Kool Savas lud am 4.Oktober 2011 zu einer sehr exklusiven Live-Präsentation seines neuen Albums AURA, das am 11.11.2011 erschienen ist. Wirklich alle, die im Musikjournalismus was zu melden haben, waren da. Da können wir selbstverständlich nicht weit sein. Also her mit den großen goldenen Kreolen, weg mit den High Heels und rein in die Air Max 1! Ja okay zugegeben, High Heels hatte ich am Ende trotzdem an. Das würde ich später noch bereuen. Die Erwartung, dass die Presse sitzen darf, vor allem ich mit meinen hohen Hacken, konnte ich mir schön abschminken.
Das war spätestens klar, als ich in den sehr edlen Raum im Berliner Hotel Sofitel am Gendarmenmarkt gewackelt kam, der wie ein kleiner Konzertraum hergerichtet war. Jetzt irritierte nur noch das Rednerpult, das auf der Bühne stand. Steht KING Kool jetzt gleich allen Ernstes am Pult und predigt das neue Album zum Volk herunter?! So hört sich das wirklich komisch an, aber der Gedanke war dermaßen absurd, dass es schon wieder gut wäre. Selbstverständlich kam das nicht so. Das Pult nutze Visa Vie, um eine Laudatio auf den King of Rap zu halten. Schon allein die Zeitspanne, die sie über Kool Savas redete zeigte, dass ich mich nach dem Konzert in die Notaufnahme bringen lassen müsste, um mir die verdammten Schuhe operativ entfernen zu lassen.
Endlich kam Kool Savas auf die Bühne und präsentierte Teile seines dritten Soloalbums. Ein gut gehütetes Geheimnis, das bis zu besagtem Abend nicht mal die Ohren der Pressemeute berühren durfte. Aber dann war’s so weit. Ich würde euch ja gerne wiedergeben, in welcher Reihenfolge er die verschiedenen Tracks des neuen Albums spielte, aber Aufnahmegeräte und Fotokameras waren strikt verboten. Und meinen Notizblock konnte ich nicht mit Infos füllen, weil ich beschäftigt war mit dancen, klatschen und ausrasten. Bei aller Coolness musste ich spätestens zu diesem Zeitpunkt eingestehen, dass ich schon seit ewig und drei Tagen Kool-Savas-Fan bin.
Ein paar Tage nach dem kleinen exklusiven Pressekonzert waren die Interviewtermine angesetzt. Ebenfalls im Sofitel am Gendarmenmarkt, wo uns Savas empfangen würde. Bevor ich mit meinem Termin an der Reihe war, war es möglich, in das neue Album reinzuhören. Was glaubt ihr wohl, wie ich es fand? Genau. Es ist der Knaller! Nicht das es mich nicht noch nervöser machte, AURA auch noch gut zu finden. Ich möchte wetten, sowohl David, der mich zu Savas brachte, und auch Savas selbst konnten just in diesem Moment mein Herz durch das T-Shirt schlagen sehen. Bloß NICHT stolpern. Geschafft. Ich sitze auf dem Sofa. Selbstverständlich nach einer sehr höflichen Begrüßung. Also seinerseits. Was ich getan habe, ist an mir vorbeigegangen, ich war schließlich damit beschäftigt, sicher zum Sofa zu gelangen.
Unser Interviewtermin war am zweiten Tag der beiden Promo-Tage. Das bedeutet, der King of Rap beantwortet zum 100sten Mal die gleichen Fragen über das neue Album AURA, das am 11.11.2011 erscheint. Um den Mann nicht zu Tode zu langweilen, verwerfe ich kurzer Hand meine Fragen und eröffne ihm mit folgendem Satz, was in der nächsten halbe Stunde passieren wird: „Wir zwei reden jetzt nicht über Hip Hop und das neue Album. Ich möchte wetten, dass die anderen, die heute und gestern schon da waren, all wichtigen Details berichten und veröffentlichen werden. Ich bin eigentlich nur hier, um dich zu fragen, ob du mit mir mal bei Nacht durch die Stadt cruisen möchtest. Ich bin nämlich der Meinung, dass Musik erst richtig cool ist, wenn man sie laut im Auto hört.“ Ja, genau so habe ich das zu dem King of Rap gesagt. Falls er bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, wo und wann man am besten Musik hört, wusste er es jetzt. SLEAZE erklärt allen Unwissenden gerne die Welt. „So machen wir das.“ Gesagt, getan. Die restliche Zeit unseres Interviewtermins verbrachten wir damit, über Gott und die Welt zu plaudern. Aber eben nicht über sein neues Album.
Das Cruisen
Nicht selten versprechen Menschen Dinge, die dann leider nicht in Erfüllung gehen. Aber dazu gehört Savas nicht. Ungefähr eine Woche später haben wir uns zum Cruisen getroffen. Selbstverständlich wäre ich davon ausgegangen, dass wir uns mit meiner bescheidenen Mühle durch den Feierabendverkehr Berlins petzen. Aber es kam anders. Trotz Erkältung rollt Savas in seinem beeindruckenden Gefährt heran. Wir steigen ein. Nicht das ich wüsste, in was ich da gesessen habe, aber eins weiß ich ganz sicher: Wenn ich groß bin, möchte ich das auch haben! Allein die Anlage in dem Auto hat wahrscheinlich mehr Bums als mein gesamtes Auto. Also hoch die Lautstärke und die Massagefunktion in meinem Beifahrersitz!
CoCo: „Und dann kam Essah“. Wie treffend, mit dem Track anzufangen. Also erklär bitte mal, um was es geht.
Savas: In dem Track erwähne ich ein paar Menschen, die in meinem Leben präsent waren und Dinge, die passiert sind. Vor meiner Zeit klang Deutsch-Rap ganz anders…und dann kam Essah. Quasi der Wendepunkt zum Guten. Den Track könnte man zum Beispiel mit „Previously on Breaking Bad“ vergleichen. Ein Rückblick, der zeigt, was bis hier her passiert ist in der Serie. Ich erkläre einfach, was bis heute wichtig war in meiner Karriere.
Außer der Tracklist haben die Fans noch nichts von dem Album mitbekommen. Bis zum 11.11.2011 bleibt alles unter Verschluss bis auf die Presse die kurz ins Album hören durfte und an dem Pressekonzert teilnehmen durften. Dort hast du auch den Track AURA performt, bei dem Xavier Naidoo dabei ist. Den könnten wir kurz hören.
In dem Track singt Xavier relativ wenig, aber ich mag ihn sehr gern.
Wenn er so wenig singt, hättest du das nicht kurz selbst einsingen können?
Singen kann ich so was von gar nicht. In dem Track „Die Stimme“ geht’s zum Beispiel darum, dass ich mit meiner Stimme früher überhaupt nicht klar kam! Viel zu hell. Die Mädels fanden das zwar süß, aber wer will denn immer süß sein?
Der Track AURA steht und fällt mit den Streichern. Wie kam das zustande?
Das hat mein Engineer und DJ Sir Jai gemacht.
Wäre es nicht cool gewesen, wenn das ein echtes Orchester eingespielt hätte?
Ja, auf jeden Fall. Da haben wir auch drüber nachgedacht. Aber dafür müsstest du richtig Geld in die Hand nehmen.
Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Xavier? Glaubst du, dass der Kool Savas vor fünf Jahren auch Xavier Naidoo für eine Zusammenarbeit dazu geholt hätte?
Ob Xavier früher hätte dabei sein können? Keine Ahnung, aber es ist gut, dass er es jetzt ist. Wir haben angefangen, an unserem gemeinsamen Album zu arbeiten. Ein Track davon ist auch auf AURA schlussendlich gelandet. Die Hälfte des Albums ist schon fertig.
„Nichts bleibt mehr“ ist ein sehr persönlicher Song. Erklär bitte, was wir jetzt gerade hören.
Das Gedicht, mit dem der Track anfängt, ist von meinem Vater. Er spricht es auch selbst auf der Platte. Er hat es mir damals geschrieben, als er in der Türkei in Gefangenschaft war. Das, was er schrieb, wurde selbstverständlich immer kontrolliert, deshalb hat er mir mit diesem Gedicht quasi eine geheime Botschaft geschickt. Und das ist der Track, auf dem der Scala Chor mit dabei ist.
Das hast du bei dem Konzert im Sofitel auch ein paarmal erwähnt. Siehst du das als Highlight?
Natürlich ist das ein Highlight. Das ist was ganz Besonderes. Diese Zusammenarbeit gab es in der Art noch nie. Ich feier’ diesen Chor schon seit 2 bis 3 Jahren und ich hätte nicht erwartet das wir es hinbekommen, dass der Chor tatsächlich auf dem Track ist.
Lass mal bitte den Track hören, in dem der Chorus „The Message“ von Grandmaster Flash zu hören ist.
„King of Rap“ meinst du. Das ist der absolute Spaßtrack und ich nehm’ ziemlich viel auf die Schippe. Ein Partysong. Mit dem Song hab ich einen Track, der gut für Live-Auftritte ist und den jeder kennt und auch eine Hommage an Hip Hop.
Wenn du die Möglichkeit hättest ein Album zu produzieren, das völlig frei davon ist, was die Leute hören möchten, erwarten oder die Verkaufszahlen steigern würde, würde es sich dann sehr von AURA unterscheiden?
AURA ist genau das, was ich machen würde, wenn ich Bock habe, Mucke zu machen. Darüber nachgedacht, ob sich das Album nun verkauft oder nicht, habe ich keine Sekunde. Kommerzieller Erfolg war oder ist nicht mein Ziel mit AURA. Der Song King of Rap ist der einzige, der diesen Vibe hat. Alle anderen habe ich in einer leicht aggressiven, melancholischen Stimmung geschrieben. In dem Moment, in dem du einen ansatzweise melodiösen Beat nimmst und irgendetwas in dem Song ist, das in den Köpfen hängen bleibt, dann hast du eigentlich schon einen massentauglichen Song. Wenn der Beat dann auch noch tanzbar ist, klingt die Mucke eher Plastik.
Plastik?
Na, dann klingt die Mucke so Black-Eyed-Peas-mäßig. Weißte?
Ah ja, ok! Und warum rappst du da über einen Penis? (Hihihihihihihihi ich hab tatsächlich vor Kool Savas Penis gesagt)
„Weiber zittern, als hätten sie King Kongs Schwanz gesehen.“ Das ist ne ganz allgemeine Aussage und nicht auf mich bezogen. Ist doch witzig. Und jetzt hören wir einen Rap Song. Der heißt „Stampf“.
Man hört ja ständig, dass du der beste Rapper überhaupt bist. Ist „Stampf“ ein Beweis dafür?
Wo hört man das denn?
Na überall. Die Juice widmet dir mit Sicherheit nicht eine ganze Ausgabe, weil du gutes Mittelmaß bist. Und ganz nebenbei ist es ja auch nicht so, dass wir uns mit jedem dahergelaufenen Rapper zum Cruisen treffen.
Ok, bei dem Track gerade hättest du hören müssen, dass das die totale Skill-Attacke war. Konntest du das nachvollziehen?
Skill-Attacke? (Auf diese Frage herrschte langes Schweigen. Sehr langes Schweigen……Schweigen.)
Das war ein Angriff auf höchst technischem Niveau.
Was zeichnet denn eine Skill-Attacke aus? Sehr schnelles Reden? Dann wäre ich der übertrieben krasseste Rapper der ganzen Welt.
Es geht nicht darum, schnell zu reden. Du hörst die Reime, die gezielt gesetzten Wörter, was ich damit sage und dass ich Lines und gute Sprüche habe… du verstehst das nicht.
Belassen wir es einfach dabei, dass ich mit Sicherheit ein genauso guter Rapper oder „Rapöse“ wäre wie du. Da wir also das schon gemeinsam haben, würde es mich auch interessieren, ob du so außergewöhnlich gut schreiben kannst wie……äh ich. Du schreibst schließlich Hits. Hast du generell Talent zum Schreiben?
Texte über einen Beat zu schreiben ist was völlig anderes als einen Artikel zu schreiben. Ich habe ein paar Mal Reviews für Magazine geschrieben. Ich war damit nie super zufrieden. Manche mochten das, was ich schreibe, aber ich hatte das Gefühl, dass es aufgesetzt wirkt. Voll geschwollen. Gehen wir jetzt was essen?
Klar. Also gehen wir was essen!
Abschließend würde ich wirklich gerne das über Savas schreiben, was ein richtiger Hip Hopper über sich lesen und hören möchte. Den Gefallen kann ich seinem Management und Kool Savas leider nicht tun. Er erfüllt nicht im Ansatz das, was ich erwartet hätte. Aber was erwartet man denn eigentlich von einem Mann, der im Jahr 2000 „Lutsch meinen Schwanz“ rausgebracht hat und heute von King Kongs Schwanz rappt?!
Ist völlig egal, was du oder ich von dem King of Rap erwarten. Getroffen haben wir auf jeden Fall einen unfassbar sympathischen Mann, der vor Energie und Leidenschaft für die Musik keine Sekunde still sitzen kann. Wenn er irgendwann sein Talent fürs Schreiben doch für Artikel gebrauchen möchte, ist bei uns ein Redaktionsstuhl für ihn frei.
Danke Savas! Danke David! Danke Christoph! Derbes Ding…..! Sagt man doch so oder?
Fotos by Christoph Wehrer für SLEAZE
Das Interview führte Coco Meurer für SLEAZE


