Ary and the Secret of Seasons: Herrin der Jahreszeiten

Ary and the Secret of Seasons: Herrin der Jahreszeiten

Spoilerfreier Test!

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Vor vielen Jahren lebten die Bewohner von Valdi in Harmonie. Doch dann spielten die Jahreszeiten verrückt und alles änderte sich. Nur die junge Ary, Herrin der vier Jahreszeiten, kann das wieder in Ordnung bringen. Man braucht kein scharfes Auge hierfür. Denn Ary and the Secret of Seasons erinnert sehr stark an meine liebste Kindheitsserie Avatar – Der Herr der Elemente.

SLEAZE + Ary and the Secret of Seasons
Wie gerät Ary immer in solche Situationen?

Das Konzept stimmt, das muss ich dem Indie-Team eXiin schon lassen. Doch wie ist es mit der Umsetzung? Wie sehr kann Ary and the Secret of Seasons als Mix aus Puzzle-Plattformer und Abenteuer-Rollenspiel begeistern?

Valdi in Gefahr

Nein, der Komponist Antonio Vivaldi verstarb bereits 1741 in Wien. Gemeint ist die fiktive Welt Valdi. Passend, denn wie Vivaldis wohl bekanntestes Werk „Die vier Jahreszeiten“ ist auch die Welt Valdi in vier Jahreszeiten aufgeteilt. In jedem Land herrscht eine – oder wohl eher herrschte. Denn rote Kristalle fallen vom Himmel und das gesamte Land steht Kopf.

Ary lebt im Land Yule, welches für gewöhnlich die Winterzeit repräsentiert. Doch nach dem Ereignis herrscht dort herrlich warmes Wetter. Da Arys tapferer Bruder Flynn verschollen ist, liegt es an ihr, das Gleichgewicht in Valdi wiederherzustellen. Dafür muss sie zu den Wächtern der Jahreszeiten reisen und selbst eine Wächterin werden.

SLEAZE + Ary and the Secret of Seasons
An einem Schafsorchester ist nichts witzig, oder?

Das hört sich zwar ernst an, aber Ary and the Secret of Seasons weiß nur zu gut mit seinen Witzchen zu begeistern. Mit Cartoon-reifen Szenen, völlig albernen Scherzen und einem Party-Tier, gefangen im Körper eines alten Mannes, gibt es immer etwas zu lachen. Der Mann heißt übrigens Dagdann und seine Witze sind so meta, dass er sogar über die Spiele-Entwicklung quatscht und den Abspann abmoderiert.

Jahreszeiten bändigen

Im Verlauf des rund zehnstündigen Abenteuers erfahren wir mehr über die Kontrolle der Jahreszeiten und wie wir sie zu unserem Vorteil einsetzen können. Im Grunde beschwören wir eine Kuppel mit der jeweiligen Jahreszeit. Mit der Kraft des Winters können wir zum Beispiel das Wasser einfrieren oder Eisblöcke platzieren, um höhergelegene Stellen zu erreichen. Mit der Macht des Frühlings entziehen wir Wasser oder zaubern Ranken her, um sie zu erklimmen.

SLEAZE + Ary and the Secret of Seasons
Warum dieses Feuer bei meinem Winterzauber nicht erlischt, bleibt mir auch ein Geheimnis.

Die Kraft des Sommers und des Herbstes jedoch haben eigentlich kaum eine Funktion im Spiel. Das ist etwas enttäuschend, da Knobel- und Geschicklichkeitsrätsel davon sicher hätten profitieren können.

Aber auch im Kampf kann man die Jahreszeiten nutzen, wobei das nur selten notwendig ist. Das liegt daran, dass die Gegnervielfalt extrem klein gehalten wurde. Hin und wieder haben Gegner gewisse Rüstungen, die wir mit der entsprechenden Jahreszeit entrüsten können. Da wäre aber sicherlich mehr drin gewesen.

Ansonsten verlaufen Kämpfe recht simpel: Hauen, parieren und ausweichen. Das Parieren ist oft etwas ungenau, weshalb ich eher zum Ausweichen rate. Oder gar nicht erst die Nähe suchen, sondern von Weitem mit der Steinschleuder zusetzen.

SLEAZE + Ary and the Secret of Seasons
Gegner sind nicht sehr clever, weder vor noch nach der Steinschleuder.

Diese Quest sorgt für Ärger (kein Clickbait)

Das Spiel tobt sich in seinen Möglichkeiten aus, keine Frage. Die Handlung ist experimenteller als erwartet. Das hat mir gefallen und ich wäre definitiv für mehr bereit gewesen. Wenn da nicht diese eine Hauptquest wäre, die etwa Zweidrittel des Spiels einnimmt und die Story massiv abbremst.

Wir müssen nämlich von Tempel zu Tempel und eine Reihe von Knobelspielchen meistern. Dort erlernen wir neue Fähigkeiten, die wir in weiteren Rätseln nutzen müssen. Dadurch bleibt zwar das Gameplay erfrischend, dennoch waren mir diese Passagen einfach etwas zu langgezogen. Am Ende jedes Tempels erwartet uns zudem ein Golem, den wir (meistens) besiegen müssen. Diese gesamte Quest wirkt im Vergleich zum Rest so… klassisch. Und dadurch fühlt sich das gesamte Spiel ein wenig inkonsistent an.

Etwas von allem

Ary and the Secret of Seasons erinnert nicht nur auf den ersten Blick an Breath of the Wild. Es gibt ähnliche Mechaniken, ein weit erkundbares Land und in Tempeln müssen wir Knobel- und Geschicklichkeitsspielchen meistern. Anfangs habe ich bereits den Avatar-Verweis gemacht, aber auch eine Prise Ghibli steckt in diesem Spiel. Angefangen beim farbenfrohen Ort Valdi, der auch aus einer Ghibli-Erzählung stammen könnte. Während die Winterregion Yule hoch in den Bergen liegt, ist die Herbstregion Samhain eine verregnete Wüste. Aber auch die Musik trifft teils den Ghibli-Charme, teils auch die Melodie von … Jurassic Park. Das klingt irre, aber besser hätte ich es nicht beschreiben können.

SLEAZE + Ary and the Secret of Seasons
Wenn Winter und Sommer aufeinandertreffen.

Dann gibt es noch Golems. Das erinnert dann doch etwas an die Kolosse aus Shadow of the Colossus. Man sollte aber nicht dasselbe Spektakel erwarten. Ein Kampf hat mir recht gut gefallen, diesen durfte ich bereits letztes Jahr auf der Gamescom sehen. Die restlichen Begegnungen mit den Koloss… ich meine Golems waren eher enttäuschend.

Am Ende gleitet die Story in ein völlig wildes Sci-Fi-Terrain mit Nolan’schen Mindfuck. Ein WTF wäre definitiv angebracht.

Wenn man mal kurz nicht die Welt retten muss

Das Spiel bietet uns eine offene Welt und damit einhergehend: natürlich, viele kleine Nebenquests. Die bekommen wir, indem wir mit dutzenden NPCs in ganz Valdi reden. Leider fallen diese Nebenaktivitäten eher langweilig und unnötig aus. Ganz viel Sammelkram oder simple und unbedeutende Aufgaben: Mann friert, zaubere Sommer, Mann glücklich. Anfangs witzig, später doch recht ermüdend. Viele dieser Nebenquests sind zudem verbuggt.

SLEAZE + Ary and the Secret of Seasons
In Nebenquests erfahren wir mehr über die Welt und ihre Bewohner.

In der gesamten Welt kann man aber auch Schatztruhen finden. Dadurch erhalten wir Münzen, welche wir wiederum in Shops für neue Ausrüstung ausgeben können. Leider hat neue Ausrüstung oft keinen Effekt. Sie ist nicht besser als unsere ursprüngliche. Und die wenigen Sachen, die einen Unterschied machen, wie Doppelsprung oder eine Steinschleuder, schalten wir auch recht früh im Spiel frei. Lediglich unsere Fähigkeiten lohnt es sich zu verbessern, denn dadurch sind unsere Konter effektiver oder unsere Schläge stärker. Etwas mehr Rollenspiel hätte Arys Abenteuer bestimmt nicht geschadet, schließlich fängt das Spiel genau in dieser Richtung an, bevor es dann zu einem reinen Puzzle-Plattformer mutiert.

Ein paar Wörtchen mit dem Designer-Team

Denen mache ich die Hölle heiß. Nein, ich scherze. Aber Ary and the Secret of Seasons hat so seine Problemchen im Level-Design. Und von der Nutzerfreundlichkeit will ich gar nicht erst anfangen. Denn statt die Karte mit einer noch verfügbaren Taste aufrufbar zu machen, werden wir gezwungen, erst Pause zu drücken, unser Inventar auszuwählen und dann auf den Reiter Karte zu wechseln. Jetzt habe ich doch damit angefangen.

SLEAZE + Ary and the Secret of Seasons
Diese Kristalle blockieren unsere Fähigkeiten.

Worauf ich eigentlich hinauswollte: Ich bin an einigen Stellen hängen geblieben – wortwörtlich. Ich steckte fest, weil ein Weg hinein, aber kein Weg hinausführt. Das krasseste Beispiel: Der Frühlingstempel lässt sich bereits früh im Spiel betreten und erkunden. Nur leider kommt man nicht weit, da man die nötige Fähigkeit nicht hat. Blöderweise kommt man auch nicht mehr raus, weil man die nötige Fähigkeit nicht hat. Ohne Speicherpunkt ist man also am Zückerli. Aber auch in anderen Situationen, wo einem der korrekte Weg in keinster Weise offenbart wird, wird man (gezwungenermaßen) experimentierfreudig und landet irgendwo, wo man nicht mehr rauskommt.

Hier hätte das Design-Team etwas präziser arbeiten müssen. Deutlichere Pfade vorgeben und mögliche Endstationen absuchen und eliminieren. Aber vermutlich waren sie nicht darauf gefasst, WIE experimentierfreudig manche sein können. Also ich.

Der größte Downer: Die Day-One-Bugs

Was haben Ary and the Secret of Seasons und Assassin’s Creed gemeinsam? Beide laufen nicht optimal zum Release. Wir haben kleine, nicht weiter beunruhigende Bugs wie ein unsichtbarer Fluss oder ein nicht übersetzter Text. Aber auch verheerende Bugs, bei denen es zu extremen Framerate-Abbrüchen kommt oder Quests, die nicht starten wollen.

SLEAZE + Ary and the Secret of Seasons
Dieser Bug wurde mittlerweile behoben.

Diese Probleme und mehr plagen das Spiel und mindern den Spaß. Die Entwickler haben bereits die meisten Fehler aufm Schirm und die nächsten Patches versprechen ein runderes Erlebnis, trotzdem ist es Stand jetzt ein schwieriger Brocken.

Fazit

Eigentlich möchte ich bloß Spaß haben mit diesem Titel. Und den habe ich – größtenteils. Die Erzählung ist unterhaltsam, der Humor drollig und die Welt faszinierend. Das Gameplay fühlt sich solide an, auch wenn das Spielprinzip nicht an ähnliche Genre-Vertreter herankommt. Und obwohl hinten raus der Fokus etwas zu sehr auf Rätselspaß liegt, hatte ich insgesamt meine Freude mit Ary and the Secret of Seasons.

Dem gegenüber stehen aber die vielen Bugs und Design-Schwächen, wenige Gegnertypen, langweilige Koloss… Golems und zwei von vier unbrauchbaren Jahreszeiten. Das wäre, als würde der Avatar nur Luft und Wasser beherrschen müssen, weil man mit Erde und Feuer sowieso nichts anrichten könne.

Ich hätte mir noch zudem gewünscht, dass man die Erzählung weiter ausbaut, weil sie besonders während der „ewig langen Quest“ stagniert. Denn alles in allem bietet Ary and the Secret of Seasons eine spannende Welt mit schönen Ideen. Das Indie-Team eXiin hat hier große Kreativität bewiesen. Freunde von Abenteuerspielen und Plattformern sollten sich das also genauer anschauen, spätestens wenn die Kinderkrankheiten behoben wurden.

Titel: Ary and the Secret of Seasons
Entwickler / Publisher: eXiin / Modus Games
VÖ: 01. September 2020
Plattform: PlayStation 4, Xbox One, Nintendo Switch und PC

Ich habe Arys Abenteuer auf der Standard-PlayStation 4 getestet.

San L

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