Auf den Spuren des Hasses

Auf den Spuren des Hasses

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„Der 8te Film von Quentin Tarantino“, ragt es vom Cover des schneereichen Western The Hateful Eight (ja, da steht wirklich „8te“). Der Kultregisseur (Reservoir Dogs, Pulp Fiction, Kill Bill) hat selbst immer wieder betont: Nach zehn Filmen ist Schluss. Mehr Filme steckten einfach nicht in ihm. In seinem Kammerspiel nach dem Ende des amerikanischen Bürgerkriegs ist jedenfalls noch nichts von inspirationsverlassener Ideenarmut zu spüren. Wortgewandt wie eh und je mit teils wunderschönen Bildern entfaltet das in 70mm gedrehte Ensemblestück trotz einer Länge von knappen drei Stunden (oder gerade deswegen) einen ungeheuren Sog. Da kann man dankbar sein, dass es der Film in dieser Form überhaupt zur Fertigstellung gebracht hat: hier ein geleaktes Drehbuch, dort ein wegen Schneelosigkeit erzwungener Umzug der Dreharbeiten und die unerlaubt ins Netz gestellte Finalfassung des Films seitens eines Hollywood-Managers stellten Filmfan Quentin vor so manche Herausforderung.

Gezeichnet vom Hass: Jennifer Jason Leigh
Gezeichnet vom Hass: Jennifer Jason Leigh

Bereits die anfängliche Eingangssequenz scheint orakelhaft das Tempo des Folgenden vorzugeben. Nach einigen Landschaftsimpressionen Wyomings (als Drehort diente Telluride in Colorado, wie auch für Der Marshall mit John Wayne) landet die Kamera auf einem schneebeladenem Kruzifix mit Jesusfigur und bewegt sich für einige Minuten langsam vom Kreuze weg, um schließlich eine durch die Schneelandschaft hetzende Kutsche zu offenbaren – unter den dramatischen, aufgeregten musikalischen Peitschenhieben Ennio Morricones (Spiel mir das Lied vom Tod), zu dessen Anhängern Quentin bekanntermaßen zählt. Bald gestoppt und im Ersuchen um Mitnahme von Kopfgeldjäger Major Marquis Warren (Samuel L. Jackson), gesellt sich Marquis zu den bereits anwesenden Fahrgästen: John „The Hangman“ Ruth (Kurt Russell) und seine Gefangene Daisy Domergue (Jennifer Jason Leigh), die er unbedingt lebend nach Red Rock befördern und dort am Strick hängen sehen will. Bald findet sich die illustre Gruppe zusammen mit dem „Sheriff“ Chris Mannix (Walton Goggins), ein Deserteur aus den Südstaaten, des drohenden Blizzards wegen in Minnies Kleinwarenladen ein und treffen auf weitere Unbekannte.

Schon früh knüpft Quentin hierbei ein interessantes, konfliktreiches Beziehungsgeflecht zwischen seinen auf den Punkt gezeichneten Figuren. Und schnell wird klar, dass vieles nicht klar zu sein scheint. Er legt dramaturgische Brotkrumen aus, welche in der Sicherheit und Wahrheit der dargelegten Situation so manchen Riss offenbar werden lässt. Ein Gefühl der steten Unsicherheit schleicht sich zunehmend ein und füttert die Spannung. Gewohnheitsgemäß teilt der in Tennessee geborene Filmemacher seinen Film in Kapitel ein und nutzt einmal mehr ausgiebig die Waffe des gesprochenen Wortes, um potenziellen Freund und Feind gegeneinander auszuloten, versteht es aber auch, nur durch kurze oder auch wiederkehrende Einstellungen auf Details aufmerksam zu machen. Manchmal sind es zudem einfach nur zwischen den Charakteren ausgetauschte Blicke, die manch brodelnde Skepsis offenbaren. Die Erzählweise erinnert dabei an sein Erstling, dem Heist-Movie Reservoir Dogs von 1992: Hier wie dort findet sich die Handlung vor allem an einem Schauplatz verdichtet wieder und wird zuweilen von Rückblenden aufgebrochen, um Ereignisse aus einem anderen Blickwinkel zu erleuchten oder durch Vergangenes das Gegenwärtige zu bereichern. Und auch spielt paranoische Unsicherheit in einem großen Geflecht an Figuren eine zentrale Rolle: Anfang der 90er war es noch die Bedrohung durch einen Verräter in den Reihen der Gangster, knappe 25 Jahre später ist es die Konfrontation mit einer Reihe verdächtiger Umstände und einer Riege an Unbekannten.

Die Tarantino-Rückkehrer Samuel L. Jackson und Kurt Russell im Clinch
Die Tarantino-Rückkehrer Samuel L. Jackson und Kurt Russell im Clinch

Genussvoll spielen alle Beteiligten das umfangreiche Skript aus: The Hateful Eight ist einer von Quentins schönsten Filmen. Immer wieder finden sich kurze Augenblicke, die den Blick auch auf Impressionen abseits des klaustrophobischen Settings, sei es anfangs in der Kutsche oder schließlich im Kleinwarengeschäft, schwenken: ein Blick aus dem Fenster in den rosaroten Himmel oder eine entschleunigte Nahaufnahme schnaufend-sabbernder Pferde, die durch die weiße Landschaft galoppieren, unterlegt mit Ennio Morricones magischem, zunehmend sich aufbäumenden „Regan’s Theme“ aus Exorzist II – Der Ketzer. Das sind schlicht große Kinomomente, die wieder auf echtem Filmmaterial gedreht wurden, da es Quentin bekannterweise ablehnt, digital zu filmen. Die Detailverliebtheit in der Inszenierung und Ausstattung der Unterkunft selbst ist mit ihrer liebevollen, urigen Einrichtung mit historischen Gegenständen und Möbeln ebenfalls ein Höhepunkt. Mit Samuel L. Jackson (Django Unchained), Kurt Russell (Fast & Furious 7), Tim Roth (Selma) und Michael Madsen (Sin City) sind einige alte Weggefährten des Regisseurs wieder dabei. Dazu gesellen sich u.a. Jennifer Jason Leigh (Anomalisa), Walton Goggins (Lincoln), Demián Bichir (A Better Life) und Bruce Dern (Nebraska), der allerdings schon als Cameo in Django Unchained auftrat. Jedem Einzelnen ist die Spielfreude anzusehen. Befreit, mit lockerer Zunge und emotionalen Parforceritten schafft es der eindrucksvolle Cast, die sprich- und wortwörtliche Hütte mit Leben zu füllen. In dieser verrohten, hasserfüllten Welt schaffen es die Akteure, ihre Figuren durch ihre teils ulkigen Eigenheiten oder einer nie aufgesetzt wirkenden Coolness als Sympathie-, mindestens aber Interessenträger auftreten zu lassen. Ihnen ist es zu einem großen Teil zu verdanken, dass der Film sein unterhaltsames Potenzial dermaßen auszuschöpfen versteht.

Der Film mag zwar von manchem als zu lang(atmig) empfunden werden. Und in der Tat besitzt der Film nicht die berauschte Exzessivität eines knackigen Kill Bill etwa, sondern inszeniert sich zunächst eher über die hintergründig kochenden Kriege. Wer sich diesem eher subtilen Ansatz hingibt, mag schließlich stark belohnt werden, denn umso stärker entfaltet manches sich überschlagendes Ereignis seine Wucht. So ist The Hateful Eight ein ungemein intensives, stark inszeniertes und von musikalischen Hammerschlägen getriebenes Tarantino-Kammerstück, das mit seiner interessanten Grundprämisse spielfreudig hantiert und an Sternstunden à la Reservoir Dogs erinnert.

Alex Warren

Titel: The Hateful Eight
Regie: Quentin Tarantino
Laufzeit: 162 Min. (DVD)
VÖ: 30.05.2016 (DVD, Blu-Ray, VoD)
Verleih: Universum Film

Zusatzinfo: Der Film erschien in ausgewählten Kinos auch in einer um rund 20 Minuten längeren 70mm-Fassung, inkl. Ouverture, Intermission (einer Art musikalisch unterlegten Pause im Film) und zusätzlicher wie abgewandelter Szenen. Diese Roadshow-Version ist bisher nicht auf DVD oder Blu-Ray erschienen und ob sich daran in absehbarer Zeit etwas ändert, ist noch unklar.

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