Auf Traum(a)-Reise mit Joaquin Phoenix

Auf Traum(a)-Reise mit Joaquin Phoenix

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Ein zutiefst traumatisierter Mann streift durch die Straßen New Yorks, um junge, entführte Mädchen zu retten, die zum Sex und Menschenhandel angeboten werden. So könnte man das Berufsleben von Joe (Joaquin Phoenix) in A Beautiful Day (Originaltitel: You Were Never Really Here) kurz und knackig umschreiben.

SLEAZE + A Beautiful Day
Ein Leben auf Messers Schneide.

Was Regisseurin Lynne Ramsay (We Need to Talk About Kevin) aus dieser Prämisse macht, ist durchschüttelndes Kinofieber. Wenn der Plot ihres neusten Films, der auf dem Cannes Film Festival 2017 noch in unfertiger Fassung seine Premiere feierte und nun auch in den deutschen Kinos anläuft, auch primär von der Beziehung Joes und einem geretteten Mädchen handelt, so ist es vor allem das Trauma, das dieser Mann zu tragen hat und den Streifen maßgeblich zum Beben bringt. Und das Lynne in einem betörenden Filmrausch heraufbeschwört.

Eine Erscheinung wie ein Leben

Sie fokussiert sich dabei weniger auf eine möglichst wendungsreiche oder gar auf effekthascherisches Spektakel fokussierte Geschichte. A Beautiful Day ist eine emotionale Reise ins zitternde Gemüt eines am Abgrund des Lebens stehenden Mannes. Lynne drängt uns das tief grummelnde Trauma nicht etwa ausbuchstabiert auf, sondern lässt Bild und Ton zitternd ineinanderfließen. Schon die Erscheinung Joaquins zeugt von einem ganzen Leben der Schwere: Sei es der dichte, wilde Vollbart, die müden, aber doch eindringlich und entschlossen dreinblickenden Augen, die abgekauten Fingernägel oder sein Oberkörper, der Kämpfervergangenheit und gegenwärtige Verrohung gleichermaßen dokumentiert.

Verstörte Seelen

Wenn er auch präzise auf Gegenspieler mit dem Hammer eindrischt und ihm das Blut entgegenspritzt, ist Joe gleichsam ein stiller, hochsensibler Mann. Lynne räumt besonders der Beziehung zu seiner alten Mutter, um die er sich samt vieler liebevoller Neckereien kümmert, einigen Platz ein. Trauma und Herzlichkeit stehen hier in einem faszinierenden Kontrast, wenn er, der von Berufs wegen Leute kleinhaut und zuweilen tötet, seine Mutter dabei antrifft, wie sie das Badezimmer flutet und er daraufhin die berühmte Dusch-Szene aus Alfred Hitchocks Psycho geradezu makaber-komisch zitiert.

Es sind Momente voller „verstörender“ Wucht, die den Seelen-Komplex „Joe“ zu einem lebendigen Mosaik werden lassen. Ein Mosaik, das es sich ebenso wenig nehmen lässt, sich neben einen zuvor tödlich verwundeten Angreifer zu legen und mit ihm ein letztes Lied zum tröstenden Dahinscheiden zu singen. Während um ihn herum die Welt in der nach vorne preschenden Erzählung zerbricht und doch nicht ohne Hoffnung bleibt.

Die Visionärin Lynne

Lynne zeigt mit A Beautiful Day einmal mehr, dass sie eine Visionärin des Kinos ist. Die von Jonny Greenwoods (There Will Be Blood, We Need to Talk About Kevin) hämmerndem, antreibendem wie melancholischem Geflecht an Ambiente-Klängen umgarnten Kamerafahrten, Close Ups, Zooms und Rückblenden nutzt sie nicht aus einer ästhetischen Selbstbefriedigung der Selbstbefriedigung wegen heraus, sondern als Ausdrucksmittel innerer wie äußerer Seelenzustände. Sie dienen ihrer Idee, ihrer ganz eigenen Erzählung, für die sie zuvor die im englischen Original gleichnamige Geschichte aus der Feder von Jonathan Ames las.

SLEAZE + A Beautiful Day
Das Farbenspiel des Traumas

So avanciert selbst der Einkauf im Werkzeuggeschäft zu einer surrealen, nervösen Erfahrung, während sich das Selfie-Shooting mit einer Gruppe Asiatinnen für Joe in eine Albtraumvision verwandelt. Die ständige Präsenz der Vergangenheit und Gegenwart Joes ergeben einen berauschenden Filmcocktail, der bei aller traumwandlerischen Rauheit, Schmutzigkeit und Brutalität ungemein zärtlich ins Herz fließt und schlicht visionäres, cineastisches Erzählen zeigt. Ein Erzählen, das ein Trauma erfahrbar machen lässt.

Alex

Titel: A Beautiful Day
Kinostart: 26.04.2018
Dauer: 89 Minuten
Genre: Drama, Thriller
Produktionsland: Großbritannien, Frankreich, USA
Filmverleih: Constantin Film

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