an die großen Tonstudios in L.A., die mit der neuen Software extrem viel Zeit und Geld sparen konnten. Andere Firmen mussten, um daneben noch mithalten zu können, das magische Programm auch zu sich in die Studios holen.

Autotune war also die ersten Jahre nur so eine Art Untergrund-Geheimnis der Produzenten, die die Software lediglich dazu nutzten, schief gesungene Töne subtil und unbemerkt zu korrigieren. Ein unhörbares Stilmittel also.

Autotune und die Explosion

SLEAZE + Autotune
Cher live in New York, 1996

Mit dem Release von Chers Disco-Pop-Song Believe 1998 kam Autotune ans Licht und blendete Musikfans und -kritiker. Chers tief-behauchte, voluminöse Stimme hatte sich verwandelt in roboterartigen, mechanisch flatternden Gesang, der auch ein bisschen schmierig klingt. Der Song wurde ein Riesenhit, gewann einen Grammy-Award und wurde rund elf Millionen mal weltweit verkauft.

Die experimentierfreudigen Produzenten hatten die Autotune-Software über die intendierte Funktion hinweg zur Stimmmodulation benutzt. In dem Programm lässt sich nämlich einstellen, wie schnell die Tonhöhenkorrektur erfolgen soll (bei Balladen würde man sie z. B. eher langsamer einstellen).

Bei extremen Einstellungen werden die gesungenen Töne besonders hart und exakt korrigiert und die Phrasierung außerordentlich „geglättet“. Es gibt also keine Tonhöhenschwankungen mehr, wie sie beim natürlichen Singen vorkommen, sondern ruckartige Sprünge. Dabei entsteht, wie in Chers Believe, ein mechanischer unnatürlicher Stimmeffekt, der auch als „Cher-Effekt“ bezeichnet wird.

Übrigens: Die Stimme in der Musik zu verfremden war damals nichts Neues. Schon in den dreißiger Jahren experimentierte man mit der Talk Box, die der Gesangsstimme einen „Singing-Guitar“-Sound verpassen konnte. Auch der Vocoder, der ursprünglich für eine bessere Telekommunikation entwickelt wurde, bahnte sich schon in den Siebzigern seinen Weg in die Musikszene.

Zurück zum Thema. Der überzogene Autotune-Effekt war jetzt das große Ding und verbreitete sich durch die Soundlandschaft von Pop über R‘n‘B bis House. Sogar in Country, Reggae und Bollywood fand Autotune Verwendung.

Der neue synthetische Stimmen-Sound beeinflusste vor allem auch die Hip-Hop-Szene, in der Autotune bis heute an Bedeutung gewinnt. Als einer der ersten Rapper sang sich T-Pain 2005 mit dem Vocal-Effect in die Charts. Damals wollte er sich abheben und anders klingen als die Rapper in der Szene.

Damit inspirierte er immer mehr Künstler im Pop (z. B. Rihanna) und Hip Hop (z. B. Kanye West, Snoop Dogg), die ebenfalls auf das Tool setzten. Unter markanten Rap mischten sich vermehrt melodiösere Elemente zu einem ganz neuen, weicheren Klangbild, das Hip Hop vorher nicht kannte.

Autotune und die Kritik

Das heißbegehrte Stilmittel, das sich nach und nach im Mainstream etablierte, traf aber auch auf Gegenwind. Rapper Jay-Z veröffentlichte 2009 den Song D.O.A. (Death of Aututune) als Disstrack gegen den gehypten, überzogenen Stimmeffekt. Er kritisiert vor allem die mangelnde Männlichkeit in den Autotune-Stimmen:

Y‘all lack agression, put your skirt back down, grow a set man.“

Etwas substanziellere Kritik brachte die Band Death Cab for Cutie mit Frontman Ben Gibbard. Wo sind die natürlichen Stimmen hin, die Musik seit jeher ausmachen?:

„Let‘s really try to get music back to its roots of actual people singing and sounding like human beings.“

Sogar das Time-Magazine nahm Autotune in die Liste der 50 schlechtesten Erfindungen des 20. Jahrhunderts auf.

Autotune und der Zeitgeist

Diese Erfindung hat es aber dennoch ganz schön weit gebracht. Ob als unbemerkte Korrektur oder hörbaren Effekt, Autotune überflutet heutzutage die Musikwelt. Mittlerweile kann es sogar bei Live-Auftritten verwendet werden.

Jedes Tonstudio, das etwas auf sich hält, hat diese Software auf dem Rechner. […] Man kann eigentlich schon behaupten, dass heute ohne Autotune kaum noch was geht.“

(Robert Diekmann, Musikproduzent von Suburb Studio Berlin)

SLEAZE + Autotune
Startklares Studio-Mic

Vor allem Hip Hop kann nicht mehr ohne Autotune-Effekte. Bekannt für den typischen Autotune-Sound sind z. B. Rapper wie Travis Scott, Future oder Ufo361. Durch Autotune hat sich mit dem Cloudrap ein ganz eigenes Hip-Hop-Genre entwickelt. Laut dem Juice-Magazin nutzte 2017 „fast jeder millionenfach geklickte Rapper […] Autotune“ zur Verfremdung der Stimme.

Es mag sein, dass es Künstler bzw. Künstlerinnen gibt, die nicht ordentlich singen können und deshalb auf Autotune in Form von Software oder Plug-Ins setzen. Aber gerade in einer Zeit, in der die Digitalisierung stetig zunimmt, passt dieser Gesangsstil doch ganz gut rein. Während Bücher aussterben und die Displays immer größer werden, wird die Stimme technisiert.

Künstler, die diesen Effekt besonders extrem in Anspruch nehmen, sind oft gar nicht selber für den Klang des Effekts verantwortlich, sondern viel mehr der ausführende Produzent.“

(Robert Diekmann)

Autotune ist – ob man will oder nicht – der Zeitgeist und hat seinen Platz gefunden zwischen Fotofiltern und Instagram-Profilen. Heute geht es (leider viel zu sehr) um die schönsten Spiegelselfies und die krassesten Reiseziele, um die beste Performance und die meisten Klicks. Und um ganz vorne dabei zu sein, immer schön mit dem Strom schwimmen.

Was steckt noch an Authentizität in einem Selfie? Welche Stimme verbirgt sich hinter einer Flut von Vocal-Effects und wie viel mischt der Künstler oder die Künstlerin da selber mit? Ob Fotofilter oder Autotune, man weiß nie, wie‘s wirklich aussieht hinter der Fassade.

Nele

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