Es ist wohl die Tristesse der Ironie des Schicksals, wenn eine erstklassige Band wie The Notwist seit Jahren in Amerika, England und Asien ausverkaufte Konzerte spielen, während sie in ihrer eigentlichen Heimat Deutschland zwar große Hallen füllt, aber bis den Top10-Entry ihres Erfolgsalbums „Neon Golden“ noch immer eher ein Independent-Geheimtipp wären.

Auf (Selbst-)Mitleid ist man bei der Band, wie Interviews verraten, dennoch nicht aus.
Es scheint vielmehr so, als seien die Musiker froh und dankbar, dass sie jahrelang in aller Seelenruhe an ihren Kunstwerken feilen können, ohne ständig im Zentrum des medialen Interesses zu stehen.
Das jedoch ist ihnen spätestens mit dem neuen Album, das im Mai 2008 via City Slang veröffentlicht wird, wieder gewiss.
Aber zunächst einen Rückblick auf die Geschichte der Band.

Angefangen hat alles so ganz anders, als es neue Fans heute vielleicht vermuten würde. Gegründet als Schülerprojekt von den Brüdern Micha und Markus Acher in der bayerischen Provinz des Städtchens Weilheim, hatten sich The Notwist zunächst den härteren Tönen verschrieben, was schnell zu einer gewissen regionalen Popularität führte, die letztlich im Jahr das Debüt mit dem schlichten Titel „Notwist“ zu Tage förderte.

Es folgten Tourneen mit Künstlern wie der Punk-Ikone Bad Religion, den deutschen Lyrik-Helden Blumfeld und anderen Größen der frühen 1990er. Die Kritiker überschlugen sich angesichts der Kreativität der Band, die schon damals vermuten ließ, welches Potenzial der Band steckt.

Mit dem zweiten Album „Nook“, das bis heute für viele Fans der Meilenstein der Band-History ist, verschlägt es die Band 1992 erstmalig nach Amerika, wohin es die Bayern von nun an in regelmäßigen Abständen treiben wird.
In den kommenden Jahren widmet man sich nach der Rückkehr im Weilheimer Notwist-Stützpunkt, den Uphon-Studios, neuen Aufgaben, die sie größtenteils in Soundtrack-Tüfteleien finden.

Als Resultat erscheint das „12“-Album, das im Folgenden auch in den USA veröffentlicht wird. Immer weiter entwickeln sich The Notwist in Richtung elektronischer Konzept-Musik, die bis zum heutigen Tag den typischen Sound prägt.
Mit dem dauerhaften Einstieg des Sound-Experten Martin Gretschmann, der auch unter dem Pseudonym „Console“ aktiv ist, verfolgt man nun endgültig die Umsetzung der eigenen Vorstellungen von eingängiger Popmusik, ohne sich um die Einhaltung von Regeln zu kümmern.
Was eine Band wie The Notwist auszeichnet, ist die Tatsache, dass sie sich nur selbst verpflichtet sind. Das demonstriert auf vorbildliche Weise auch die Dokumentation „On/Off The Record“ des Filmemachers Jörg Adolph, die während der vier Jahre dauernden Entwicklungsphase von „Neon Golden“ – nach wie vor im Weilheimer Studio – zeigt.
Weniger als Musiker denn als Klang-Künstler versteht sich die Band inzwischen. Aus der brüchigen Stimme von Markus Acher und der bis zum heutigen Tage nicht gewöhnlichen Mixtur aus sphärischen Sound-Welten, Gitarren und songdienlichen Beats, wird ein großes Ganzes, das erklären kann, warum The Notwist von so vielen jungen Musikern als Einfluss bezeichnet werden, der sie zum Musikmachen getrieben hat.
Die Lieder erzählen von den kleinen und großen menschlichen Unzulänglichkeiten, werden dabei aber niemals fade, auch auf codierte Formulieren wird verzichtet. Es geht vielmehr um die existenziellen Dinge, die jeden mehr oder weniger belasten und alles in Frage stellen lassen.
Mit Blick auf die zahlreichen Kooperationen der Notwist-Mitglieder und die Aktivität der einzelnen Musiker in Projekten aus unterschiedlichsten Stilrichtungen zeigt sich einmal mehr der Anspruch, Kunst als das zu verstehen, was sie ist: Im stetigen Wandel befindlich. Nur in der Veränderung liegt die Chance zur Weiterentwicklung, das wird mit jedem neuen Album der Band klarer denn je.
Und auch das nun erscheinende siebte Album der Band, „The Devil, You And ME“, samt großer Tour schickt sich an, The Notwist nach zwei Jahren harter Arbeit gebührend für ihre Mühen zu belohnen.
