Auf ein Gespräch mit Ice Cube

Auf ein Gespräch mit Ice Cube

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Ritz-Carlton Berlin, 14.27 Uhr.
Die Journalisten zücken wieder ihre Aufnahmegeräte und schieben sie in Richtung des noch leeren Stuhls, als ein stämmiger Mann mit Sonnenbrille und schwarzem Baseballcap den holzvertäfelten Raum betritt. Er grüßt kurz, aber lässt die Hände bei sich und die getönte Brille auf der Nase. Niemand weiß, wo er hinschaut und ironischer Weise hat man das Gefühl, dass für eine Millisekunde alle Anwesenden ein kleiner fröstelnder Schauer durchjagt, als er sich setzt. Ice Cube, Mitbegründer der Rapgruppe N.W.A und Produzent diverser Filme, sitzt mit uns am Tisch. Nur wenige Zentimeter entfernt stützt er seine Unterarme lässig auf den Tisch und wirkt trotzdem unnahbar und distanziert, wie von einer respekteinflößenden Aura umgeben. Als die Fragerunde beginnt, gibt er sich dann allerdings doch nicht so frostig. Vielleicht weil er erstmal mit Gratulationen zu seinem neusten Film Straight Outta Compton überhäuft wird und sich ein wenig geschmeichelt fühlt.

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Die Marketingkampagne zu Straight Outta Compton hat ja eingeschlagen wie die Titanic ins Eis. Wortspiel.

Ja, das stimmt! Wir wussten nicht, dass es auch auf so witzige Weise funktionieren würde. Nach Straight Outta Compton lesen wir nicht nur Straight Outta Berlin, London oder was weiß ich. Straight Outta Cigarettes, Straight Outta Weed, alles ist mit dabei.

Wann kam die Idee, den Aufstieg von N.W.A zu verfilmen, zum ersten Mal?
Vor ziemlich langer Zeit, eigentlich schon als ich angefangen habe, Filme zu machen. Als ich wusste, dass ich es kann, wusste ich, ich könnte auch ein Team zusammenstellen, um unsere Geschichte auf die Leinwand zu bringen. Ich hab die Idee dreizehn Jahre mit mir rumgeschleppt. Dann hing sie zehn Jahre in der Luft und ganze fünf Jahre haben wir schließlich produziert.

War es einfach, alle für die Filmidee zu begeistern und Dr. Dre und F. Gary Gray mit ins Boot zu holen?
Gary war sofort dabei. Aber Dre brauchte etwas mehr Überzeugungsarbeit. Er hat viele Wege gesehen, wie es hätte schiefgehen können. Er sah die Chancen schlecht für uns, der Film ist unser gemeinsamer Nachlass an die Welt. Wir mussten ihm zeigen, von was für einer Qualität und Machart der Film sein soll, den wir machen wollten.

Wie war es, durch den Film alle Ereignisse noch einmal zu durchleben?
Es hat Spaß gemacht. Es kommt Stück für Stück zusammen. Zuerst hast du die Location, dann siehst du Menschen in ihren Kostümen. Aber der Tag, an dem du endlich anfängst zu drehen, ist toll. Am Ende siehst du den soc cube und dreZusammenschnitt und denkst: „Wow, ich wurde in die Vergangenheit gebeamt.“

Wie siehst du die Relevanz des Songs „Fuck the Police“, der in der Karriere von NWA eine riesige Rolle gespielt hat, für die heutigen Zeiten?
Der ist genauso relevant wie zu der Zeit, als wir den Track aufgenommen haben. Ein Aufschrei. Teilweise ist er Fantasie, teilweise die ungeblümte Wahrheit. Menschen bekommen das Gefühl, sie können ihre Frustrationen verbal rauslassen. Gegenüber der Polizei, den Behörden, anderen Autoritäten oder gegenüber wem oder was auch immer. Der Song landet hart wie ein Molotowcocktail und haut dich um wie eine Pistolenkugel.

Dr. Dre als DJ war anfangs nicht besonders begeistert davon.
Dre hatte am Anfang seine Schwierigkeiten damit, weil er zu der Zeit jedes Wochenende im Rahmen eines Programms ins Gefängnis musste. Er wollte nicht, dass der Track draußen ist, damit die Polizisten nicht noch einen Grund hatten, ihn dort fertig zu machen.

Wie sah der Brief aus, den N.W.A vom FBI als Reaktion auf den Song erhalten hat?

Den haben sie geschrieben, um uns einzuschüchtern. Damit wir den Song nicht mehr spielen und nicht mehr produzieren. Das war für mich ein Widerspruch in sich. In einem Land, das angeblich frei sein soll, solch einen Druck auf Künstler auszuüben? Das verstößt gegen die allererste Zeile in der amerikanischen Verfassung. Das war absurd für mich. Aber trotzdem sehr einschüchternd. Sie hatten aufgeführt, wie viele Polizeibeamte im Dienst getötet worden waren und dass der Song zu noch mehr Krawallen führen würde. Irgendwie hat das für mich aber alles nicht zusammengepasst.

Habt ihr dadurch manchmal das Gefühl gehabt, mit euren Songs zu weit gegangen zu sein?
Nein. Diese Lieder waren wie Zeitkapseln. So wie wir uns an diesen Tagen oder in diesen Jahren gefühlt haben, so haben wir auch Musik gemacht. Ich würde nicht zurück wollen, um irgendwas anders zu machen, nur weil ich rückblickend Leute wütend oder traurig gemacht oder es ihnen unbequem gemacht habe. Genau dafür haben wir die Musik gemacht! Um Menschen so fühlen zu lassen, die an Künstlern in ihrer Nachbarschaft Gewalt verüben. Damals hat die Polizei den Gangs den Krieg erklärt. Wenn du ein gesetzestreuer Bürger bist, dann ist Krieg gegen Banden für dich gut. Aber nicht wenn die Polizei beschließt, Gangmitglieder seien Leute mit Jeans, Shirts und Mützen. Das trägt in meiner Gegend jeder. Und nicht jeder hat was mit Gangs zu tun. Trotzdem behandelt die Polizei dich so. Eigentlich ist es also kein Krieg gegen Banden, sondern Krieg gegen schwarze Männer, die sich so anziehen. Das ist die Mentalität, die wir versucht haben zu bekämpfen. Und zwar ohne Pistolen oder sonst irgendwas. Wir wollten einfach Musik machen und kreativ sein.

Kann man sich Compton noch so wie früher vorstellen?
Viele Dinge haben sich zum Positiven verändert. Die Polizei wird besser überwacht, es gibt globale Nachrichtendienste. Man sollte die Beamten mit Körperkameras versehen, die allen zeigen, was passiert. Manche von ihnen kämpfen auch für die Bestrafung von Polizisten, die Menschen getötet haben und für ausgedehntere Wirkungsgrade. Die Dinge sind besser geworden. Man muss sich die Welt anschauen, wie sie vor N.W.A war und was N.W.A der Gesellschaft ins Bewusstsein gerufen hat. Wir haben uns ‘89 gegründet, aber es war 1991, als der Skandal mit Rodney King in einer Nachricht, die um die Welt ging, eingefangen hat, was wir in unser Nachbarschaft jeden Tag ertrugen. Das rechtfertigt unseren Song. Es ging weiter und ist schlimmer geworden. Beunruhigend ist, dass so viele Unbewaffnete getötet werden. Sie sind unbewaffnet! Das sind wir alle hier gerade in diesem Raum. (Es werden Blicke getauscht. Nach dem europäischen Standard ist Unbewaffnetheit eigentlich generell eher der Fall, denken wir…) Es ist verrückt, aber die Polizei kann uns trotzdem einfach umbringen. In Amerika gibt es nicht nur welche die es können, sondern die es werden und manche, die es wollen. Weil’s dann einen schönen kleinen Streifen auf dem Gürtel gibt, der sagt: „Got one.“

Szene aus dem FIlm: Die Polizei kontrolliert die Gruppe vor ihrem Recordingstudio.
Szene aus dem Film: Die Polizei kontrolliert die Gruppe vor ihrem Recordingstudio.

Hattet ihr damals das Gefühl, eine Kraft der Veränderung zu sein?
Ja und nein. Wir dachten, wir würden Underground bleiben. Das kleine gewiefte Ding, das du anhörst, wenn deine Eltern nicht zuhause sind. Und dann ist es explodiert. Höher, als wir je gedacht hätten. Wir hätten uns nicht erträumen können, dass unsere Musik die Musik generell verändern würde. Wir haben angefangen, unseren Erfolg in Showdaten zu messen. Erst waren’s Clubs, dann Theater, dann Arenen. Wir hätten auch nie geglaubt, in Übersee aufzutreten, weil wir dachten, das wäre für Gruppen aus New York reserviert. Da haben wir gemerkt, dass wir doch einen krassen Einfluss haben.

Wie siehst du den heutigen Hip Hop aus der USA, abseits von Kendrick Lamar?
Der wurde von irgendwelchen Programmdirektoren gekapert. Sie spielen nur eine bestimmte Art von Musik. Meistens geht’s um Ärsche. Um Ärsche und Drogen und high sein. Alle Rapper schreiben nur noch so was, weil das das Einzige ist, was im Radio läuft. Die Lieder, die wir gehört haben, wie die Tracks von Public Enemy, die werden nicht mehr gespielt. Niemand wird mehr gespielt, der irgendwie politisch brisant ist oder die Perspektive verändern will. Weed rauchen, den Club rocken, mehr nicht.

Als dein Sohn O’Shea sich für die Rolle als Ice Cube bewarb, hast du da gezögert?
Nein. Ich wusste, dass er Talent hat. Ich hab ihn mit auf Tour genommen, seit er zwei ist. Ich bin ein stolzer Daddy. (Er holt sein Smartphone hervor und zeigt uns ein Foto, auf dem er seinen kleinen Sohn auf dem Arm hält.) Das war 1992. Ich hab ihm zugeschaut, wie er mit mir auf die Bühne ging, seit er 18 ist und er geht da ans Micro und rockt es. Ich habe ihn gefragt, was er will und ihm gezeigt, was er haben kann. Ich meinte, wenn er möchte, dann ist das hier eine Möglichkeit. Eine Möglichkeit, vorzusprechen. Aber in der Audition musste er ins Schwarze treffen und beeindrucken. Ich wollte sicher gehen, dass er die Erfahrung hat und bereit ist, für diesen Film das Beste aus sich herauszuholen. Das hat zwei Jahre gedauert. Aber als der Film fertig war, bin ich zu ihm und hab ihn umarmt. Es wird diesen Film noch geben, wenn wir selbst nicht mehr hier sind. Und diese Gelegenheit haben nicht viele.

Und zum Abschluss haben wir noch mal eine ganz andere Info zur LAPD-Gewalt. Was Ice Cube wohl zu diesem Artikel sagen würde?

Was uns die Hauptdarsteller Jason Mitchell und O’shea Jackson Jr. zum Film erzählten, kannst du hier lesen.

Laurie

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