48 Stunden Neukölln – in der Retrospektive

48 Stunden Neukölln – in der Retrospektive

Wir haben uns für dich auf den Weg zu "48 Stunden Neukölln" gemacht, um herauszufinden, was es da womöglich alles so zu entdecken gibt. Und soviel vorab: Wir freuen uns jetzt schon auf nächstes Jahr!

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Pünktlich zur Eröffnung, also ca. eine Stunde nach der Eröffnungsrede der Oberbürgermeisterin Neuköllns, kommen wir an. Das Freilufttrinkerphänomen, das uns in diesem Bezirk besonders ausgeprägt erscheint, schlug natürlich erst einmal wieder zu.

Wir landen im Passagekiez, “Into the light” – Bilder, Licht- und Schatteninstallationen, eine Bar auf der Parkplatzterasse, die womöglich bald dem Klunkerkranich Konkurrenz macht. Weiter geht’s natürlich erst mal zielgerichtet zum nächsten Gib-Mir-Geld-Automat, in der Hoffnung, dass da kurz vor Ende des Monats noch genügend Schotter für das ein oder andere Flanierbier zur Verfügung steht.

SLEAZE - 48 Stunden Neukölln
Die Sonne ging unter, der Lautstärkepegel ging rauf

Bevor wir es zum Automaten schaffen, übermannt uns das tanzende Kind, das zur anscheinend interkulturell-jamaikanischen, hoffentlich nicht-frauenfeindlichen Dancehall-Band abgeht. Ohne wirklich ein Wort verstehen zu können, bewegen wir uns rhythmisch über den Alfred-Scholz-Platz. Immerhin tanzt der alte Mann im Anzug hinter uns ja auch schon.

Auf dem Weg ins weitere Unbekannte werden wir prompt beim Anblick eines Wahlplakats von einem der Neuköllner Parteivorsteher aufgehalten. (Für alle Unwissenden: Gemeint ist DIE PARTEI, die aus dem Satiremagazin Titanic entstanden ist.)

Wir bekommen einige Informationen, die wir mit kritischer Hinterfragung der Satirepartei natürlich nur halb ernst nehmen können. Wir verabschieden uns, nachdem wir ein paar Sticker, drei Kugelschreiber und ein paar Blumensamen geschenkt bekommen und wagen den Schritt zur nächsten Ausstellung nebst Spätkauf. Prompt werden wir auf den F*ck-AFD-Sticker angesprochen, den wir trotz Parteilosigkeit aus frivoler Laune heraus auf unseren Rücksack klebten. Wir werden gefragt, ob wir noch einen davon abzugeben haben und tun dies natürlich mit einem charmanten Lächeln. Begleitet wird dies mit einem kurz darauf erklingenden “Juhu” von einem der anzugtragenden Parteigenossen, der sich ebenfalls gerade durch die Masse wuselt.

SLEAZE - 48 Stunden Neukölln
Eine Leinwand für jedermann

Auf der anderen Straßenseite angekommen, sehen wir einen alten Mann mit Farbpalette in der Hand, der auf einer merkwürdig quadratisch aufgebauten schwarzen Wand malt. “Aus dem Schatten” heißt das Projekt. Einer der Organisatoren verrät uns, dass es darum geht, dass Leute ihren Schatten an die Wand zeichnen sollen, um diesen und sich selbst farbig zu verzaubern. Die Kinder hätten zwar erst die Farbe in die Hand genommen, aber seit es dunkler wird, trauen sich nun auch die Erwachsenen.

Die Sonne ist nun vollends weg, viele Türen stehen trotz des theoretischen Schlusses noch offen, also gehen wir auch hinein. Es gibt stylische Gemälde zu bestaunen, während merkwürdige Kurzgeschichten über die billige Baranlage ertönen. Zwischenzeitlicher Stopp auf einem Kinderspielplatz. Natürlich lassen wir uns dabei eine kreative Rutsche-Hochkletteraktion – inklusive Brandblase durchs anschließende Herunterrutschen – nicht entgehen. (Körpergrößenangepasstes Rutschen haben wir in den letzten 15 Jahren wohl verlernt.) Als uns dann noch ein Riesenhusky und ein Kind im Einhorn-Onesie über die Füße trampeln, denken wir, das reicht jetzt auch für den ersten Abend.

Samstag verschlägt es uns zu aller Anfang in einen Hinterhof im Elsenkiez. Ganz so fluffig wie am Vortag ist Schatten, das diesjährige Thema von 48 Stunden, hier nicht interpretiert. Es geht unter anderem um Kinderarbeit auf Kakaoplantagen, symbolisiert durch die Gesichter von namenlosen, ausgehungerten Achtjährigen aus Afrika auf den Verpackungen von Kinderschokolade. Ok, harter Tobak, da muss man erst mal schlucken. Noch in Gedanken versunken, werden wir herausgerissen, da keine 300m weiter auf einmal das Musikboot mit darauf befindlichem Live-Act und tanzendem Publikum vorbei schippert. Kurz winken und tanzen – weiter geht´s.

Ok, angekommen im Weserkiez. Langsam wird uns das Ausmaß des ganzen Events klar. Viele Menschen, alle auf der Straße, gefühlt alle Türen offen und verwirrend viele „ 48 Stunden Neukölln“-Banner. Wir sehen ein, dass wir nicht alles schaffen können. Kunst ist eben ein breites Thema und mehr oder weniger kann jeder Kunst betreiben. Das geht auch erst mal ohne (viel) Geld, wie uns diese anonyme Box zeigt.

SLEAZE - 48 Stunden Neukölln
So kann man auch Geld verdinen

Und überall geht eben auch – die nächsten Ausstellungen sind in einer Privatwohnung, danach in einer Werkstatt. Auch die Mittel, mit denen man künstlerische Ergüsse fabrizieren kann, sind nahezu grenzenlos. Ob nun Maschinenöl zur Tonerzeugung benutzt wird oder Tonträger wie Schallplatten zu Skulpturen und Bildern werden. Leider geht das nicht immer angenehm über die Bühne, wie uns beim nächsten Exponat klar wird.

SLEAZE - 48 Stunden Neukölln
Wir wisen auch nicht, was genau das mal war

Es steigt uns ein latenter (bei dem ein oder anderen durchaus auch Würgereiz auslösender) Verwesungsgeruch in die Nase. Die Ursache ist schnell gefunden. Ein Raum, der auch aus einem Splatter-Film sein könnte: tropfendes Gedärm, ein Tierschädel, der in ein wenige Tage zuvor noch lebendes Gewebe gepresst wurde. Und – warum auch immer – mit Plastikperlenketten garniert. Insgesamt ein ziemliches Gammelfleisch-Massaker. Laut der israelischen Kuratoren soll es daran erinnern, wie außerhalb unserer Aufmerksamkeit mit Tieren umgegangen wird.

Ok, nicht-mehr-hungrig und der festen Überzeugung, ab jetzt Vegetarier zu sein, zieht es uns an Schattenspiel-Käfigen vorbei zuürck auf die Straße. Schon wieder wird es dunkel. Voller Enthusiasmus sagen wir uns: “Morgen schaffen wir aber alle Kieze und geben den Blasen an unseren Füßen die Gelegenheit, eine neue Dimension zu erreichen!“.

Sonntag.

Elan trifft auf Kaltwetterfront.

Der Regen verjagt vielerorts das Publikum – und uns. Die Besucher des Jazz-Konzertes im Körnerpark und auch die Kunstinteressierten einer Ausstellung in einem versteckten, aber wunderschönen Gärtchen im Böhmischen Dorf suchen erst einmal trockenen Unterschlupf. Viele ziehen sich in die mit Kunst und Krempel behangenen Bars und Etablissements zurück. Auf das Draußen-herum-Laufen und wie ein begossener Pudel auszusehen und womöglich gar noch so zu riechen, hat gerade keiner Lust. Leid tut uns das allerdings nicht wirklich, wir haben bereits jetzt schon mehr gesehen, als wir uns eigentlich merken können.

SLEAZE - 48 Stunden Neukölln
Ein fröhlicher Sleaze – Redakteur

48 Stunden Neukölln war uns (wieder) ein Fest, das alle Sinne gestreichelt hat. Wir haben gefühlt, gesehen, gehört, geschmeckt und (leider auch) gerochen. Allerdings fällt auf, dass man ohne fotografisches Gedächtnis und eine marathonläuferähnliche Ausdauer keine Chance hat, alles mitzunehmen. Uns würde es auch nichts ausmachen, an mehr als einem Wochenende im Jahr Krimskrams, Kunst, Performance und die Kieze entdecken zu dürfen. (Da ist man auch weniger abhängig vom deutschen Wetter.) Kunst, Kauderwelsch aber auch echte Kulturkritik durften wir erleben. Nächstes Jahr definitiv wieder 48 !

 

Chris

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