„Ich bin ein Kind des LSD. Ohne Vision geht bei mir gar nichts.“

Sleaze im Gespräch mit dem französischen Musiker und Grand Prix Teilnehmer Sébastien Tellier.
Nachdem wir in Clärchens Ballhaus, einer Ost Berliner Institution für gepflegten Paartanz, mitten im Sommer in den Wintergarten vorgedrungen sind, führt kein Blick mehr an diesem Mann vorbei. Es ist nicht der Brad Pitt Effekt, der den Blick des Betrachters nicht weichen lässt.
Nein, es ist etwas anderes.
Sébastien Tellier ist einfach eine imposante verwilderte Erscheinung.
Der Mann muss an die zwei Meter messen und mit seiner riesigen Sonnenbrille, wäre er der direkt gewählte Kandidat für das Remake der „Fliege“ Klassiker.

Sein haariges Wesen, die gelbe Hose kombiniert mit rosa Socken leisten ein Übriges. Man kommt nicht umhin an Guildo Horn zu denken. Behaarter, versteht sich. Man stellt sich vor. Ein sanfter Händedruck heißt uns willkommen und gibt die Gewissheit keine überhebliches Arschloch vor sich sitzen zu haben. Aber das ahnte man bereits.
Zu charmant und lieblich spielte sich seine Musik in unsere Ohren, als das man ernsthafte Zweifel an der Aufrichtigkeit dieser Person gehabt hätte. Wer so aussieht muss einfach nett sein. Wir beginnen unser Gespräch und der Eindruck bestätigt sich.
In französischenglischen Kauderwelsch sprudelt es aus Sébastien heraus.
Obschon er leicht angeschlagen wirkt erzählt uns der gebürtige Pariser gut gelaunt von seinem Leben als französischer Grand Prix Star, politischen Machenschaften im Wettbewerb und seinem großen Traum: Nein, nicht den Gewinn des Eurovision Song Contests 2009. Es geht um den Sébastien Tellier Themenpark für Erwachsene. Das ist sein Ziel.
Dafür macht er doch den ganzen Scheiß. Also Hereinspaziert. Hier wird Euch geholfen.

Sébastien, du warst Frankreichs popkultureller Beitrag für den Grand Prix 2008. Eine ungewöhnliche Entscheidung. Erzähl uns doch bitte wie es dazu kam.
Sebastién Tellier: Nach einem Auftritt in Paris kamen zwei Typen vom französischen Fernsehen auf mich zu und fragten: „Sebastién, möchtest Du beim Eurovision Song Contest dabei sein?“
Ich sagte: „Ja!“
Das ging Dir ganz einfach über die Lippen?
Weißt Du, ich habe das für meine Familie getan um Ihnen eine Freude zu machen. Die haben soviel unter mir zu leiden gehabt und mit dem Eurovision Contest haben sie endlich mal etwas worauf sie stolz sein können. Außerdem war es cool in den Clubs in denen ich auftrat ansagen zu können, dass ich für Frankreich zum Grand Prix fahre.

In Deutschland gibt es einen richtigen Ausscheidungswettbewerb. Das war in Frankreich nicht der Fall?
S.T.: Nein, da gab es nur mich.
Und die Aussicht auf eine Karriere als europäischer Popstar?
S.T.: Soweit hatte ich da noch gar nicht gedacht, Als ich anfing das Ganze vorab zu reflektieren, kam ich natürlich nicht umhin, meine Entscheidung ernsthaft in Zweifel zu ziehen.
Ich mein, eigentlich ist der Grand Prix eine richtig schlechte Veranstaltung.
Aber so nach und nach sah ich darin immer mehr Sinn, denn letztendlich konnte es meiner Musik ja nicht schaden, sondern im Gegenteil, es hat sie ja eher beflügelt.

Dein Song „Divine“ steht seitdem ganz oben in den iTunes Charts.
S.T.: Ja, das stimmt. Und dennoch muss ich natürlich versuchen eine gewisse Distanz zwischen meinem künstlerischen Schaffen und diesem Lied einzuhalten. Ich möchte natürlich nicht nur darüber definiert werden und womöglich Jahre später immer nur auf dieses Ereignis angesprochen werden.
Siehst Du da denn eine ernsthafte Gefahr. Deine Performance viel ja eher aus dem Grand Prix Rahmen, was natürlich auch an deinen bärtigen Backgroundsängerinnen gelegen haben könnte?
S.T.: (lacht) Ja, auf diese Art war es natürlich unmöglich den Wettbewerb zu gewinnen. Die ganze Veranstaltung ist ja aber auch eine einzige Verarschung. Ich mein, beim Grand Prix entscheidet ja nicht das Publikum über den Gewinner, sondern das ist eine rein politische Entscheidung.
Das musst Du uns erklären.
S.T.: Ist doch klar. Russland braucht unbedingt ein besseres Image und Serbien scheint mir im Rest der Welt auch nicht so richtig beliebt zu sein. Also versuchen sie über die Anziehungskraft des Grand Prix ein bisschen an ihrer Außendarstellung zu basteln.

Du meinst vermeintlich unsympathische Staaten versuchen sich einzuschleimen?
Wäre es dann aber nicht besser uns Westeuropäer einfach mal gewinnen zu lassen?
S.T.: (lacht) Ja, definitiv. Aber soweit denken die ja leider nicht.
Was hat es Dir denn gebracht dort, zwischen all Schlagersängern dein Lied zu präsentieren?
S.T.: Mal abgesehen davon, dass es wirklich eine total beschissene Show ist, war es für mich natürlich schon ein tolles Erlebnis auf dieser riesigen Bühne. Und dann diese ganze VIP Behandlung mit Bodyguards und Party ohne Ende.
Das ist auf jeden Fall eine ganz komische Welt. Da hast Du teilweise das Gefühl, als wärst Du bei den olympischen Spielen. Der magische Geist der fünf Ringe oder so was in der Art.
Das lag wahrscheinlich an dem russischen Beitrag. Die hatten sich ja für ihren Beitrag den Olympia Sieger im Eiskunstlauf herangeholt.
S.T.: Genau. Der fuhr die ganze Zeit im Kreis. Immer um den Sänger rum. War richtig dramatisch. Ich glaube so was hat mir gefehlt.

Wie wurdest Du eigentlich von den anderen Teilnehmern empfangen?
S.T.: Die hatten sicherheitshalber die Tür zu ihren sonst so offenen Herzen fest verriegelt, so dass ich da eigentlich komplett außen vor war. Mal abgesehen von meinen treuen Anhängern. (lacht)
Das mag an deiner Einzigartigkeit liegen.
S.T.: Da hast Du wahrscheinlich Recht. Also musikalisch war das auf jeden Fall so. Ich meine, alle anderen haben ja im Prinzip immer nur denselben Scheiß Song gesungen.
Sebastién beginnt einen monotonen Beat auf dem Tisch zu Trommeln und singt dazu im Rhythmus mit theatralischer Stimme: „Oho Freedom. Ahhhhh. It´s all about Love.“
Hört sich an wie Divine.
Er hört auf zu Trommeln. Schaut entsetzt und beginnt zu lachen.
S.T.: Weißt Du, mein Song kommt vom Herzen, nicht wie dieser Retorten Müll.
Das werden die anderen Künstler sicher auch behaupten. Erkläre uns was dein Lied besonders macht?
S.T.: Es ist sicherlich auch ein fröhlicher Song, der gute Laune macht, aber er trägt meinen künstlerischen Geist in sich und ist keine hohle Popphrase. Das habe ich auch versucht während meines Auftrittes rüberzubringen.

Das schien nicht ganz rüber gekommen zu sein. Du wurdest 19.
S.T.: Das ist egal. Wichtig ist, dass man meinen Geist in dem Song gespürt hat. Das ist mein Werk und kein anderer hat mir das so und so zurechtgeschnitten. So eine Fake Show wie bei den andere Acts. Das könnte ich nicht ertragen. Keine Vision zu haben und nicht wirklich mit dem Herzen dabei zu sein, wäre für mich undenkbar.
Apropos Vision. Ich habe gehört dein großes Ziel sei der Bau eines Erlebnisparks für Erwachsene. Das kommt dem Grand Prix doch recht nahe.
S.T.: Nicht ganz. Pass auf: In meinen Park kannst Du Autos zu Schrott fahren. Supermärkte niederbrennen.
Du kannst zu Prostituierten gehen und musst nicht befürchten, dass Dir danach dein Ding abfällt.
Ganz einfach, weil es dort keine ansteckenden Krankheiten gibt. Außerdem kann man in Apotheken einbrechen um sich alle möglichen Drogen zu besorgen.
Wann ist Dir das denn eingefallen?
S.T.: Ich bin ein Kind des LSD. Das kommt von ganz alleine.
Dann hast Du ja mit Guy-Manuel de Homem-Christo von Daft Punk den richtigen Produzenten an deiner Seite. Der führt Dich bestimmt zum Schotter?
S.T.: Zumindest weiß er wie man spezielle Musik auf eine Ebene bringt, die sich weltweit verkauft, ohne dass man seine Ideale als Künstler verkauft.

Deshalb die langen Haare und der Rauschebart. Alles nur Tarnung?
S.T.: (lacht). Genau. Abends nehme ich den ab und keiner auf der Straße erkennt mich.
Aber im Ernst. Ich bin da relativ schmerzfrei, wenn es um die Plattform geht, auf der ich mich und meine Musik präsentiere. Ob Eurovision Song Contest oder eine dämliche französische Talkshow. Wenn ich die Möglichkeit bekomme meine Musik, irgendwo ins Rampenlicht zu zerren um auf mich aufmerksam zu machen, dann tue ich das.
Für deine Musik und den Sebastién Tellier Themenpark?
S.T.: Genau. Dafür brauche ich ganz viel Erfolg und noch mehr Geld.
Sébastien, wir danken Dir für das kostenlose Gespräch.
Sébastien Tellier = Singer/Songwriter (Frankreich)
Sein facettenreicher Sound ist eine Mischung aus instrumentaler Musik und gefühlvoll gesungenen Lieder.
Einflüsse der synthetischen Sounds der 1970er Jahre, lassen sich ebenso finden wie klassische Klavierläufe und zurückhaltend gezupfte Gitarrenparts.
Versetzt mit einem Schuss Disko drängen sich dem männlichen Autor unweigerlich Assoziationen an Siebziger Jahre Softpornos auf.
Tellier singt auf Französisch und Englisch.
Schon zu Beginn seiner Karriere gelang dem gebürtigen Pariser Tellier der Anschluss an die elektronische Musikszene der Metropole.
Obwohl musikalisch nicht unbedingt auf den Dancefloor ausgerichtet, übernahm der erfolgreiche French House Produzent Quentin Dupieux alias Mr. Oizo, Kopf hinter der Flat Eric Puppe, auf Telliers Debütalbum „L’incroyable Vérité“ (deutsch: Die unglaubliche Wahrheit), die Aufgabe des finalen Mixes und verpasste Sébastians Ideen den letzten Feinschliff.
Das Album wurde 2000 in Frankreich auf dem Record Makers Label des französischen Duos Air veröffentlicht.
Daraufhin begleitete Sébastian die Band als Support auf ihrer Welttournee. Nachdem 2004 und 2006 seine Alben zwei und drei erschienen, die ihn auch hierzulande bekannt machten, scheint 2008 sein erfolgreichstes Jahr zu werden.
Der groß gewachsene Vollbartträger mit Hang zu bewusstseinserweiternden Mittel trat im Mai dieses Jahres als französischer Beitrag bei dem Eurovision Song Contest in Belgrad an. Als erster Franzose überhaupt sang er seinen Titel größtenteils auf Englisch.
„Es war aber nicht so, dass ich das entschieden hätte. Die Leute vom französischen Fernsehen hatten sich von meiner Platte „Divine“ ausgesucht. Da es mein Song war, hatte ich mit dem Titel natürlich kein Problem.
Es war aber jetzt eben auch keine zwanghaft rebellische Endscheidung meinerseits,“ so Tellier im Sleaze Interview. Er belegte den 19. Platz und war damit im Gegensatz zu den meisten westeuropäischen Teilnehmerländern relativ weit vorne.
Sein neues Album „Sexuality“, das von Daft Punks Guy-Manuel de Homem-Christo produziert wurde, ist auf Record Makers erschienen.
www.myspace.com/telliersebastien
www.recordmakers.com
Diskographie
2001 L’incroyable Vérité
2004 Politics
2006 Sessions
2006 Universe
2008 Sexuality
