Ausgefragt: Oliver Huntemann

Ausgefragt: Oliver Huntemann

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Der Oldenburger Oliver Huntemann ist ein Urgestein der elektronischen Musikgeschichte. Er ist nun seit knapp 20 Jahren aktiv im Musikgeschäft tätig und zählt seit geraumer Zeit zur Elite der elektronischen Musik. Dieses Wochenende war er in Stuttgart, am 6.12. ist er in München und am 20.12.14 im about:blank in Berlin, letzten Monat kam seine sehr gute neue Platte raus. Grund genug, sich Oliver mal genauer anzuschauen.SLEAZE.Oliver-Huntemann1

Geprägt vom Einfluss der amerikanischen Jugendkultur, nahm Oliver schon Ende der 70er Radiosendungen auf, kaufte Vinyl und experimentierte mit seinen ersten Turntables. Da er anfangs noch eher Rap und Breaks zelebrierte, wurde er 1983 stolzer Dritter an den Oldenburger Breakdance-Meisterschaften. Dann kam die Acid-House-Welle und er erkannte schnell, dass er sich in die elektronische Musikrichtung weiterentwickeln wollte. Dies war auch der Punkt, an dem sich Oliver Huntemann endgültig der Musik verschrieb.

1990, als er in der Marine dient, hat er seinen ersten Club-Gig in Oldenburg. Um seiner Leidenschaft zu folgen, werden kurz darauf auch schon die ersten eigenen Technopartys organisiert. Zusammen mit Gerret Frerichs und Patrick Kjonbreg gründet er zwei Jahre später das Projekt „Humate“.

Er gründet 1995 sein eigenes Techno-Label Confused Recordings und beginnt, seine ganz persönliche Vision von Techno zu produzieren. Flashy Fragrant aka Steve Bug oder Perpetuum Mobile (Der Dritte Raum) gehören genauso zu den frühen Signings wie Mijk Van Dijk. Er wird Mitglied der Synthie-Pop-Trance Formation Kaycee und lässt mit ihnen die 80er hochleben. Mit seinem Longplayer „Too Many Presents One Girl“ feiert er 2004 als H-Man mit der Maxi „Manga / Flip Flop“ seinen ersten internationalen Hit.

Seit 2005 zählt er zu ersten Garde der Hells DJ-Gigolos und durch unzählige Veröffentlichungen und Projekte, u.a. das Projekt Rekorder zusammen mit Stephan Bodzin oder REACTABLE. Damit stieg er zur Weltspitze der DJs auf. Seine Tracks wurden auf Labelgrößen wie Cocoon, Gigolo oder Giant Wheel veröffentlicht.

Oliver Huntemann hat aktuell ein neues eigenes Label gegründet: Ideal. Er releast hier vor allem seine eigenen Tracks und fördert neue Künstler. Er erfindet sich ständig neu und rückt immer wieder mit neuen innovativen Ideen auf den Plan. Hier liegt wohl auch das Geheimnis seines Erfolges. Durch die immer wieder erfolgreiche Zusammenarbeit mit anderen Künstlern erhält seine Musik immer wieder neue Einflüsse und kann auf diese Weise gar nicht langweilig werden. Mit der ausgewählten Trackliste der Kollegen des Replaymags kann man sich nochmals die Hits von Oliver reinziehen. Alle anderen offenen Fragen durften wir ihm persönlich stellen:

Du legst auf, produzierst deine eigene Musik und kreierst beeindruckende Live-Arrangements. Als was siehst du dich selber am meisten?
Ich sehe mich schon eher als DJ. Darin liegt mein Herzblut, weil ich beim Auflegen so konzentriert in die Musik eintauche und alles um mich herum verschwindet, obwohl ich natürlich trotzdem mit dem Publikum interagiere. Schwer zu beschreiben. Durch meine Sets gewinne ich viel für meine Produktionen. Umgekehrt produziere ich meine Tracks in erster Linie so, dass sie auch in meine Sets passen und lass mich dafür von Clubnächten inspirieren.

Du bist einer der technikaffinsten Produzenten überhaupt. Wie sieht‘s bei dir im Studio aus?
Mein Studio ist mittlerweile relativ übersichtlich und auf das Wesentliche beschränkt. Ich habe schon vor Jahren die Reduktion der Hardware begonnen und würde sagen, dass der Rechner mein wichtigstes Tool ist. Alle externen Synthesizer und Drum Machines sind eher zu einem privaten Museum mutiert.

Heute wird die elektronische Musik durch neue visuelle Effekte und neue technische Hilfsmittel zur absoluten Unterhaltung getrieben. Auch du erfindest dich immer wieder neu. Denkst du, dass es irgendwann nicht mehr möglich sein wird, etwa Neues zu bringen?
Es wird immer wieder etwas Neues oder Anderes geben. Ich persönlich ziehe unheimlich viel Energie aus dieser Suche. Ich bin nie hundertprozentig zufrieden und das ist der Motor für mich weiterzumachen. Hätte sich die elektronische Musik nicht immer wieder neu erfunden, wäre ich bestimmt nicht mehr dabei. Wobei man natürlich sagen muss, dass neu auch relativ ist. Viele junge Leute entdeckten ältere Sachen und empfinden sie als neu oder lassen sich dadurch zu Neuem inspirieren. Neu ist oftmals Wissen, welches man gerade erlangt, auch wenn die Informationen schon länger zugänglich waren. Für neue Dinge muss man reifen.SLEAZE.Oliver-Huntemann2

Du warst schon auf unzähligen Partys verteilt um den ganzen Globus und hast auch selber Partys organisiert. Was macht für dich eine geile Party aus?
Das ist aus DJ-Sicht plakativ zu beantworten. Guter Sound, eine ausgefallene Venue und / oder entsprechende Deko, ein guter Draht zum Publikum und tanzen, bis die Füße schmerzen.

Mit deinem Label förderst du immer wieder neue Künstler. Was gibt‘s du ihnen, als einer der erfolgreichsten deutschen DJs, mit auf den Weg?
Ich sehe mich als Beistand. Es gibt viele Fehler, die ich gemacht habe und Erfahrungen in Arbeitsprozessen, die die Welt leichter machen. Ich versuche die Künstler auf meinem Label Senso Sounds mit meinem Wissen zu unterstützen und aufzubauen.

Was fasziniert dich am live spielen / arrangieren / auflegen? Wie spürst du die Wechselwirkung mit der Crowd?
Es ist das Neue und das Unvorhersehbare. Wie wird die Nacht, wie hört sich das Stück über die Anlage an? Wie bewege ich die Tanzfläche? Geht die oder die andere Idee auf, kann es euphorisch, ja ekstatisch werden – oder eben nicht? Ich habe jede Nacht die Hoffnung und den Anspruch, die Party meines Lebens zu schmeißen.

Du hast kürzlich deine Live-CD releast. Was war die Idee dahinter?
Die Idee kam mir vor Jahren beim Reisen. Ich wollte eine Erinnerung für meine Fans und mich. Die Nacht einfangen. Wie ein Bild. Deswegen habe ich mich für einen Live-Mitschnitt und zusätzlicher Aufnahme der Atmosphäre über Mikrophone entschieden. Die PLAY! live Mix-Compilation erscheint ungefähr alle zwei Jahre und wird immer in einem anderen Land und Club aufgenommen. Spannend auch, wie es sich wohl für Leute anhört, die an dem Abend da waren und später die CD hören. Vielleicht hören sie sich selbst auf der CD schreien und haben den Moment dazu vor Augen, sehen sich beim Tanzen mit ihren Freunden oder wie jemand am Tresen das Bier umkippt oder, oder, oder… Wie der Titel bereits verrät, „PLAY! 05 LIVE in Vienna“ ist bereits die fünfte Ausgabe und wurde dieses Mal in Wien aufgenommen.

Auf was freust du dich in naher Zukunft?
So unspektakulär es sich auch anhören mag, aber erstmal freue ich mich auf ein paar entspannte Tage zu Hause und leckeres Weihnachtsessen von meinen Eltern, bevor es zum Jahreswechsel nochmal in Südamerika rund geht!

Jonathan

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