Booka Shade – Interview

Published on September 19th, 2008

Fremd im eigenen Land

An einem Mittwoch im April trafen wir mit Walter Merziger und Arno Kammermeier die elektronische Zweimann-Band Booka Shade in den Räumlichkeiten ihres Berliner Labels Get Physical.

Das Duo lud zum Pressetermin ihres dritten Werkes „The Sun & The Neon Light“, das Anfang Juni erscheinen wird. Dass die internationale Popularität der Beiden hierzulande außerhalb der elektronischen Kreise in relativer Unbekanntheit grenzt, ist erschreckend und zeugt vom ausgeprägt schlechten, deutschen Musikgeschmack. Auch Booka Shade ist das Ganze ein wenig suspekt, wie sie uns im Interview versichern.
Dabei spricht ihre musikalische Vergangenheit eigentlich massenkompatible Bände. Culture Beat. No Angels. Das Produzententeam Kammermeier & Merziger hatte sie alle im Studio. Lange ist es her.

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Bei Kaffee und Croissants plaudern sie dennoch ganz gerne darüber. „Warum sollten wir das verheimlichen? Es kommt sowieso alles raus.“ Richtig, dann lieber gleich ganz exklusiv SLEAZE erzählen.

SLEAZE: Gleich zu Anfang: Im Ausland werdet ihr gefeiert wie Popstars und in der Heimat fristet ihr ein eher unscheinbares Dasein. Woran liegt das? Habt ihr Euch bewusst für die internationale Bühne fernab des deutschen Kleinbürgertums entschieden?

Arno Kammermeier: Nein, bewusst nicht, aber als wir damals mit unserem Label an den Start gingen, war es einfach so, dass wir relativ schnell in England anerkannt wurden. Und das war für deutsche Musiker wie uns natürlich Klasse, denn eigentlich gehen die Briten ja davon aus, dass sie Pop oder eben moderne Musik im weitesten Sinne erfunden hätten.
SLEAZE: Der popkulturelle Ritterschlag.
A.K.: Ja. Das haben wir dann natürlich auch ausgenutzt, indem wir viel dort gespielt haben. Hinzu kam aber auch, dass sich unsere erste Platte (Body language; Anm. d. Red.) ganz langsam auf Ibiza zu einem richtigen Clubhit entwickelte. Über diesen Weg kamen dann natürlich auch etliche andere Anfragen. Nur eben nicht aus Deutschland.
Walter Merziger: Wir hatten da einen legendären Auftritt auf dem Sonar Festival, irgendwo in so einer alten Kapelle. Das war für uns sozusagen der internationale Durchbruch. Danach folgten Bookings in Sydney, L.A., New York.
SLEAZE: Nur in Deutschland fristet ihr immer noch ein stiefmütterliches Dasein. Habt ihr eine Erklärung dafür?
Walter Merzinger: Wir haben in Deutschland einfach noch gar kein richtiges Level erreicht. Das ist schon irgendwie komisch. Immer wenn du nach Hause kommst, kannst du nur die Videos zeigen, auf denen die Leute völlig durchdrehen. Die Menschen hierzulande können das ja gar nicht nachvollziehen, was außerhalb eigentlich bei uns abgeht. Die haben einfach noch nie irgendetwas von uns gehört.
SLEAZE: Wenn man eure musikalische Vergangenheit durchforstet, ist das aber eigentlich eher unwahrscheinlich. Culture Beat. No Angels. Das Produzententeam Kammermeier & Merziger war in vergangenen kommerziellen Frankfurter Tagen recht umtriebig.
W.M.: Was uns heute natürlich auch die Freiheit gibt, nicht nur das Geld im Kopf zu haben. Da stoßen wir aber auch gleich auf ein typisch deutsches Problem. In Amerika sagen die Leute: Was, ihr habt den Charthit oder die erfolgreiche Gruppe produziert? Werbespots für Nivea, BMW oder Levi‘s gemacht? WOW! Respekt. In Deutschland wird einem da gleich der Strick angelegt und ganz schnell zugezogen.
SLEAZE: Nie daran gedacht, gewisse Sachen aus dem Bandlebenslauf zu entfernen?
W.M.: Nein, wir waren uns von Anfang an einig darüber, dass wir mit Booka Shade offen und ehrlich zu Werke gehen. Wir haben sogar Hermes House Band produziert. Na und?
A.K.: Natürlich waren wir uns darüber bewusst, das du mit dieser chartorientierten Historie hierzulande ständig konfrontiert werden würdest. Aber es deshalb unter den Tisch kehren?
In Zeiten des Internets kommt doch sowieso alles wieder hoch. Das kann man gar nicht verhindern. Dann schon lieber dazu stehen. Und in gewisser Weise sind wir ja auch stolz darauf.
W.M.: Außerdem haben wir dabei einfach auch verdammt viel gelernt. Schöne Momente , aber auch schmerzliche Erfahrungen mit Tränen in den Augen. Das wir heute nicht nur die finanzielle Freiheit haben, ein ganzes Sinfonieorchester an Land zu ziehen, sondern auch wissen, was wir damit anfangen, wie wir es aufnehmen. Das haben wir ganz einfach auch dieser Zeit zu verdanken. Von Punkband bis Chartpop, das haben wir alles durch. Mit Booka Shade machen wir nur noch Sachen, auf die wir richtig Bock haben!
SLEAZE: Dabei viel Spaß. Arno. Walter, vielen Dank für das Gespräch.

SLEAZE = Tim

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