Apocalypse Now – Die Apokalypse im Final Cut

Apocalypse Now – Die Apokalypse im Final Cut

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Diesmal wollte er eine Fassung machen, die ihm gefällt. In den 70ern gehörte Francis Ford Coppola zu jener illustren Gruppe US-amerikanischer Filmemacher, die das Kino bis heute erschüttern sollten. Neben dem heute 80-Jährigen waren dies etwa Martin Scorsese (Taxi Driver), Steven Spielberg (Der Weiße Hai), William Friedkin (Der Exorzist), Roman Polanski (Chinatown) und George Lucas (Star Wars).

SLEAZE + Apocalypse Now
Das Bild kennen mehr Leute als den Film…

Francis wirbelte vor allem mit Apocalypse Now und den ersten beiden Teilen von Der Pate die Leinwände dieser Welt auf. Ersterer, seine ikonische Reise in die Finsternis des Vietnamkriegs, erscheint nun in einer neuen Schnittvariante in den Kinos, dem so genannten Final Cut. Wir haben uns dem Rausch bereits hingegeben.

Die ursprüngliche Kinovariante des Films aus dem Jahre 1979 wurde damals auf eine Laufzeit von 153 Minuten herunter gekürzt. 22 Jahre sollte es bis zur so genannten 202 Minuten langen Redux-Fassung dauern.

Der nun bevorstehende und von Francis eigens angefertigte Final Cut pendelt sich bei 183 Minuten ein und erscheint nach der bundesweiten Kinoaufführung am 15. Juli im Spätsommer auch auf 4K-UHD-Blu-ray, Blu-ray und DVD. Auch vierzig Jahre nach seinem Erscheinen ist der Streifen großes, pures und entfesseltes Kino.

Lose basierend auf Joseph Conrads Erzählung Herz der Finsternis (1899) erzählt Apocalypse Now vom Army-Captain Benjamin L. Willard (Martin Sheen), der sich mit einem Boot und einer Gruppe Soldaten in die Tiefen des vietnamesischen Dschungels und darüber hinaus aufmacht, um den außer Kontrolle geratenen Colonel Walter E. Kurtz (Marlon Brando) zu töten.

Albtraum Vietnamkrieg endlich wieder Kino

Nach etlichen Sichtungen vor dem heimischen Bildschirm war der Final Cut die erste Gelegenheit, den Film endlich im Kino zu erleben. In der Tat ist er ein Erlebnis. Apocalypse Now gehört zu jenen von konventionellen Erzählfesseln losgeeisten Filmen, die dem Zuschauer die Tür in eine rätselhafte, wundersame, verstörende und unheimliche Welt weit öffnet. Auch die neue Schnittfassung nimmt sich viel Zeit, in die zerrissenen Seelen seiner Charaktere einzudringen und dem dunklen Herz des Vietnamkriegs beim Schlagen zuzusehen.

Die Reise durch eine Wasserader dieses chaotischen, dreckigen und verschwitzten Konflikts wird zu einem existenziellen Trip ins eigene Herz. Jede Ordnung der so genannten Zivilisation ist verloren. Es herrscht rohe Gewalt, bizarre Komik und Entmenschlichung.

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Willkommen in der Hölle, Soldat!

Da Francis kaum erzählerische Orientierungspunkte anbietet, abgesehen von der zu Beginn geäußerten Mission, stößt er uns in einen unberechenbaren Sog aus Bildern, Tönen und Musik. Das innere Gefühlsleben vereint sich zunehmend auf hypnotische Weise mit dem äußeren Chaos.

Plötzlich erinnert der Deckenventilator an das monotone Rotieren der Huey-Helikopter. Ein Massenmord aus der Luft bricht sich in einem Todesballett zu den Klängen von Richard Wagners Ritt der Walküren Bahn. Captain Willard, Colonel Kurtz oder auch der Surf-Fan Lieutenant Colonel William “Bill” Kilgore (Robert Duvall) sind denn auch gewissermaßen nur noch Traumerscheinungen, in denen sich die ganze Grausamkeit und Absurdität des Abschlachtens widerspiegelt.

Die Apokalypse ist auch ein Film über den Film

Es bleibt nichts als Horror. Ein blutiges, entsetzliches, gleichsam lustiges und zuweilen sogar heiteres Grauen. Francis hat mit Apocalypse Now damals wie heute Eindrücke geschaffen, die kaum zu vergessen sind. Bekanntermaßen hat der Film eine schwierige Produktion durchlaufen. So wurden etwa Sets weggespült, Marlon Brando erschien außer Form und stark übergewichtig zu den Dreharbeiten und Martin Sheen erlitt einen Herzinfarkt. Regisseur Francis setzte sogar sein Haus aufs Spiel, um den Film im heißen, schlammigen Dschungel fertigstellen zu können.

Auch das zeichnet Francis Ford Coppola aus. Der unbedingte Wille, diese Apokalypse zu überstehen und ins Kino zu bringen. Apocalypse Now ist auch ein Zeugnis dessen, zu was Film oder Kunst im Allgemeinen fähig sein kann, wenn sie nur mit voller Hingabe betrieben wird.

Unbedingt sei hier der Dokumentarfilm Hearts of Darkness: A Filmmaker’s Apocalypse (1991) empfohlen, der tiefe Einblicke in die Produktion und die Überzeugungen Francis‘ gewährt und wie bei anderen Ausgaben zuvor auch bei der Heimkinofassung des Final Cuts dabei ist.

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Regisseur Francis (li.) inmitten der Apokalypse.

Eine große Hoffnung des Filmemachers findet sich hier etwa in folgenden berührenden Worten, in der er von einer Welt träumt, in der nicht die (Film-)Kunst von so genannten Profis (der Konventionen) definiert wird, sondern von jenen, denen sie wirklich am Herzen liegt:

Für mich ist die große Hoffnung, nun, da diese kleinen 8mm-Videorekorder und anderes Zeug herausgekommen sind und einige…dass einfach Leute, die für gewöhnlich keine Filme machen würden, sie machen. Und weißt du, dass plötzlich eines Tages irgendein kleines fettes Mädchen in Ohio der neue Mozart wird und einen wunderschönen Film mit dem kleinen Kamerarekorder ihres Vaters macht. Und einmal wird der so genannte Professionalismus der Filme für immer zerstört. Und aus ihm wird wirklich eine Kunstform. Das ist meine Meinung.

Möge die Apokalypse beginnen. Immer und immer wieder.

Alex                                                         

Titel: Apocalypse Now Final Cut

Kinostart: 15.07.2019 (einmalige Kinoveranstaltung)
Heimkinostart: 29.08.2019 (inkl. Kino-, Redux- und Final Cut-Fassung)
Dauer: 183 Minuten
Genre: Drama, Krieg
Produktionsland: USA
Filmverleih: Studiocanal

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