Das Kettcar-Sägenmassaker 3

Published on September 26th, 2008

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In den letzten Monaten seiner ehemaligen Band „But alive …“ traf Markus Wiebusch mit dem Fragment „über Musik reden ist wie zu Architektur tanzen“ den Nagel auf den Kopf. Trotzdem verdient KETTCAR – Wiebuschs inzwischen längst renommierte und in Kritikerkreisen hochgelobte aktuelle Band – Redezeit.
In den mehr als zehn Jahren vor Kettcar erspielten sich die Mitglieder als fester Bestandteil der deutschen Punkszene selbst im kleinsten Jugendzentrum eine feste Fangemeinde.
Mit Texten voller Frustration, Wut und dem „Willen zur Veränderung“ galten „but alive …“ als die Speerspitze des intelligenten Deutschpunk. Dann das plötzliche Ende.

Von Credibility und Szene-Rückhalt allein kann eben niemand leben. Nicht gut jedenfalls.
Gut zwei Jahre, nachdem es still um Wiebusch und Co. wird, erscheint das Kettcar-Debüt „Du und wie viele von deinen Freunden“ im Jahr 2002.
Das Album legt in gewisser Weise den Grundstein für eine neue, deutsche Popmusik fern von verbalen Oberflächlichkeiten. Was sich bereits beim Untergang der Vorgängerband abzeichnet, wird Realität.

Endlich findet die Band mehr als nur den erlesenen Kreis der Independent-Hörer, zahllose ausverkaufte Konzerte sind die verdiente Konsequenz eines grandiosen Erstlingswerkes.
Zum Wohle eines größeren Publikums werden die Songs der zweiten Albums „Von Spatzen und Tauben, …“ eingängiger und poetischer.

Als Mittdreißiger hat man eben eine andere Sicht der Dinge.
Große Gefühle bleiben nicht mehr außen vor. Die Inhalte sind weniger politisch, dafür legt man größeren Wert auf Zwischenmenschliches, verzichtet jedoch auf Gefühlsduseleien.
Kettcar demonstrieren, wie eine Band ihrem Stil treu bleiben kann, ohne sich dabei in Belanglosigkeit zu verfangen.

Und nun steht beim bandeigenen Label Grand Hotel van Cleef Album Nummer drei in den Startlöchern. Soviel sei verraten: Experimentelles sucht man auf dem Silberling vergeblich.
Auf den Lorbeeren ruht man sich dennoch nach der Top5-Chartplatzierung des Vorgängeralbums nicht aus. Eine Spur härter, reifer und abgeklärter wirken Kettcar anno 2008. Trotz des häufigeren Synthi-Einsatzes blitzt wieder der Charme aus früheren „but alive …“-Jahren durch, der nichts von seiner Intensität verloren hat.

Mit dem neuen Album „Sylt“ gelingt der Band die logische Weiterentwicklung des Konzepts, dessen Nährboden vor allem konsequente Unzufriedenheit zu sein scheint. In gewisser Weise bildet das Album einen Brückenschlag zu den eigenen Wurzeln, die irgendwo zwischen emotionaler Popmusik und studentischem Deutschpunk, der in diesem Fall keinesfalls als Schimpfwort verstanden werden darf, verortet sind.
Das Fehlen der großen Experimente ändert nichts an der typischen Kettcar-Aussage.Denn gemessen werden die Hamburger ohnehin seit Anfangstagen an den kritischen, teils kryptischen Texten des Frontmannes Wiebusch. Anders als bei vermeintlichen Szene-Kollegen sind diese weit mehr als nur notwendiger Bestandteil, der sich aus leeren Begriffen und bloßen Versatzstücken zusammensetzt.

Der stetig wachsenden Fangemeinde wird auch die neue Platte „Sylt“ Hoffnung geben. Hoffnung, dass es noch Sinn macht zu hoffen. Den Anhängern wird es egal sein, dass Markus Wiebusch von Kritikern gerade das ständige Ausloten von Gemeinsamkeiten und Emotionen vorgeworfen wird.
Denn auch, wenn die Songs die Welt nicht besser machen. Wer die Band live gesehen hat, kann bestätigen: Kettcar sind das Sprachrohr für viele, die ihrem Unmut über das Hinnehmen und Ja-Sagen allein nur in Zimmerlautstärke Luft machen können. Allein das Grund genug, über die Band und ihre Musik zu reden.

Matthias

VÖ 18.05.2008
www.kettcar.net
www.myspace.com/kettcar

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