Models haben dünn zu sein. Sonst wird das nix im Buisiness. Finden wir gesellschaftspolitisch alle ganz schlimm. Nicken aber zustimmend, wenn Heidi Klum Kanditatin Soundso für ihre Unförmigkeit und Ihre Fettpölsterchen kritisiert („Ein Topmodel muss immer an ihrem Körper arbeiten“), kurz bevor sie in dieser Woche leider kein Foto bekommt.
Wir verurteilen den sogenannten Magerwahn, schauen’s trotzdem gerne an, sind irgendwie seltsam neidisch und ärgern uns dabei über unsere eigenen, furchtbar unattraktiven Körper.
Alles nichts Neues.
Deshalb wären wir auch nie auf die Idee gekommen, über Hunger, Figurprobleme, mangelnde Jobs und interessanterweise auch über Geld im Modelgeschäft zu schreiben. Bis uns mal eine, die von Size Zero zu Plus-Size wurde, aus dem Nähkästchen erzählt hat.
Nur vorweg, uns als Moderedakteurinnen ist ziemlich egal, wie dünn du bist, wie breit deine Oberschenkel sind oder wie groß deine Möpse. Hauptsache, du weißt, was du tust, und siehst auf den Fotos großartig aus. Und das hat mit dem Gewicht recht wenig zu tun. Wie wir erst vor ein paar Wochen wieder einmal erleben durften.
Ira lernten wir bei unserem Bademodenshooting vor einigen Wochen kennen. Weil uns die ewig dünnen und gleich aussehenden Models so langsam wie Brokkoli zu den Ohren rauskamen, waren wir bei ihren Fotos von Anfang an verliebt. Um in Kategorien zu sprechen: Ira ist ein Plus-Size-Model.
Und als sie dann im Studio stand, haben wir uns kaum noch eingekriegt. Eine Haut, die ich als Mantel tragen würde, wunderschönes Gesicht, Konfektionsgröße 42/44, und dabei galanter als die meisten Zahnstocher-Models zusammen. Jedes Foto eine neue Pose (und die sitzt), da werden die feuchten Träume eines jeden Fotografen und Art Directors wahr.
Wie wunderschön Ira aussieht könnt ihr in unserer aktuellen Bademodenstrecke sehen…und sabbern vor Neid!
Und während wir in der Pause unsere Eiskugeln schleckten und zuckerhaltige Limonade süffelten, kamen wir ins plaudern. Dabei erzählte uns Ira, dass sie nicht immer als Plus-Size-Model, sondern lange Zeit als „normales“, also dünnes, Model gearbeitet hat.
Während sie nach dem Abi zunächst bei McDonalds für 6,13 Euro die Stunde geschuftet hat, bekam sie über eine Bekannte Kontakt zu einer Modelagentur. Einfach mal auf gut Glück ein paar Porträt-Schnappschüsse und Bikini-Bilder aus dem Urlaub hingeschickt. Mal gucken, was geht. In schönen Kleidern vor der Kamera zu stehen, ist allemal besser als fürn Appel und ein Ei Burger zu wenden.
Sie wurde genommen. Unter der Bedingung, ein paar Kilo abzunehmen. 
Sie nahm ab, das Modelleben begann, und Ira machte tatsächlich eine ganze Menge Jobs. Für Designer, für Fotografen, für Werbung. Allerdings ohne oder gegen verschwindend geringe Bezahlung.
Das Spiel ist immer das gleiche, vor allem in kreativen Berufen, und bei Models vor allem bei s.g. „New Faces“. „Tut uns leid, wir können leider nicht zahlen (auch wenn WIR damit ‘nen ganzen Haufen Geld verdienen), ABER das ist doch SUPER für dein Portfolio!!!“
Sollte umgehend zum Unsatz des Jahrzehnts gewählt werden…
Rückblickend empfindet Ira diese Zeit als Ausbeute, auch wenn sie zeitweise mehr als bei Mäcces verdienen konnte. Quasi für Ruhm und Ehre statt für ein Essen auf dem Tisch arbeiten. Aber so bleibt man wenigstens dünn!
Denn Hauptsache, man bleibt unter den 90-60-90, dass denkt man nicht nur selbst, es sagt einem auch einfach jeder. Wie das geht? Wenn man es wie Ira und zahlreiche andere Models macht, verschiebt man die eigene Wahrnehmung so lange durch striktes Diät halten, fasten, hungern, wie man das auch immer nennen mag. Und irgendwann ist man der festen Überzeugung, eine Coke Light wäre eine vollwertige Mahlzeit. Da müssen 500 bis 600 Kalorien am Tag schon reichen. Irgendwann hat sie überlegt, wieviel Kalorien der zuckerfreie Kaugummi hat, erzählt sie uns, die Hanuta-Reste noch im Mund.
Dass sie die einzige im Geschäft ist, die nicht geburtsgegeben spindeldünn war und essen konnte, was sie wollte, hält sie für ein Gerücht.
Klar gibt es sicher auch Mädchen, die von Natur aus dünn sind, räumt sie ein, aber die gehören ganz sicher der Minderheit an. Der Rest wird sicher mit leerem Magen zum Set kommen. Im Endeffekt wird ja schon Konfektionsgröße 38 als eine unheilbare Krankheit behandelt.
Irgendwann wurde Iras Körper der Zirkus dann zu bunt, und er begab sich in Streik. Das sah so aus, dass trotz tagelangem nichts-mehr-Essen die Zahlen auf der Waage nach oben gingen.
Ein Apfel – ein Kilo.
Die Kilos brachten ‘Weiblichkeit’ (Hüftumfang lag damals bei 92 cm…) in Iras Körper, und die brachte Buchungen von Werbekunden. Der Kunde jubelte und war sehr zufrieden. Nach dem Shooting schickte ihr der Fotograf ‘seine’ Version des Bildes. Der Körper mit Photoshop fast halbiert, außer dem Busen und den Waden, die waren grotesk aufgepumpt. Dazu der Kommentar, das Bild solle doch vielleicht als Anreiz dienen, an ihrer Figur zu arbeiten.
Sowas zieht seine Kreise. Kurze Zeit später meldete sich Iras Agentur, um ihr zu sagen sie sei zu fett geworden und solle entweder abnehmen, oder sie würde gehen müssen.
Da reichte es Ira endgültig. Sie kehrte dem Job den Rücken zu, und begann, sich wieder normal zu ernähren. Das ist nach so langer Zeit aber einfacher gesagt als getan. Wer ewig ein sehr niedriges Maß hat, dessen Körper bekommt selbst bei normalen Mengen Probleme, wenn alte Diät-Regeln nicht mehr gelten.
Obwohl sie schnell relativ viel zunahm, räumte Ira ihrem Körper das Recht ein, endlich mal Ruhe zu haben. Die Kilos setzten sich, das Leben ging auch ohne Modeln weiter, zumal ihr Umfeld sehr positiv auf die Gewichtszunahme reagierte.
Es kam der Tag, da lief sie einem von früheren Zeiten bekannten Fotograf über den Weg. Auch er war begeistert von ihrer Figur plus der damit gekommenen Ausstrahlung und meinte: Du strahlst so, was ist passiert? Er empfahl Ira auch gleich, es mal mit dem Plus-Size-Modeln zu versuchen, etwas, von dem ihr gar nicht bewusst war, dass es das als eigenes Berufsfeld gibt.
„Dann,“ erzählt sie, „habe ich mich bei meiner jetzigen Agentur Brigitte Models per Mail beworben und innerhalb von 10 Minuten eine Zusage bekommen. Das ist nun 2,5 Jahre her. Seitdem läuft es super, ich bekomme viel bessere Jobs/Kunden, arbeite und verdiene auch mehr Geld. Und das wichtigste: Ich hab wieder Spaß am Leben und am Job!“
Klar kommt es auch als Plus-Size-Model mal zu kuriosen Situationen. Beispielsweise muss Ira darauf achten, nicht abzunehmen, weil sonst die Kunden schnell meckern, man sehe zu dünn aus.
Absurd wie die Bitte, abzunehmen, aber wenigstens nur ein temporärer Kampf mit den Kilos.
Wenn man sie fragt, ob sie irgendetwas an ihrem Weg bereut, lächelt sie und sagt:
„Dass mich meine alte Agentur damals rausgeschmissen hat, war wirklich das Beste, was mir passieren konnte. Wenn ich die Mädels heute mit ihrer Coke Light in der Hand sehe, tun die mir einfach nur leid. Es gibt auch ein Leben nach Konfektionsgröße 38.“
Und die Moral von der Geschichte? Eigentlich müssten sich jetzt all die dünnen Models, die mit brotlosen Jobs durchs Leben eiern, bei Burger King treffen und „Get Fat“-Parties feiern. Denn nicht nur, dass das Leben ein wenig entspannter ist, wenn man WIRKLICH essen kann, was man will, da lässt sich auch noch richtig Geld verdienen! Und mit Sicherheit noch mehr, wenn es sich visuell etabliert, dass nicht jedes Model unter 90-60-90 liegen muss, um Kracher auszusehen.
Ich würde sagen: Ran an den Speck, Mädels!
Anna Motz
