Anime-Filme zu unrecht verurteilt

Anime-Filme zu unrecht verurteilt

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Wenn Leute mich fragen, was ich zurzeit gerne schaue, ist die Antwort nicht Game of Thrones, The Walking Dead oder anderweitige namenhafte Serien. Mal ganz unter uns habe ich noch nie eine Folge der oben genannten Serien gesehen und denke, das wird sich zukünftig auch nicht ändern.

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Mich reizen diese Titel einfach nicht, auch wenn ich großen Respekt vor der Machart und dem ausgelösten Wir-Gefühl habe. Vor allem Game of Thrones sorgte dafür, dass ganze Nationen sich vor den TV gesetzt und am nächsten Tag alles heiß diskutiert haben (noch besser hat es wohl in letzter Zeit nur Joanne K. Rowling hinbekommen, die vielen Kindern die fantastische Welt des Lesens präsentierte – und vielen Lehrern die harte Wahrheit, dass es darauf ankommt, den Kindern den richtigen Stoff zu präsentieren und nicht nur irgend einen verstaubten Kanon).

Um zurück zur Frage zu kommen, was ich denn zurzeit mir ansehe, kann ich kurz und knapp antworten: Anime-Filme. Diese Filme sind vereinfacht gesagt das Gleiche wie die zuvor genannten Serien – bloß gezeichnet. Deshalb finden sich auch hier die typischen Genres wieder. Lust auf Action, Horror oder doch eine Romanze? Dann findest du auch in diesem Medium alles, was dich anspricht.

Mach dir keine Sorgen, falls dir Begriffe wie Shounen, Isekai oder Ganbatte um die Ohren fliegen. Diese lassen sich ganz simpel als Unterbegriffe verstehen. Bei einem Shounen steht meist der Kampf im Fokus und könnte dem Klassiker des Action-Genres zugeordnet werden. Isekai heißt eigentlich nur „andere Welt“ und sagt aus, das die Protagonisten aus dem eigentlichen Leben in eine fremde Welt gezogen werden. Klassisches Abenteuer-Genre, mit allerlei Einbindung weiterer Genres. Das Ganbatte bedeutet „gib dein Bestes“ und hier findest du Sportserien, wo eine Person oder ein ganzes Team versucht, der oder die Besten zu werden.

So kompliziert ist dies alles also nicht. Doch werden den meisten wohl eher andere Begriffe in den Kopf schießen, wenn das Wort Anime fällt. Leider weitverbreitet sind noch folgende Gedankenwege: Anime-Filme, das ist doch

A) – für Kinder,
B) – Schmuddelkram.

Nun ich kann nicht sagen, dass diese Leute damit im Unrecht sind. Doch fehlt es Personen, die nur in Schubladen denken und mit Vorurteilen hantieren, oft an Weitsicht und Wissen. Gefährliches Halbwissen kann oft zu negativen Folgen führen (wie wir seit der Pseudo-Parteil AfD spätestens wissen). Deshalb wäre ein Vorab-Informieren doch hilfreich, bevor man eine Meinung abgibt. Klingt heutzutage anachronistisch, aber dennoch werde ich mich in den nächsten Zeilen den eben angesprochenen Vorurteilen widmen – und dir eine andere Perspektive darauf geben.

Vorurteile und Intoleranz

1. Kinderkram?

Beginnen wir mit dem ersten Vorurteil: Animes sind nur für Kinder. Woher kommt diese Ansicht? Im Gegensatz zu Deutschland wuchsen viele Länder mit einer eigenen Comic-Kultur auf. Frankreich hatte Asterix & Obelix, die Benelux-Staaten Lucky Luke oder Tim und Struppi – und Disney, Marvel und DC fluteten den amerikanischen Markt.

Deutschland wiederum hatte dies nicht. Viele Zeichner flohen damals vor dem Regime oder verließen Deutschland aus anderen Gründen. Und die folgende Comics kamen aus dem Ausland und hießen Micky Maus, Super- oder Batman.

Dies ist wahrscheinlich ein Aspekt, wieso viele Menschen einem Medium wie den gezeichneten Animes eher mit verschränkten Armen gegenüber stehen und es als kindisch abstempeln.

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Zum anderen liefen einige Animes damals bei RTL II im Kinderprogramm. Sicher hast du auch den ein oder anderen damals nach der Schule gesehen. Wen ich zurückdenke, war dies für mich mit das Beste an einem Tag. Schule aus, ab nach Hause, Fernseher an und Pokémon, Naruto, One Piece oder Yu Gi Oh! schauen und am nächsten Tag mit Freunden darüber reden, wie krass die Folge am Tag zuvor doch war.

Doch hier hätten wir den zweiten Punkt: Animes laufen im Kinderprogramm, ist also für Kinder. Viele vergessen dabei, dass die USK zuerst die Schere an den Werken angesetzt hat. Blut, Ausdrücke, ganze Dialoge oder Kämpfe wurden extrem geschnitten und auf Kinderniveau angepasst.

Nimmt man die Anime-Serie Naruto als Beispiel, erkennt man sofort, wo Schnitte vorgenommen wurden. Statt „töten“ wurde das Wort „besiegt“ benutzt, Blut bei Kämpfen fehlte und Kraftausdrücke wurden mit kindlichen Begriffen entschärft. Zusammengefasst kann man sagen, dass viele ungefähr diesen Gedankenweg haben:

Anime-Filme → gezeichnet → Kinder

Dabei bieten selbst Animes, die damals im Kinderprogramm liefen, viele tiefgründige Geschichten, die klar auf ein älteres Publikum zielen (und wenn man mal tiefer taucht, waren selbst die Grimm-Märchen nicht so ungrimmig, wie man es heute kennt). Als ich Naruto ein zweites Mal angefangen habe zu schauen, wurde mir erst bewusst, dass es nicht allein um das gegenseitige Polieren der Visage geht. Freundschaft, Liebe, Träume, Schmerz, Angst und vieles weiteres werden hier auf eine Art und Weise thematisiert, die für ein junges Publikum nicht zu begreifen ist.

Animes, die wirklich gezielt für Kinder angefertigt und in Deutschland ausgestrahlt wurden, kennen selbst deine Eltern. Heidi und Wickie der Wikinger sind sehr bekannt bei uns, doch fand ihre Produktion in Japan statt. Viele wissen dies nicht mal und werfen trotzdem weiter mit dem Klischee um sich.

2. Schmuddelkram?

Das zweite Vorurteil ist die Ansicht, dass Anime hauptsächlich Schmuddelfilme sind. Hier Hentai genannt. Dies liegt wohl auch daran, dass ein bestimmtes Genre, der Ecchi-Anime, meist hart an der Grenze zum Hentai ist. Doch werden hier keine Liebesakte im Detail gezeigt. Das Höchste der Gefühle ist gerade mal etwas nackte Haut, immer oberhalb der Gürtellinie.

Ansätze des Ecchi-Genres findet man auch in mehreren „normalen“ Animes wieder, oft als Fanservice betitelt. Frei nach dem Motto „Zeige viel für Aufmerksamkeit“. Dies nutzen Kritiker oft, um noch mehr Benzin ins Feuer zu gießen.

Doch bleiben wir beim Hauptthema, dem Hentai. Dafür reisen wir zuerst zurück in die Zeit ins Deutschland Ende der 90er Jahre. Zu dieser Zeit existierten insgesamt zweihundert Animes auf dem damaligen VHS-Markt. Gerade mal 38 davon waren dem Hentai-Genre zuzuordnen, das macht 20%. Über die nächsten Jahre sinkt die Zahl rapide, als hätte das Genre gesagt, ich mach mal eine Diät.

Die scharfen Regelungen und Kontrollen der deutschen Jugendschutzgesetze setzten dem Handel von Hentai feste Schranken. Im Jahr 2018 wurden aus den anfangs 20% nur noch 0,7%. Würden wir einige Ecchi-Titel, die grenzwertig sind und auf einem dünnen Draht balancieren, dazurechnen, kämen wir trotzdem nur auf maximal 4%. Selbst auf dem japanischen Markt finden wir seit Jahren eine Stagnation im Hentai-Genre vor. Der dortige Markt kommt nicht über 2% hinaus. Im Gegenzug dazu steigt die Zahl der „normalen“ Anime-Filme Jahr für Jahr.

Um dies nochmal zu verdeutlichen, eine kleine Gegenüberstellung:

Von den heiligen VHS-Zeiten bis heute wurden allein in Deutschland gerade mal 230 Hentai mit insgesamt 550 Folgen veröffentlicht. Dies sind weniger Folgen, als die Dragonball-Reihe oder One Piece vorzuweisen haben.

Dem gegenüber stehen 600 Animes (kein Hentai) mit über 10.000 Folgen. Jetzt soll nochmal bitte jemand kommen und behaupten, dass Anime-Filme hauptsächlich aus Schmuddelkram beständen. Doch das viele immer noch daran festhalten, kann auch am inflationären Gebrauch des zuvor angesprochenen Fanservice sein.

Auch wenn dieser nicht tendenziell nackte Haut sein muss, reicht es den meisten wohl, eine Dame mit etwas größeren Vorbau im Bikini zu sehen, um an der Behauptung festzuhalten. Doch sind auch solche Darstellungen der Übersexualisierung nicht immer gang und gäbe.

Viele Serien spielen mit diesen Vorurteilen und bauen sie – nicht unbedingt, um zu provozieren – absichtlich ein, um mehr Zuschauer anzulocken. Nicht so cool, aber dennoch: Jeder, der Filme oder Serien mag, sollte dem Medium Anime eine Chance geben. In dem Genre können Geschichten erzählt werden, die so nur hier umsetzbar sind.

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Sag hallo zu „Testament of Sister New Devil“

Jede Medaille hat zwei Seiten. Doch um sie in Gänze bewerten zu können, sollte man beide Seiten sehr gut kennen. Bevor vorschnell wieder Behauptungen aufgestellt werden, heißt es hinterfragen und selbst recherchieren. Egal, um welches Thema es sich handelt, gefährliches Halbwissen kann am Ende nur zu Schäden führen. (Amen! 🙂 )

Wenn ich dich vielleicht auf das Medium aufmerksam gemacht habe und du dich fragst, was könnte man denn schauen, um ein besseres Bild über Anime-Filme zu bekommen, mach dir keine Sorgen, dafür bin ich doch da. In weiteren Artikeln stelle ich dir Titel vor, die einen Einstieg für dich leicht machen.

Flo

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