Absurd wie die Realität

Absurd wie die Realität

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On the set of the animated stop-motion film, ANOMALISA, by Paramount Pictures

Wenn Charlie Kaufman ein neues Drehbuch geschrieben hat, werde ich hellhörig. Verstärkt wird das Ganze noch, da er auch noch Regie führt. Er ist nämlich das Genie hinter Geschichten wie Being John Malkovich, Adaption oder Vergiss mein nicht. Dementsprechend hatte ich auch sehr hohe Erwartungen an Anomalisa. Vorher wissen muss man allerdings, dass der Film mit Puppen in Stop-Motion-Technik gedreht wurde. Außerdem wurde das Projekt bei Kickstarter mit einer Crowdfunding-Kampagne finanziert. Dafür haben sich die Filmmacher entschieden, da sie von der US-amerikanischen Filmindustrie unabhängig sein wollten. Bemerkbar macht sich das in der gleichzeitigen Originalität und Schlichtheit. Denn beides sind Attribute, die man Hollywood nicht gerade zuschreiben würde.David Thewlis voices Michael Stone in the animated stop-motion film, ANOMALISA, by Paramount Pictures

Protagonist Michael ist auf Geschäftsreise in den USA.Die Menschen im Flugzeug nerven ihn, der Taxifahrer auch und die Leute im Hotel erst recht. Doch als Brite behält er natürlich seine Manieren. Auch der Anruf bei seiner Frau und seinem Sohn heitert ihn nicht wirklich auf. Denn alle Personen sehen für ihn genau gleich aus und reden auch identisch. Bis er Lisa trifft, denn sie unterscheidet sich als Einzige von allen anderen. Am meisten fasziniert Michael ihre Stimme.

Zunächst klingt die Geschichte sehr banal und nach einem gewöhnlichen Drama. Doch als Zuschauer wird einem schnell klar, dass dies absolut kein normaler Film ist. Das auffälligste ist natürlich die Optik. Hier versucht Anomalisa zum Glück nicht, die reale Welt so gut wie möglich zu imitieren, sondern schafft seine ganz eigene. Die Puppen sind unglaublich detailliert und versetzen den Zuschauer mit Leichtigkeit in diese sehr liebevoll ausgearbeitete Modellwelt. Dass der Film eindeutig für Erwachsene ist, zeigt sich nicht nur am schwarzen Humor, sondern vor allem auch an viel nackter (Gummi)Haut und Sexszenen, die man mit echten Darstellern so nicht oft findet. Doch es wäre kein Charlie Kaufman-Film ohne das Bizarre. Von vorneherein sehen die Gesichter der Puppen wie aufgesetzte Masken aus und es gibt einige unerklärliche Szenen, die die gewöhnlich wirkende Handlung ins Skurrile abdriften lassen.ANOMALISADie Dialoge haben mich am meisten berührt. Sie haben mich peinlich berührt. Nicht etwa, weil sie so schlecht geschrieben waren, sondern weil sie so authentisch sind. Wenn fremde Menschen miteinander reden, gibt es oft unangenehme Stille oder aus Unsicherheit sagt man Dinge, die man lieber für sich behalten hätte. Genauso sind die Figuren in Anomalisa. Wenn Michael und Lisa sich unterhalten, gibt es kein Gut und Böse wie im Märchen, denn es sind Menschen, die sich annähern und versuchen sich kennenzulernen. Neben vielen Lachern wird der Zuschauer hier also auch oft dazu verleitet, sich die Ohren und Augen zuhalten zu wollen vor Scham, vor allen Dingen jedoch, weil man sein eigenes Verhalten in unangenehmen Situationen wiedererkennt. Erstaunlich finde ich dabei, dass man sich in diese Rollen hineinversetzen kann, ohne dass ich Sympathie für einen der Charaktere empfinden muss.ANOMALISA

Ich fasse zusammen: Charlie Kaufman, Stop-Motion-Technik und unabhängig von Hollywood. Die Erwartungen waren dementsprechend hoch und ich kann mich nicht entscheiden, ob diese erfüllt wurden. Anomalisa ist einfach so speziell, dass er sich in einem ganz anderen Universum befindet, als man es auch nur im Entferntesten erwarten könnte. Nämlich genau in unserer Welt. Er ist einfach erschreckend realistisch. Man schämt sich fast, dass man ähnlich denkt und redet wie Lisa und Michael. Doch dazu kommt noch das typisch Bizarre von Charlie. Außergewöhnlich ist der Film in jedem Fall und damit ein weiteres großes Kunstwerk des Drehbuchautors. Doch bekanntlich ist Kunst Geschmackssache. So ist Anomalisa nicht geeignet für den entspannten Samstagabend mit Freunden, trotz sehr vieler lustiger Sequenzen. Diese sind hier oft auch im Hintergrund versteckt und man muss sich auf diesen Film vollkommen einlassen können. Man sollte vor allem kein Feind der Stop-Motion-Technik sein. Wenn du aber skurrile Filme und Geschichten liebst, bei denen man sich den Kopf auch Tage danach noch zerbricht, solltest du Anomalisa aber auf keinen Fall verpassen.

Maurin

Titel: Anomalisa
Länge: 90 Minuten
Regie: Duke Johnson und Charlie Kaufman
VÖ: 21.01.2016
Verleih: Paramount Pictures

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