„Ich träume auf Deutsch, aber Musik ist für mich erst mal Englisch!“
Joy Denalane ist auf Promo-Tour für ihr neues Album Maureen und spricht mit uns über Liebe, Rassismus und kurz auch über Max Herre.
Liebe, Liebe und nochmal Liebe. Dein neues Album ist eine Ode an das Schönste und manchmal leider auch das Schlimmste der Welt. Mir hast du auch schon über Liebeskummer geholfen. Bist du dir bewusst, dass du Menschen mit deiner Musik hilfst oder ihnen nahe bist?
Eigentlich nicht. Ich glaube zu wissen, dass für viele Menschen Musik eine Projektionsfläche ist. Jeder von uns war schon an einer Schwelle im Leben, an der man sich verändern möchte, und vielleicht fehlt noch der letzte Kick. Manchmal bietet Musik genau in solchen Situationen das, was der Mensch in dem Moment braucht, um den letzten Schritt zu gehen. Darüber bin ich mir selbstverständlich im Klaren. Musik kann unter Umständen sehr mächtig sein.
War Liebe für dich ein großes Thema zu der Zeit, als du das Album geschrieben hast?
Definitiv: Ja. Aber ich habe die Platte erst als Ganzes verstanden, als sie komplett fertig war. Du hängst während des Entstehungsprozesses in diesem „Trackbusiness“ fest. Das heißt du gehst von Track zu Track zu Track und irgendwann kompilierst du deine eigene Platte. Du bekommst erst dann ein Bild von dem gesamten Werk. Zu diesem Zeitpunkt habe ich erst gemerkt, dass ich mich sehr viel mit Liebe auseinandergesetzt habe. Ich hatte also nicht anfänglich den Gedanken: „So, die nächste Platte wird ausschließlich von Liebe handeln.“ Es hat sich so entwickelt, und es war mir ein Bedürfnis, mein Leben zu verarbeiten.
Wirst du denn oft auf dein Privatleben und die Beziehung zwischen dir und Max Herre angesprochen?
Darauf werde ich selbstverständlich viel angesprochen. Und ich würde das auch niemals in den falschen Hals bekommen, dass ich darauf angesprochen werde. Die Trennung war offensichtlich, wir sind offensichtlich wieder zusammen und diese Platte ist während der Trennung und dem wieder-Zusammenkommen entstanden. Insofern finde ich diese Frage nach meiner Beziehung legitim.
Wenn du in vielleicht 20 Jahren in dein Album reinhörst, ist es wie ein gutes Fotoalbum, und es erinnert dich an die Zeit, die dich emotional sehr bewegt hat.
Ja, vielleicht. Aber das Verhältnis zwischen mir und meinen Texten, meiner Musik oder meinem Werk verändert sich ständig. Ich könnte dir heute nicht sagen, ob ich mein aktuelles Album gut, cool oder peinlich finden werde. Das kann alles passieren, das hängt immer davon ab, wo man sich gerade selbst befindet. Es gab schon Momente, in denen ich alte Lieder von mir gehört habe, die ich dann nicht mehr in dem Maße cool fand wie damals.
Der Titel deines Albums lautet Maureen, dein Vorname, aber auch der Name der ersten großen Liebe deines Vaters. Zollst du dieser Frau mit dieser Geste Respekt?
Also in erster Linie bin ich Maureen. Aber das meine Eltern mich so genannt haben, ist eine große Geste vor allem von meiner Mutter.
Allerdings ist es eine große Geste von deiner Mutter. Beeindruckend.
Meine Mutter war einfach die Coolste. Diese Größe habe ich bis heute nicht gehabt. Meine Mutter war eine besondere Frau. Den Schritt zu gehen, der ersten eigenen Tochter diesen Namen zu geben, ist nichts, was man mal eben revidieren kann.
Trotzdem bin ich Maureen, auch wenn diese Frau in Afrika lebt und sie im Leben meines Vaters eine Rolle gespielt hat.
Wo wir gerade über Afrika sprechen. Bist du regelmäßig in Afrika?
Ich versuche, immer einmal im Jahr da zu sein. Der Kern meiner afrikanischen Familie lebt in Johannesburg, aber ich habe es leider in den letzten drei Jahren nicht geschafft.
Du engagierst dich für südafrikanische Frauen in einem Selbsthilfeprojekt. Erklär doch bitte mal, was das Konzept dieses Projektes ist.
Das Projekt nennt sich Wola Nani. Ich fand die Idee schon immer toll, dass man Ware abnimmt und sie sozusagen weiterverkauft. Damit wird auch die Geschichte weiterverkauft. Das ist ein vollkommen faires Business. Ich finde, es ist es immer wert, HIV-infizierte Frauen zu unterstützen, die durch ihre eigene Arbeit versuchen, ihr Leben zu finanzieren und eine bessere Situation für ihre Kinder zu schaffen. Hilfe zur Selbsthilfe ist ein interessanter Weg von Charity.
Dass du afrikanische Wurzel hast, ist in vielen Interviews Thema.Du bist Mutter, die als schwarze Frau in Deutschland lebt, die Karriere und Familie unter einen Hut bringen muss. Bist du es leid, dass deine Hautfarbe immer noch wie ein Defizit oder Hindernis aufgezählt wird?
Für viele ist es immer noch sehr relevant und ein großes Thema. Für mich kommt es immer auf die Situation an, in der ich darauf angesprochen werde. Rassismus existiert sehr viel unterschwelliger, als der Nazi, der seine Meinung offen nach außen trägt. Das hat sich aktuell in der ganzen Sarrazin-Diskussion gezeigt. Wie viele Menschen dagegen sind, dass „Ausländer“ in Deutschland leben, und wie viele sich nicht integrieren wollen. Dabei fehlt mir gänzlich die Selbstreflektion.
Persönlich würde mir nie Gewalt zugefügt, weil ich anders aussehe, aber was mich stört ist Ignoranz, die sich darin äußert, dass ich häufig auf englisch angesprochen werde, weil die Leute denken, das ich nicht Deutsche sein kann und somit auch nicht die Sprache verstehe.
Schöner würde ich es finden, wenn man bei jedem, den man in Deutschland auf der Straße trifft, erst mal davon ausgeht, das er Deutscher ist.
Ich werde das Thema nie leid sein. Es ist gut, dass es präsent bleibt.
In welcher Sprache fühlst du dich denn Zuhause?
Oder in welcher Sprache träumst du?
Meine Träume sind auf Deutsch. Aber ich fühle einen Song, den ich schreiben möchte, nicht auf Deutsch. Das passiert bei mir auf Englisch. Was schlicht und ergreifend an meinen Hörgewohnheiten liegt. Meine Musikrichtungen, die ich selbst höre sind englisch.
Die Platte habe ich zuerst auch auf Englisch geschrieben. Dann habe ich sie übersetzt, um zu sehen oder zu hören, wie sie auf Deutsch klingt. So habe ich mich peu à peu durch das gesamte Album gearbeitet. Das heißt, die Platte existiert auf Englisch genauso wie auf Deutsch.
Aber die große Errungenschaft dieses Albums war, dass das Album auch auf Deutsch gut klingt. Die deutsche Sprache ist etwas sperriger. Und wer hätte mir da besser helfen können als Max Herre?
Ja, eine gute Wahl, Max Herre mit ins Boot zu holen. Neben Max hat auch Julian Williams alias J-Luv mitgearbeitet. Er singt bei dem Titel „Nie wieder, nie mehr“ die Hook. Wie kam es, dass du dich für ihn entschieden hast?
Ich halte ihn für einen sehr guten Sänger. Das ist der Hauptgrund. Er singt auf Deutsch ausgesprochen schön, und für mich stellte sich die Frage nicht, wer bei dem Song mitarbeiten sollte. Ich wollte, dass er es macht.
Vielen Dank und nur das Beste!!
CoCo

