(zu finden in Heft 24, Seite 10)
Der Public Eye Award wird alljährlich an besonders profitgeile Unternehmen verliehen, die einen Scheiß auf Menschenrechte, Umweltschutz oder Gesundheit ihrer Kundschaft geben. Der Andrang war groß, aber auch dieses Jahr kamen nur sechs Bewerber in die Endausscheidung. Und am Ende konnte sich eine „Bio“-Firma besonders freuen.
Ein Schweizer Stromversorger, der vorgibt, seine Kunden besonders „grün“ mit Saft zu versorgen. Dabei schwört das Unternehmen auf Atomkraftwerke, welche selbstverständlich absolut saubere Energie herstellen. Eine erstaunliche Leistung, wenn man bedenkt, dass die dafür bezogenen Uran-Brennstäbe aus einer der verseuchtesten Gegenden der Welt überhaupt stammen! Majak heißt die Wiederaufbereitungsanlage in Russland, die auf den Zuliefererlisten ganz oben stand – natürlich nicht auf den offiziellen Listen. In Majak werden Brennstäbe aus Atom-U-Booten neuverwertet. Das dazu verwendete Abwasser geht direkt in den umliegenden Fluss oder wird unter freiem Himmel gelagert.
Ein bisweilen eher unbekannter Hersteller für dafür umso klangvollere Namen der Edel-Gadget-Branche, wie Apple, Nokia, Nintendo und etliche mehr. Nach mindestens 18 Selbstmorden unter der Belegschaft ist Foxconn mittlerweile auch selbst zu Ruhm und Beachtung gelangt. Dumpinglöhne plus unmenschliche Bedingungen (bei jedem Toilettengang wird man gefilzt, Überstunden sind Standard) scheinen dem ein oder anderen dann doch aufs Gemüt geschlagen zu haben. Der chinesische Konzern, der mit 900.000 Mitarbeitern der größte Elektronikzulieferer ist, reagierte wie folgt: Lohnerhöhung von 900 auf 1200 Yuan (das Existenzminimum des Landes liegt aber bei etwa 1650) und maximal 80 Überstunden pro Kopf und Monat.
Der Bergbauspezialist aus Südafrika weiß, dass nicht alles Gold ist, was glänzt. Zumindest sind die Abfälle, die bei Gewinnung des Inbegriffs von Reichtum entstehen, alles andere als goldig. Allerdings juckt das AngloGold Ashanti nicht die Bohne und lagert toxische Abfälle in Seen, die ihre tödliche Stoffe an umliegende Flüsse und Brunnen weitergeben und von dort in die Kehlen zahlloser Dorfeinwohner gelangen und darüber hinaus Anbaufelder kontaminieren. Offiziell bemüht man sich natürlich, die Umweltverschmutzung zu stoppen, nur der Erfolg lässt bisweilen auf sich warten. Ebenso gilt auf dem Abbaugelände verschärfter Schießbefehl und „verdächtige“ Arbeiter müssen mit Folter rechnen.
Als Tabakproduzent sieht man seit jeher die Gesundheit der eigenen Kunden (und deren Umwelt) als entbehrlich an. Philip Morris genügt dies aber nicht, sondern will auch das Leben von Millionen von Uruguayern. Das kleine südamerikanische Land hatte ein vorbildliches Gesundheitsgesetz verabschiedet, welches Anbieter dazu verpflichtet, auf den Zigarettenpackungen einen Warnhinweis zu platzieren, der 80 % der Fläche abdeckt. Philip Morris schmeckt diese und andere Verschärfungen nicht und missbrauchte ein Investitionsschutzabkommen zwischen der Schweiz und Uruguay aus den 80ern, um das Land dazu zu zwingen, die Gesetze zu lockern.
Am 20. Mai 2010 ging mit der „Deepwater Horizon“ eine Tiefsee-Bohrinsel von BP im Golf von Mexiko hoch. Dieser tragische Bumm kostete elf Menschen das Leben. Dass das Öl-Leck aber erst 87 Tage und 800 Millionen Liter Öl später geschlossen werden konnte, bedeutet für Abertausende Meeresbewohner den qualvollen Tod – und das wohl noch auf Jahrzehnte hin. Diese Konsequenzen schlagen selbstverständlich allen Mitgliedern der Nahrungskette ins Gesicht, in erster Linie den Anwohnern der Küstenregionen des Golfs von Mexiko. BP hat sich mehrfach für den Vorfall entschuldigt, buddelt aber unterdessen in Alberta, Kanada im Teersand nach Öl – die wohl schmutzigste Art, Öl zu fördern. Diesmal pokert BP um das örtliche Grundwasser.
Es war knapp, aber am Ende hatten die Finnen die Nase vorn. Gratulation zum Public Eye Award 2011! Neste Oil hat sich diesen durch feinsten Bio-Diesel eingeheimst. Bio-Diesel, das klingt erst einmal geil und genau darauf setzt der Konzern, bietet fleißig „Neste Green Diesel“ an. Allerdings fordert die dahinter stehende Palmöl-Produktion massig an Flächen. Flächen, die durch radikale Rodung von Regenwald in Indonesien, Malaysia und anderswo geschaffen werden. Und Neste Oils Hunger nach Palmöl ist gigantisch. Das Kerosin-Geschäft lockt, Lufthansa und Finnair wollen beliefert werden. Nur unzählige Tiere, Einwohner und natürlich die doofen Urwälder stehen im Wege – aber nicht mehr lange!
In diesem Zusammenhang stellen wir noch kurz die Top 10 der dreckigsten, aber sicherlich günstigen Reisezielen vor:
Dserschinsk, Russland
Hier wurden zu Zeiten des Kalten Kriegs Chemiewaffen produziert. Unter anderem finden sich immer noch Rückstände an Blei, Sarin, VX und Lewisit in Boden und Wasser der Region. Zirka 300.000 Einwohner können sich an diesen Stoffen bei Bedarf (oder auch mitunter unfreiwillig) laben.
Kabwe, Sambia
Bis 1994 wurde hier fleißig Blei gefördert. Es gab keine Auflage und entsprechend rumgesaut haben die Bergbaugesellschaften. Boden und Wasser sind immer noch ordentlich von Blei kontaminiert. Zu trinken bekommen das derzeit ungefähr 255.000 Einwohner.
La Oroya, Peru
Wer lieber nach Südamerika reist, muss auch dort nicht auf die Dosis Blei verzichten. In La Oroya wird immer noch gefördert. Blei, Kupfer, Zink, aber auch Silber und Gold. Klar, dass da auch einige unschöne Stoffe in Luft und Boden geraten. An saurem Regen mangelt es hier jedenfalls nicht. Einzugsgebiet: 35.000 Einwohner.
Linfen (Shanxi Provinz), China
Fans von Pauschalreisen bekommen in Linfen ein ordentliches Gesamtpaket. Mannigfaltige Industriebetriebe sorgen hier für nicht unerhebliche Mengen an Feinstaub, Arsen, Schwefeldioxid, Kohlenmonoxid und natürlich auch Blei in Luft und Wasser. Immerhin wissen dies schon satte 3.000.000 Einwohner zu schätzen.
Norilsk, Russland
Nickel ist hier das Element der Begierde. Und wenn man Weltmarktführer sein will in Sachen Rohstofflieferant, bleibt es nicht aus, dass die Umwelt ein wenig in Mitleidenschaft gezogen wird. Viele Kilometer Natur sind hier im schicken schwarz eingefärbt. In Luft, Wasser und Boden gibt es Kupfer, Blei, Cäsium-137 und mehr für mindestens 134.000 Menschen.
Sukinda (Orissa), Indien
Für die Langweiler unter den Schadstoff-Touristen. Hier gibt es eine der größten offenen Minen der Welt. Zwölf Chromerz-Minen arbeiten Tag ein, Tag aus für die Wirtschaft – und gegen die Umwelt und Gesundheit der Anwohner. Außer 60 % Chrom im Trinkwasser, gibt es für die 2.600.000 Menschen hier aber kaum was ähnlich schädliches zu trinken, wie öde!
Sumqayıt, Aserbaidschan
Hier findet sich eine Hochburg an Chemieabfällen, die durch die Produktion von Gummi, Aluminium, Reinigungsmittel und Pestizide entstehen. Für umliegende Luft, Boden und 275.000 Menschen ist die Versorgung mit Quecksilber, Erdöl und Kohlenstoff gesichert – ebenso wie hohe Krebsraten und Sterblichkeit.
Tianying, China
Der Bergbau hier liefert zirka die Hälfte der Bleierz-Förderung von ganz China. Die dabei verwendeten veralteten Technologien und fehlende Umweltauflagen sorgen dafür, dass Luft und Boden auch Blei satt bieten. 140.000 Chinesen bedanken sich mit hohen Raten an ausgeprägten Hirnschäden und andere Behinderungen.
Tschernobyl, Ukraine
Der Pionier der Super-GAUs ist auch heute immer noch die übelste Müllkippe an Schadstoffen. Uran, Plutonium, Cäsium-137 und andere radioaktive Metalle tun hier nach wie vor ihr Werk. Ursprünglich lebten in dieser unwirtlichen Gegend mal 5.500.000 Menschen.
Vapi (Gujarat), Indien
Über 1000 Fabriken stellen hier Textilien, Bleichstoffe, Farben, Pestizide und vieles mehr her. Die Chemikalien und Schwermetalle wandern in rauen Mengen in die Umwelt, da Abfälle nicht anderweitig entsorgt werden. Durch Wasser, Luft und Boden werden 71.000 Einwohner kontaminiert. Diverse Krebsarten sind hier keine Seltenheit.
Pascal Scheib






