Angriff auf den Sehnerv – Freakshow in Manila

Angriff auf den Sehnerv – Freakshow in Manila

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Ja, du hast richtig gesehen: Auf dem Titelbild raucht ein Baby. Das ist nicht etwa gestellt, sondern kommt von den Straßen von Manila, wo solche Dinge wirklich abgehen. Es geht hier um den Film Alipato – The Very Brief Life of an Ember des philippinischen Regisseurs Khavn. Khavn dreht Underground-mäßig auf den Straßen und in den Slums der philippinischen Hauptstadt. Und diese Hauptstadt Manila ist ein Moloch. Sie hat 12-22 Millionen Einwohner (je nach Quelle), nimmt man das gesamte Stadtgebiet zusammen. Davon lebt die Hälfte in Slums. Wunderst du dich jetzt noch über ein rauchendes Baby?

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Jesus of the Slums

Willkommen im Slum, deinem neuen Zuhause

Um Alipato richtig einordnen zu können, lohnt es sich, mal kurz über Verstädterung nachzudenken. Derzeit lebt die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten, Tendenz steigend. Es gibt weltweit 36 Megastädte mit mehr als zehn Millionen Einwohnern(!). Aber bleiben wir mal bei Manila: Die Stadt hat mit die höchsten Luftverschmutzungswerte der Welt. Eine weitere Sehenswürdigkeit: Ein Müllberg, um den 40.000 Menschen leben und auch von seinem Müll, d.h. in diesem nach Wertvollem oder Verwertbarem suchen.
Ein Slum, das ist jetzt ein sogenanntes „Elendsviertel“, in dem typischerweise die Landbevölkerung Unterschlupf findet, wenn sie in die Großstadt zieht. Also kleine ein- und zweistöckige zusammengezimmerte Hütten, totel verwinkelt, kein Trink- oder Abwasser und was wir in Deutschland sonst so kennen. Die Kriminalitätsrate ist super hoch. Manila ist auch die am dichtesten besiedelte Stadt der Welt mit 42.000 Menschlein pro Quadratkilometer(!).

Live von den Straßen von Manila

Auf den Straßen und in den Slums von Manila geistert jetzt dieser schräge Vogel Khavn rum und macht Guerilla-mäßig Filme. Das heißt: no Budget, gedreht wird vor realen Hintergründen, mit Handkamera, vielleicht sogar mit einem Smartphone. Protagonisten sind zu einem großen Teil echte Menschen aus der Gegend. Es sind also Spielfilme, aber sie haben auch einen stark dokumentarischen Anteil.

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Karaoke in der Notunterkunft = eine geile Zeit

Wie wirkt sich das auf den fertigen Film aus? Naja, manchmal knallt z.B. der Hauptdarsteller bei seinen Bewegungen durch die engen Gassen einfach gegen die Linse der Kamera. Das wird dann aber im Film dringelassen. Auch schaun öfter mal (unbeteiligte) Passanten in die Kamera („Was macht ihr da?“). Eigentlich ein großes No-no im Kino, doch auch das kommt in den fertigen Film. Khavns Darsteller selber sehen aus wie vom Burning Man oder einer Goa-Party entsprungen. Ziemlich bunte totale Paradiesvögel & absolute Charakterköpfe. Das fügt Khavn selber hinzu, ansonsten reicht Manila völlig als Hintergrund.

„Vom Tag deiner Geburt an kämpfst du ums Überleben, rackerst dich ab wie ein Pferd“

Voll in your Face ist die Story. Jede Figur ist ein Superfreak. Zentral ist eine Kinderbande. Ein Mitglied von dieser wird z.B. vorgestellt als Sohn eines amerikanischen Sextouristen. Der andere Gangmember ist eben das eingangs erwähnte rauchende Baby. Der Film erzählt dir: Es konnte rauchen, bevor es laufen konnte. Krass!
Khavns sehr mobile Handkamera nimmt dich dann mittenrein ins Gewusel und Elend. Nicht nur in die Straßen, sondern beispielsweise auch in die kleinen Hütten, in denen manchmal eine richtige Party läuft.
Das alles ist super interessant. Was der Film womöglich als Einziges nicht so gut hinkriegt, ist die eigentliche Handlung. Oft hat die nächste Szene nicht so wirklich viel mit der davor zu tun. Ganz selten mal wird ein wenig Geschichte erzählt. Unter Umständen läuft‘s auch so: Ein Raum, irgendwas geht ab, aber nach zwei Minuten (zum Szenenende) sind auch schon alle tot, die dort rumhingen! Die Figuren sind auch ein wenig austauschbar.a1_alipato_englisch.indd Der eine soll dann der Gangsterboss sein, aber könnte auch jemand ganz anderes sein. Das stört aber nicht wirklich! Eigentlich geht‘s viel um die Dynamiken der Gang untereinander, ihre Partys und ihr Austicken.

Alipato: anarchisch und improvisiert, dabei auch ein wichtiges Dokument. Und nicht zu vergessen ist Khavn Philippine. Scheint vielleicht nicht so wichtig zu sein, macht das Ganze aber dann doch ein wenig authentischer als deine übliche (von westlichen Journalisten gedrehte) Fernsehdokumentation. Man braucht einen etwas stärkeren Magen, aber dann ganz klar ein Tipp.

Robert

Titel: Alipato – The Very Brief Life of an Ember
Regie: Khavn
Laufzeit: 87 Min.
VÖ: 24.11.2016 (dt. Kinostart)
Verleih: Rapid Eye Movies

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