Tattoos aus’m Schmalz

Published on April 28th, 2011

„Oh mein Gott, du siehst ja aus wie ein Knasti“ durfte sich eine Freundin unlängst von ihrer Mutter sagen lassen. Der Grund für die charmante Bezeichnung: Ihr Tattoo im Innenarm, bestehend aus einem geschnörkelten Schriftzug und einer lila-pinken Blümchenranke.

Eigentlich eine schwer vorstellbare Situation in Zeiten, in denen der Coolness-Grad des Tätowierten exponentiell zur farbigen Masse steigt und selbst die hässlichsten Uschis auf Titelblätter kommen, nur weil sie großflächig getintet sind. Aber jeder von uns der älter als 22 ist wird wissen, dass dem nicht immer so war.

Schon in den Jahren vor dem Novemberprogrom 1938, bei dem nahezu der gesamte Bestand deutscher Tätowierliteratur in Rauch aufging, waren Tätowierungen plötzlich nicht mehr Privileg des Adels. Sie wurden zum Stigma der Gesetzlosen, des Untergrund, der Kriminellen. Entsprechend waren die Reaktionen auf Träger und Motive. Weniger „Boah geil, darf ich mal gucken… Wer hat denn das gestochent?“, mehr, „Oh, bevor der Assi mich überfällt wechsle ich mal lieber die Straßenseite“.

Das Gefängnis-Tätowierungen nur wenig mit dem heutigen Lifestyle-Tattoo gemein haben wird besonders deutlich, wenn man die fotografische Arbeit „Fürs Leben gezeichnet. Gefängnistätowierungen und ihre Träger“ von Klaus Pichler betrachtet.

Statt junger Hipsters, deren sauber gestochenen Hautbildchen suggerieren „Guck her was für ‘ne harte Sau ich bin“ zeigt er, von wem der Großteil der Tattoos die letzten 50 Jahre tatsächlich getragen wurde: von den WIRKLICH harten Säuen.

Dreckige, verwaschene Motive mit Bedeutung, statt Hochglanztattoos mit Rockstar-Attitude, deren einzige Symbolik die Coolness sein soll, die aus Ihnen erwächst.

Sieben Jahre hat sich der Fotograf auf die Suche nach Menschen gemacht, deren Hautbilder Geschichten über ein Leben hinter Gittern erzählen. Neben Fotos finden sich in seinem Buch auch Hintergrundinfos zur Thematik und Auszüge aus den Gesprächen, die Klaus Pichler mit den ehemaligen Insassen geführt hat.

Besser als jedes Tattoomagazin, garantiert.

 

Anna Motz

 

http://www.kpic.at/

 

 

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