Auf ein paar ehrliche Worte mit Elif

Auf ein paar ehrliche Worte mit Elif

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Manch einer kennt wahrscheinlich den Song, der vor ein paar Monaten die Charts erklimmte und mit elektronischen Beats unseren Schuhsohlen einheizte. „Unter meiner Haut“ ist dabei auch schon das Stichwort, denn die Jungs von Gestört aber Geil verdienen gar nicht die Credits für den Text des Hitsongs. Hinter den kleinen Insiderzeilen (z.B. „irgendwann wieder Panic! At the Disco-Songs“) verbirgt sich eigentlich Elif: Die 22-jährige Berlinerin schrieb den Song für ihr erstes Album aus dem Jahr 2013. Im Interview mit SLEAZE erzählt sie uns einiges aus der Musikbranche, ihrem kommenden zweiten Album und von Mücken und Elifanten.

elif.sleaze1Wenn man dich trifft, gibt es eigentlich keinen Weg dran vorbei, doch mal ganz kurz Popstars anzuschneiden.
Mein Kumpel Can hat mich damals dort angemeldet. Er spielt in einer Metalband und irgendwie ist er der Grund, dass ich jetzt hier bin. Wir sind immer noch sehr gut befreundet. Es ist schön, noch Leute aus der Vergangenheit zu kennen, manchmal bleiben nicht so viele übrig.

Mittlerweile hast du dich von dem ganzen Casting-Ding gelöst und machst eigenständig Musik. Bereust du deine Teilnahme deswegen manchmal?
Ich glaube, dass alles seinen Sinn hat. Auch wenn schlechte Sachen passieren. Alles führt dazu, dass du einen bestimmten Weg gehst oder eine bestimmte Erkenntnis erlangst. Ich weiß nicht, ob ich ohne Popstars jetzt so ehrgeizig wäre. Es hat mich angespornt, so doll bei mir zu bleiben. Und hat dazu geführt, dass mein erstes Album „Unter meiner Haut“ entstanden ist. Wenn ich die Erfahrung vorher nicht gehabt hätte, wär’s nicht so geworden, vielleicht hätte ich einfacheren Pop gemacht und nicht so etwas Tiefgründiges.

Für solche Songs brauchst du ja manchmal drei Monate.
Ja, ich brauch unfassbar lang. Ich schreib auch schon ganz lange am zweiten Album, das soll nächstes Jahr rauskommen, aber ich kann auch nicht richtig was versprechen, weil ich erst was rausbringen will, wenn’s richtig gut ist. Aber ich kann mir auch nicht fünf Jahre Zeit lassen. Sonst brauche ich wirklich einen großen Nebenjob. Man muss ja auch die Miete bezahlen.

Wie verbringst du denn im Moment deine Zeit?
Ich schreib wirklich viel an den Songs zurzeit. Mach viel Sport, treff mich mit Freunden. Man braucht ja auch Geschichten, um zu schreiben. Aber es sind schon sehr viele Songs rumgekommen. Es muss einfach die Crème de la Crème sein, wenn ich zwölf Songs nehme.

Wenn du aus deinen Erfahrungen heraus einen Song schreibst und dann aber so lange brauchst, verfliegt das Gefühl, das du hattest, dann nicht irgendwann?
Ja, das ist manchmal schwierig. (lacht) Bei „Unter meiner Haut“ war das krass. Ich hab unfassbar unglücklich verliebt angefangen, den Song zu schreiben und hab vier Monate gebraucht, bis ich jede einzelne Zeile zu Ende geschrieben hatte. Aber in der Zeit war ich irgendwann nicht mehr verknallt! Ich musste mich immer hoch steigern. Das hat mich echt richtig zerrissen. Diesmal wird es anders mit dem zweiten Album, ich schreib die Songs schneller, weil ich auch geübter bin. Aber wenn ich einen Song spiele und ihn eigentlich vor einem halben Jahr geschrieben habe, bin das ja immer noch ich. Und selbst wenn das Gefühl mit dem ich ihn geschrieben hab, nicht mehr da ist, fühl ich den Song immer noch.

Würdest du sagen, für dich ist Musik Therapie?
Auf jeden Fall. Ich glaub, ich wäre schon durchgedreht ansonsten. Ich merk, dass ich Sachen auch anders angehen kann, viele Freundinnen fragen mich nach Rat und ich hab das Gefühl, dass ich bestimmte Dinge schon zehnmal durchgearbeitet hab.

Also geht’s demnächst auch wieder viel um die Liebe?
Auch um andere Dinge, vor allem um glückliche Liebe. Auf dem ersten Album war ich Single, aber jetzt hab ich zum Beispiel jemanden kennengelernt, der mir sehr wichtig ist. Es wird viel und die liebe Liebe gehen. Um die Definition von Liebe, die ich jetzt gerade erfahre. Obwohl trotzdem noch etwas Melancholie drin ist, das trägt meine Stimme einfach mit sich.

Das stimmt, wenn man dein erstes Album hört, verfällt man schon in eine sehr melancholische Stimmung.
(lacht) Ja, mir hat mal jemand gesagt: Mensch, wer hat dir das alles angetan?elif.sleaze2

Obwohl die Musik die du selber hörst ja doch eher anders ist, als die die du selbst machst.
Das stimmt, ich höre schon sehr viel Rock, aber das nächste Album wird auf jeden Fall organischer. Ich will sie auch mit einer Band einspielen, dass alles echt klingt und die Sachen im Gesamten mehr flowen.

Wo sieht man dich demnächst?
Ich bin ein bisschen auf Tour, als Vorband für verschiedene Leute und Freunde von mir, weil ich meine Songs testen will. Mit kleinem Setup und nur zu zweit auf der Bühne. Damit hol ich mir das zurück, wofür ich keine Zeit hatte. Ich hab angefangen, alles schon direkt am Anfang so groß aufzuziehen. Aber all die Leute, die ich bewundere, haben sich das eher so langsam aufgebaut.

Von wem, mit dem du bisher zusammengearbeitet hast, hast du denn am meisten gelernt?
Ich hab eher von denen gelernt, die im Hintergrund sind. Jasmin Shakiri zum Beispiel, die mir auch irgendwie das Schreiben beigebracht hat. Obwohl ich’s nicht könnte, dass jemand mir ein Lied schreibt. Es müssen für mich immer Zeilen drin sein, die nur auf einen selbst passen.

Aus “Unter meiner Haut” zum Beispiel die Line “Panic! at the disco-Songs“, die eigentlich auch nur du wirklich verstehst und den Hörern damit ein Rätsel aufgibst.
Ja, zum Beispiel. Und dann wird der Song gecovert. (lacht) Eigentlich will ich gar nicht so übertrieben lieb antworten. Ich muss sagen, am Anfang war ich echt angepisst. Aus dem Grund, weil sich dieser Song echt richtig für mich und auf mich geschrieben ist. Auch doof war, dass mir nicht Bescheid gesagt wurde. Unter Kollegen kann man schon mal anrufen. Ich musste das alles erst erfahren, als es veröffentlicht wurde und das gab einen riesen Radau. Aber wir haben das untereinander ganz gut geklärt.

Gibt es da nicht eigentlich auch rechtliche Probleme? Diebstahl im Guttenberg-Style?
In Deutschland kannst du jeden Song covern, den du willst. Aber in unserem Fall wurde bei der Version von Gestört aber geil auch Akkorde geändert. Und dann ist es eine Überarbeitung. Und die musst du anfragen. Das haben die nicht gemacht. Und ich hab mir gedacht, okay, was machst du in der Situation? Der Song ist online, die Leute hören ihn gerne und am Ende des Tages möchte ich ja, dass meine Texte gehört werden. Ich hab mein Ego runtergeschraubt und mir gedacht, dass ich ja auch was davon hab. Ich bin immer noch Urheberin, krieg immer noch GEMA. Blöd war aber, dass Gestört aber geil mich auch nicht in Interviews erwähnt haben. Das hätten sie aus Respektgründen ruhig machen können. Aber vielleicht sind auch ein paar Leute dadurch auf mich gestoßen. Wer weiß. Wie ich schon gesagt hab, ich glaub, irgendwie ergibt alles irgendwo Sinn am Ende.

Wie veränderst du dich zum zweiten Album hin musikalisch? Kannst du uns schon eine Richtung andeuten?
Ich merke, dass ich Geschichten nicht mehr ganz eins zu eins erzähle. Das hab ich beim ersten Album zwar auch gemacht und immer sehr überspitzt. Aus einer Mücke wurde ein großer Elefant, aber es fällt mir echt schwer, über Dinge zu schreiben, die ich nicht selbst erlebt hab. Ich mag schon gerne ich selber sein, auch wenn ich jetzt lerne, dass man auch über Geschichten von Freunden schreiben kann.

Du bist in deinen Texten trotzdem verdammt ehrlich und schüttest der Welt quasi dein Herz aus. Hast du da keine Angst, dass du angreifbar wirst, für die Medien beispielsweise?
Ich glaube, eigentlich wird man eher angreifbar, wenn man es nicht macht. Wenn die Leute merken, da ist was dahinter und man sitzt im Interview und es piekt jemand so nach. Ich wollte auch unbedingt was Tiefgründigeres machen und nicht nur an der Oberfläche kratzen. Aber ich liebe auch die Leichtigkeit und versuche leichtere Songs zu schreiben, die zwischendrin in ein, zwei Sätzen eine kleine Schwere haben. Aber der Rest soll fliegen. Das ist eine elif.sleaze3Seite an mir, die ich den Leuten zeigen will.

Glaubst du, du wirst dein Leben lang Musik machen?
Ich weiß es noch nicht. Ich lass mich mal drauf ein. Aber manchmal hab ich ein bisschen Angst, dass einem die Plattenfirmen und die Branche einem das ein wenig kaputt machen. Durch das ganze Streaming ist man auch so unmotiviert. Firmen gucken auf Verkaufszahlen. Aber die ganzen Leute da draußen streamen. Und dann heißt es, man hat nur so und so viele Platten verkauft, viele Bands werden nur dadurch gedroppt. Aber wenn die Leute wollen, dass die Künstler weiter Musik machen, dann dürfen sie nicht nur streamen, sondern müssen vor allem auch Platten kaufen. Künstler müssen an allen Ecken abgeben. In ein paar Jahren brauchen sie so ein zweites Standbein, sonst können sie keine Mucke mehr machen. Außer so ganz große wie Katy Perry natürlich. Deswegen ist es wichtig, die Leute zu unterstützen.

Konnten wir da gerade eine etwas medienkritische Einstellung raushören?
Na ja, der Künstler will Künstler bleiben und die Medien wollen Medien bleiben. Kann ich das so sagen? Man muss Kompromisse finden und ich hab das Gefühl, dass Medien das oft nicht tun. Aber ich hab auch das Gefühl, wir als Menschen können Medien beeinflussen und nicht nur andersherum. Wir müssen diejenigen sein, die das machen. Aber viele Künstler fügen sich und wollen eigentlich andere Musik machen. Eigentlich geht’s nur ums Geld.

Laurie

Hier gibt’s das Video zum Original von „Unter meiner Haut“:

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